Explosiver Filmstoff: Schülerprojekt „Das Millionengrab” sorgt für Aufmerksamkeit

Ein Polizeiduo geht gegen ein Verbrecher-Syndikat vor, das in der Stadt sein Unwesen treibt, kämpft sich durch Explosionen, bestreitet Verfolgungsjagden in der Stadt und wie immer siegt das Gute gegen das Böse. Nein, hierbei handelt es sich nicht um die TV-Movie Kurzbeschreibung eines sonntagabendlichen Tatorts, sondern um ein Kurzfilmprojekt von Schülerinnen und Schülern der Winterhuder Reformschule. Wir möchten hier das einzigartige Schulprojekt näher vorstellen und haben dazu mit der Sozialpädagogin Constanze von Appen gesprochen, die den spannenden Actionfilm begleitete.

Können Sie als Einstieg kurz das Projekt umreißen ‒ Mitwirkende, Dauer, Ablauf usw.?

Constanze von Appen: „Es wurde drei Wochen im August gedreht.16 Schüler der Klassenstufe acht bis zehn waren beteiligt. Dabei wurde darauf wert gelegt, dass gleich viele Kinder aus den jeweiligen Klassenstufen beteiligt sind und auch etwa gleich viele Jungs und Mädchen. Von Schulseite aus wurde das Projekt von unserem Kulturagenten Matthias Vogel und mir als Sozialpädagogin betreut. Hinzu kamen noch zwei professionelle Filmemacher aus Heidelberg und Karlsruhe.”

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„Von den drei Wochen hatten wir eine Woche zur Vorbereitung. Dort ging es dann um die Theorie, also: Wie gehe ich mit einer Kamera um? Wie mache ich das mit den Ton-, Lichteinstellungen? Wer muss welches Kostüm tragen, wo bekommen wir Kostüme her? usw.. Wir haben Schauspielübungen gemacht und auch schon kleine Probeszenen gedreht. Die Jugendlichen haben so gut wie alles selbst gemacht. Wir hatten auch ein kleines Maskenbildnerteam ‒ ein Mädchen hat extra in den Ferien einen Workshop besucht und konnte dann sogar Narben schminken.”

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„In Woche zwei und drei haben wir dann jeden Tag acht bis zehn Stunden gedreht. Wir waren dafür an verschiedenen Orten in Hamburg unterwegs z.B. Elbphilharmonie, City Nord, in Bürogebäuden, alten Fabrikhallen, auf dem Rathausmarkt. Alle Schüler hatten jeden Tag eine Auftrag, auch wenn sie nicht vor der Kamera standen. Kamera und Ton, Schminken, Kostüm, Ausstattung, Verpflegung usw..”

„Das Drehbuch haben die Schüler nicht geschrieben. Seit Februar bestand die Gruppe und wir haben uns in regelmäßigen Abständen getroffen und Vorbereitungen gemacht. Und dann stand die Frage im Raum, ob sie das Drehbuch mitschreiben wollen, dann aber weniger Zeit zum Drehen geblieben wäre. Die Schüler haben sich einheitlich dafür ausgesprochen, dass sie ein fast fertiges Drehbuch haben wollen, damit der Film aufwändiger und länger wird.”

Wie kam man darauf, so einen Film mit Schülerinnen und Schülern zu machen?

Constanze von Appen: „Wir haben im letzten Jahr an unserer Schule mehrere Projekte gemacht, die sich alle mit Pop- und Subkultur beschäftigt haben, wie zum Beispiel Flashmobs, Computerspiele oder Street-Art. Der Film ist eines davon und wurde initiiert vom Kulturagenten an unserer Schule, Matthias Vogel. Der ist selber Filmemacher und konnte sich das im Kontext Schule gut vorstellen. Und es ist ja auch ein Actionfilm, ein Genre, das Jugendliche gerne sehen. Gleichzeitig sollte aber auch deutlich werden, was dahinter steckt: Wie entsteht ein Film? Wie ist das mit der Technik? Wie schneidet man? Wie dreht man Actionszenen, ohne sich zu verletzen?”

Sie sind Sozialpädagogin. Wie kamen Sie zu diesem Projekt?

Constanze von Appen: „Ich arbeite seit fünf Jahren hier an der Schule. Für die achten bis zehnten Klassen gibt es seit 2006 bei uns „Herausforderungen“. Das ist ein dreiwöchiges Unterrichtsformat, das immer zu Beginn des Schuljahres durchgeführt wird.
Die dahinter stehende Idee ist, dass junge Menschen, insbesondere in der Pubertät, etwas anderes brauchen als formalisierten Unterricht. Viel wichtiger ist Selbsterprobung, die Beziehung zu anderen und Emanzipation von denen, die einen bisher bestimmt haben. Junge Menschen in diesem Alter brauchen vor allem Erlebnisse und Abenteuer. Eine andere Herausforderung ist zum Beispiel eine Alpenüberquerung. Unsere Schule macht Angebote, aber die Schüler können sich auch selbst Herausforderungen ausdenken, und die werden dann entweder von Lehrkräften oder Sozialpädagogen wie mir betreut.”

