Flipped Classroom: Die größten Hürden den Unterricht „umzudrehen“

Jon Bergmann, der Erfinder des Flipped-Classroom-Konzepts, erklärt in seinem Gastbeitrag, was die größten Hürden sind, wenn Lehrer das „Klassenzimmer umdrehen“. Bei diesem Unterrichtsstil eignen sich Schüler und Schülerinnen den Lernstoff per Lernvideo zu Hause an und bearbeiten dazu am nächsten Tag Aufgaben und Übungen – mit Unterstützung der Lehrkraft.

Ich wurde schon mehrmals gefragt, was wohl die größten Hürden sind, die Lehrer überwinden müssen, wenn sie ihr Klassenzimmer „umdrehen“. Meiner Erfahrung nach ist Hürde Nummer eins, dass Lehrer ihre Auffassung von der Unterrichtszeit ändern müssen.

Vom alten Modell zurücktreten

Wenn Lehrer das Flipped-Classroom-Konzept anwenden möchten, müssen sie sich meiner Meinung nach folgende Frage stellen: Wie kann man die Zeit im Klassenzimmer am besten nutzen? Geht es darum, Informationen weiterzugeben oder geht es um etwas anderes? Ich argumentiere, dass wir vom Frontalunterricht einer Gruppe wegmüssen und stattdessen den Unterricht für wert- und sinnvollere Aktivitäten sowie Interaktionen nutzen sollten.

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Warum ist das eine große Hürde? Ich denke, weil viele von uns über viele Jahre den Unterricht in der gleichen Art und Weise gestaltet haben. Ich habe 19 Jahre damit verbracht, Vorträge zu halten und Diskussionen zu leiten. Das Lehren ging mir in Fleisch und Blut über: Tatsächlich hatte ich irgendwann den Punkt erreicht, an dem ich auf Knopfdruck über ein bestimmtes Thema unterrichten konnte – und das ohne Notizen. Im Jahr 2007 hatten Aaron Sams und ich die Idee zu Flipped Classroom  – anfangs war ich selbst noch skeptisch. Ich wollte nicht damit aufhören, Vorträge zu halten. Ich war ein sehr guter Redner (zumindest dachte ich das). Ich stand gerne im Mittelpunkt und mochte es, eine Gruppe von Schülern Naturwissenschaften näher zu bringen.

Meine Unterrichtsstunden waren sehr gut strukturiert und ich hatte gerne alles unter Kontrolle. Als ich anfing, das Flipped-Classroom-Konzept umzusetzen, musste ich die Kontrolle über das Lernens an meine Schüler abgeben. Das war nicht leicht für mich. Aber wissen Sie was? Es war das Beste, das ich jemals in meiner Lehrerkarriere gemacht habe.

Lernende lehren

Ich sollte Ihnen erzählen, wie wir eigentich auf die Idee kamen. Im Grunde fingen wir mit den Ursprüngen von Flipped Classroom an, nachdem unsere stellvertretende Rektorin uns in einem Gespräch Folgendes erzählt hatte: Sie sah, wie wir unseren Unterricht mit einer Screencast-Software aufgenommen haben und meinte, dass ihre Tochter es liebt, wenn ihr Universitätsprofessor seine Vorlesungen aufnimmt, weil sie dann nicht mehr in der Vorlesung sitzen muss. Das war der Moment, als wir uns fragten: „Was also ist der Sinn vom Unterricht im Klassenzimmer, wenn Schüler den ganzen Lernstoff sich einfach aneignen können, indem sie ein Video anschauen?“ Die offensichtliche Antwort war, dass wir die Zeit im Klassenzimmer wertvoller und bereichender nutzen könnten.

