Flipped Classroom: Das Gebrüder Montgolfier Gymnasium berichtet

Das Leitbild des Gebrüder Montgolfier Gymnasiums in Berlin setzt sich aus Teamfähigkeit, Kommunikation und Kreativität zusammen. Dass die Schule diese drei Eigenschaften besitzt, hat sie im Flipped-Classroom-Pilotprojekt bewiesen. Unter der Leitung von Schulleiter und Biologielehrer Jörg Freese haben sich die Lehrerinnen und Lehrer der Herausforderung gestellt, ihren Unterricht umzudrehen.
Wir haben mit Jörg Freese, der Biologielehrerin Claudia Singer und dem Mathelehrer Sascha Vorwerk über ihre ersten Erfahrungen mit der Flipped-Classroom-Methode gesprochen.

Sie habe sich entschieden, den Biologie- und Mathematikunterricht an Ihrem Gymnasium in einigen Klassen anders zu gestalten und etwas Neues auszuprobieren. Welche Erwartungen hatten Sie ihm Voraus an das Flipped-Classroom-Modell?

Jörg Freese: „Ich finde grundsätzlich erst einmal spannend und interessant, neue Wege zu gehen und den Schülerinnen und Schülern Abwechselung zu bieten. Immer gleiche Wege werden nach einer Zeit langweilig. So habe ich das Flipped-Classroom-Modell als eine Möglichkeit gesehen, Unterrichtsentwicklung zu betreiben und die neuen Medien in den Lernprozess mit einzubeziehen. Zwar können die jüngeren Kolleginnen und Kollegen auf der Klaviatur der neuen Medien häufig spielen, aber ältere Lehrerinnen und Lehrer eben nicht. Trotzdem müssen wir die Schülerinnen und Schüler auf eine Zukunft mit Medien vorbereiten. Deswegen ist diese Unterrichtsmethode sehr interessant für mich.”

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Wie haben Sie sich auf dieses Konzept vorbereitet?

Claudia Singer: „Also ich habe mir erst einmal das Konzept angeschaut. Dann habe ich verschiedene Videos, deren Unterrichtsreihen ich gerade unterrichtete, durchforstet und überlegt, wie ich diese am besten einsetzen kann. Anschließend habe ich mir für die Erarbeitung Fragen und Anwendungsbeispiele überlegt. Den Film zeige ich entweder im Unterricht, biete ihn in Form von Lernbüros an oder gebe das Anschauen des Videos als Hausaufgabe auf.”

Haben Sie das klassische Flipped-Classroom-Modell umgesetzt?

Claudia Singer: „Nicht nur! Das haben wir natürlich auch gemacht, aber mir fehlte dabei gerade in der Biologie der problemorientierte entdeckende Ansatz. Aus diesem Grund war es manchmal für mich sinnvoller, die Videos zur Erkenntnisgewinnung in anderen Lernphasen zu nutzen.”

Jörg Freese: „Also ich habe das erste Video tatsächlich im Unterricht gezeigt, was sehr produktiv war. Zwar hat man früher auch mal Filme im Unterricht angeschaut, aber die sofatutor-Videos, die ich für meinen Unterricht verwendet habe, sind knapp, würzig und dadurch punktuell einsetzbar. Früher standen einem oftmals nur 20-minütige Filme zur Verfügung. Solche Filme zeige ich nicht, da die Schülerinnen und Schüler in dieser Zeit in eine Passivität verfallen. Und bei kürzeren Videos können sie wirklich aktiv mitarbeiten.”

Wie sieht Ihr Lehreralltag heute im Gegensatz zu vorher aus? Was hat sich geändert?

Sascha Vorwerk beim Flipped-Classroom-Workshop

Herr Vorwerk (rechts) beim Flipped-Classroom-Workshop © sofatutor.com

Claudia Singer: „Es hat sich ein Großteil der Vorbereitung verändert. Ich stelle die Unterrichtsstunden teilweise komplett um. Der Ablauf dieser Stunden war vorher schon recht eingefleischt: Einstieg, Erarbeitung, Sicherung, Transfer. Diese zeitliche Abfolge und die Herangehensweise muss nun umstrukturiert werden.”

Jörg Freese: „Für mich hat sich nicht so viel verändert. Ich habe mich nie als der Lehrende vor die Schülerinnen und Schüler gestellt, da ich das gar nicht so gut kann. Ich habe immer das Gefühl, mir hören die Schülerinnen und Schüler nach einer Weile gar nicht mehr zu. Nur wenn ich wirklich authentische Inhalte erzähle, bei denen ich eine tiefe Fachkompetenz vorweisen kann, gelingt es mir, die Schülerschaft zu binden. Aber wenn ich von einem Thema erzähle, was nicht wirklich mein Thema ist, dann merke ich, dass mir die Schülerinnen und Schüler nicht so gut zuhören.
Aus diesem Grund habe ich immer schon versucht, die Erarbeitungsphase über Texte oder andere Materialien und durch viel Schülerarbeit zu erreichen. Meine Vorbereitungszeit hat sich somit nur dahingehend verändert, dass ich nun Videos ansehe und nicht nur Texte lese.”

Sascha Vorwerk: „Ich habe meine Erklärphasen durch selbstproduzierte Erklärvideos ersetzt, sodass die Schülerinnen und Schüler das Thema mithilfe der Videos erarbeiten und gegebenfalls auch zurückspulen können. Diese Videos sind eine schöne Ergänzung im Unterricht und werden auch von den Schülerinnen und Schülern gerne angenommen.”

Haben Sie denn sonst auch das Gefühl, dass sich die Motivation oder die Leistung der Schülerinnen und Schüler verbessert hat?

Das Projekt wird unterstützt vom ERASMUS+ Programm der Europäischen Kommission.

Sascha Vorwerk: „Ich befinde mich noch in einem frühen Stadium der Testphase und kann es noch nicht vollends beurteilen. Ich weiß aber, dass sie es spannend finden. Außerdem sehen sie sich die Videos in der Bearbeitungsphase immer sehr ruhig an und lösen die Aufgaben zum Thema dementsprechend gut.”

Jörg Freese: „Ich glaube auch, dass die Schülerinnen und Schüler, wenn sie unser Angebot der Videos nutzen, davon profitieren. Für sie ist das Schauen eines Videos spannender als das Lesen eines Buches. Aber natürlich gibt es auch Schülerinnen und Schüler, die lieber textorientiert arbeiten. Deswegen ist es auch wichtig, hier einen Medienmix aus Texten und Videos anzubieten, mit denen die Schülerinnen und Schüler sich die Themen erarbeiten können.”

 

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Titelbild: Herr Freese (links) und Frau Singer (rechts) beim Flipped-Classroom-Workshop ©sofatutor