Wie wurde der Film finanziert?

Constanze von Appen: „Wir hatten eine Förderung von den Kulturagenten erhalten, von der die Filmemacher bezahlt wurden. Daneben haben die Schüler 3.000 Euro selber erwirtschaftet. Das ging von A bis Z: den Hausflur von Oma und Opa einmal die Woche wischen, beim Einkauf helfen, Sachen bei Ebay verkaufen, Kuchenbasar und Flohmärkte in der Schule, bei den Eltern in der Firma um Sponsoring gefragt usw. ‒ da war alles dabei. Von dem erwirtschafteten Geld wurden dann Kostüme, Materialien etc. besorgt.”

Was waren die besonderen Herausforderungen?

Constanze von Appen: „Was für viele eine Herausforderung darstellte, war, sich vor die Kamera zu stellen und sich selber zu hören und zu sehen. Wie spiele und wie wirke ich? Die Texte waren auswendig zu lernen und man musste ganz viel Geduld mitbringen, auch wenn man mal nicht dran ist. Wenn eine Szene mal nicht sitzt, dann dreht man da ja manchmal bis zu einer Stunde.”

Stunts, Verfolgungsjagten etc. – wie wurde das alles gelöst und umgesetzt?

Constanze von Appen: „Bei den Stunts und Verfolgungsszenen mit dem Auto sind wir gefahren, oder auch Eltern ‒ es war ja noch keiner achtzehn. Wir haben dann ein wenig getrickst und z.B. ein Lenkrad vom Schrottplatz geholt und es auf die Beifahrerseite montiert und das Bild dann hinterher im Schnittprogramm gespiegelt. Für eine Szene, in der unser Kommissar an einer Feuertreppe hängt, hat uns einen ganzen Tag ein Stunt-Koordinator vom NDR geholfen.”

Drei Wochen keine Schule – wie war das zu rechtfertigen?

Constanze von Appen: „Das betrifft alle Klassenstufen von acht bis zehn. Die jüngeren Schüler machen dann in der Zeit Klassenreisen und es kommen die neuen Schüler und es werden Kennenlernwochen veranstaltet. Daher ist der Zeitraum dafür eigentlich ganz gut gewählt. Wir haben auch so ein übergreifendes Lernsystem, das immer Fünft-Sechst-und Siebtklässler in einen Klassenverbund zusammenschließt sowie die Schüler der achten, neunten und zehnten Klassen auch. So lernen sich die Schüler auch gleich nochmal besser kennen. Da eignen sich solche Projekttage für Kennenlernphasen immer ziemlich gut, was auch für die Kinder enorm wichtig ist. Außerdem: es ist ja trotzdem Schule, was wir hier machen – nur eben ein bisschen anders.”

Der Erfolg des Films ist nicht gering, können Sie einen Überblick über die bisherige Resonanz geben?

Constanze von Appen: „Die Premiere steht uns ja noch bevor (02.02.2014), aber allein schon auf die Fotos und unsere beiden Trailer hatten wir wirklich super Feedback – sowohl in der Schule, als auch von außen. Wir sind selbst überrascht, wie groß die Aufmerksamkeit ist, offenbar sind Actionfilme doch eher selten an Schulen. Es gab natürlich auch ein paar kritische Stimmen – Kinder und Jugendliche und Waffen ist natürlich ein emotionales Thema. Aber wir haben sehr gründlich mit den Eltern unserer Teilnehmer besprochen, was wir hier machen und finden total sinnvoll, dass es auch in der Schule ein Angebot gibt, wo die Jugendlichen über ihre Seherfahrungen und über die Filme, die sie sich zu Hause anschauen, sprechen und diskutieren können, und das mit Erwachsenen, die sich in diesen Bilderwelten auskennen und diese nicht verteufeln.”

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Wie geht es weiter?

Constanze von Appen: „Das Ziel der Herausforderung war, einen Kurzfilm zu drehen – das haben wir jetzt erst mal geschafft. Nach der Premiere wird der Film auf DVD erscheinen und wir werden ihn auf Kinder -und Jugendfilmfestivals sowie auf großen Filmfestivals einreichen. Das kommt jetzt alles so langsam ins Rollen.”
Wer mehr über die Arbeit eines Kulturagenten wissen möchte, kann sich dazu im folgenden Artikel belesen: AlltagsHELDEN statt Eintagsfliegen: Wie Kultur an Schulen gelangen und gelingen kann

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Titelbild/Bilder: ©http://www.kulturagenten-programm.de/laender/projekte/5/153