Als ich also – anfangs widerwillig – die Kontrolle abgegeben habe, war ich erleichtert, zu sehen, dass meine Schüler die Verantwortung für das Lernen übernahmen. Eine meiner Schülerinnen zum Beispiel nahm den Unterricht im ersten Halbjahr nie wirklich ernst. Es fiel ihr schwer, mit dem Flipped-Classroom-Modell zu lernen, weil sie nun den Inhalt selbständig lernen musste. Sie wollte immer nur irgendwie durchkommen, anstatt sich mit dem Lernstoff auseinanderzusetzen. Ich bestand darauf, dass sie lernte, bevor wir mit dem Lernstoff weitermachten. Irgendwann im Januar bemerkte ich eine Veränderung an ihr. Sie lernte! In der Tat lernte sie, zu lernen. Als wir uns einmal unterhielten, kommentierte ich die positive Veränderung, die ich an ihr sah und sagte ihr, dass ich stolz auf ihren neugefundenen Erfolg sei. Sie antworte: „Wissen Sie was, Herr Bergmann, ich habe herausgefunden, dass es einfacher ist, wenn ich es gleich beim ersten Mal richtig lerne.“ Ich lachte zufrieden – denn ich sah, wie sie gewachsen war und das Lernen lernte.

In diesem Gespräch wurde mir bewusst, dass ich vielleicht am besten den Schülern beibringen kann, wie man richtig lernt. Wie das Klassenzimmer hat sich auch meine Denkweise „umgedreht“ – ich dachte weniger über den Inhalt nach und mehr über den Lernprozess. Ich habe viele Jahre lang gesagt: „Ich unterrichte nicht Naturwissenschaften, ich unterrichte Kinder“. Aber heute möchte ich das ändern und sagen: „Ich unterrichte nicht Naturwissenschaften, ich bringe Kindern bei, wie man lernt“. Meine eigene Ansicht über meine Rolle als Lehrer hatte sich extrem verändert. Mir wurde bewusst, dass ich die Rolle als Informationsverbreiter aufgeben und die Rolle eines Coach und Lernmoderators aufnehmen musste.

Alternative Bewertungsmethoden

Auch über die gängigen Bewertungsmethoden änderte ich meine Meinung – ich erlaubte meinen Schülern, ihr Wissen mit alternativen Bewertungsmethoden unter Beweis zu stellen. Bisher verlangten wir von allen Schülern, dass sie 75 Prozent erreichen mussten, um eine Prüfung zu bestehen. 74 Prozent waren einfach nicht gut genug.  Aber als ich mich alternativen Prüfungen und Bewertungsmethoden zuwandte, war ich angenehm überrascht, wie mir meine Schüler zeigen konnten, was sie gelernt hatten, ohne dies in traditionellen Tests beweisen zu müssen. Meine Schüler designten Videospiele, machten Videos und setzten Kunstprojekte um. Sie haben mich dazu gebracht, meine Bewertungsmethoden zu überdenken. Mittlerweile entscheidet sich etwa jeder vierte Schüler, an einer alternativen Prüfung teilzunehmen anstatt an einem traditionellen Test. So half mir also auch der Einsatz von alternativen Bewertungsmethoden, mein Denken über Prüfungen „umzudrehen“.

Wenn Sie mir auch nur ein bisschen ähnlich sind und wie ich für viele, viele Jahre in derselben Art und Weise unterrichtet haben, ermutige ich Sie, Ihr Unterrichtskonzept zu überdenken. „Drehen“ Sie Ihr Denken um und übergeben Sie die Kontrolle über das Lernen an Ihre Schüler. Wenn Sie das tun, werden Sie so wie ich herausfinden, dass diese neue Methode, alle Bereiche Ihres Lehrerlebens verändern wird. Sie werden nicht länger einfach nur Wissen verbreiten – stattdessen werden Sie der Lernmoderator und -begleiter Ihrer Schüler.

Meine Fragen an Sie:

  • Wenn Sie die Flipped-Classroom-Methode bereits ausprobiert haben: Was waren Ihre größten Hürden bisher?
  • Wenn Sie die Flipped-Classroom-Methode noch nicht ausprobiert haben: Was denken Sie, wären die größten Hürden, auf die Sie treffen würden?

Dieser Artikel erschien ursprünglich in englischer Sprache auf Edutopia. Jon Bergmann schreibt regelmäßig über das Flipped-Classroom-Konzept auf seinem Blog.

 

Bilder: ©COD Newsroom