forsa-Umfrage: Gewalt gegen Lehrer nimmt zu

Die Hälfte der deutschen Lehrerinnen und Lehrer erlebt psychische Gewalt am Arbeitsplatz. Gesprochen wird darüber selten.

Eine durch den Verband Bildung und Erziehung (VBE) in Auftrag gegebene forsa-Umfrage zeigt, dass Lehrerinnen und Lehrer psychischer und physischer Gewalt an allgemeinbildenden Schulen ausgesetzt sind.

Anstieg der Gewalt an Schulen in den letzten fünf Jahren

In den im Oktober 2016 durchgeführten Telefoninterviews wurden 1951 Lehrerinnen und Lehrer an allgemeinbildenden Schulen zu ihren Erfahrungen mit verschiedenen Formen der Konfrontation und Gewalt befragt. Knapp zwei Drittel der Befragten sah eine Zunahme der Gewalt an Schulen in den letzten fünf Jahren, wobei ältere Männer häufiger als jüngere Kollegen und Frauen häufiger als Männer dieser Einschätzung waren. Außerdem stimmten Lehrerinnen und Lehrer an Sonder- und Förderschulen eher zu als Lehrkräfte an Gymnasien.

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Gewalt gegen Lehrkräfte ist Tabu-Thema

Obwohl sich gut 40 Prozent der Lehrkräfte eine Fortbildung zum Thema „Gewalt an Schulen“ wünschen würden, schweigt die große Mehrheit. 57 Prozent der Befragten gab an, dass vor allen Dingen „Gewalt gegen Lehrkräfte“ ein Tabu-Thema sei.
Gleich viele waren der Meinung, dass sich die Landesregierung bzw. das Schulministerium stärker für das Thema engagieren müsse. Zuletzt hatte Bundesjustizminister Heiko Maas aufgrund der gestiegenen Gewaltbereitschaft gegenüber Polizei, Feuerwehr und Rettungskräften ein härteres Strafmaß angekündigt. Dagegen regte sich von anderen Angestellten des öffentlichen Dienstes, u. a. Lehrerinnen und Lehrern, Protest. Es sei zwar richtig, hier anzusetzen, sagte Udo Beckmann, Vorsitzender des VBE, da etwa Vollzugsbeamte besonders exponiert seien. „Der Staat muss alle Beschäftigten des öffentlichen Dienstes gleichermaßen schützen. Wer Angriffe je nach Beschäftigtengruppe bestraft, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, ein Ranking der Wertschätzung einzuführen.“

Hannelore Kraft, Ministerpräsidentin Nordrhein-Westfalens, hatte daher im vergangenen Jahr einen Gesetzesänderungsentwurf in den Bundesrat eingebracht, der vorsieht, das Strafrecht zu verschärfen. So sollen Personen, die Funktionen des Gemeinwohls ausübten, besser vor Angriffen geschützt werden. Bei der Bewertung der Strafzumessungsschuld könne „das Strafrecht an dieser Stelle ein deutliches Zeichen setzen, dass eine gegenüber dem Gemeinwohl feindliche oder gleichgültige Haltung ein strafschärfender Umstand sei“, heißt es im Entwurf vom 16. Dezember 2016. Ausdrücklich werden hierbei auch Angestellte des öffentlichen Dienstes einbezogen. Interessenverbände begrüßten den Vorstoß Hannelore Krafts.

Häufigste Form der Gewalt: Psychospielchen

Als häufigste Form der Gewalt nannten mehr als die Hälfte der Befragten (55 Prozent) psychische Gewalt an ihrer Schule. Dabei wurde nicht differenziert, ob sie diese selbst erfahren oder mitbekommen hätten. Jedoch gaben immerhin 23 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer an, dass sie selbst an ihrer Schule schon einmal Ziel von Beschimpfungen, Diffamierungen, Mobbing, Drohungen oder Belästigungen waren. Dabei zeigen sich signifikante Unterschiede in den Schulformen: 45 Prozent der Hauptschullehrerinnen und -lehrer und 49 Prozent der Sonder- und Förderschullehrerinnen und -lehrer bejahten diese Aussage. An Gymnasien waren es nur 13 Prozent der Lehrenden.

Mehr als die Hälfte der Lehrerinnen und Lehrer, die bereits selbst Erfahrungen mit psychischer Gewalt an ihrer Schule gesammelt hatten, machten diese Erfahrung mehrfach. Die Urheber dieser Angriffe waren zu 63 Prozent Schülerinnen und Schüler. Nachgefolgt wurden diese von ihren Eltern mit 53 Prozent. Andere Lehrkräfte oder Vorgesetzte waren nur in 14 Prozent der Angaben Urheber der verbalen Angriffe. In den allermeisten Fällen wurden diese direkt vorgetragen, nur 9 Prozent wurden über Dritte oder schriftlich geäußert.

Wenn auch die meisten Lehrerinnen und Lehrer sich nach einem solchen Angriff an Kolleginnen und Kollegen, Partnerinnen und Partner oder Freundinnen und Freunde wenden, gibt immerhin ein knappes Viertel an, nie mit einer anderen Person außerhalb der Schule über das Erlebte gesprochen zu haben. Die meisten Lehrerinnen und Lehrer erfahren jedoch Rückhalt von Seiten des Kollegiums und melden den Vorfall. Meistens wird darauf schulintern reagiert.

Physische Gewalt an Grundschulen und Sonder- bzw. Förderschulen

21 Prozent der Befragten berichtete von Erfahrungen mit physischer Gewalt an ihrer Schule in den vergangenen fünf Jahren gegenüber Lehrkräften. Dabei gab es ebenfalls einen signifikanten Unterschied zwischen den Schultypen: Grund- (33 Prozent), Sonder- und Förderschulen (56 Prozent) wurden häufiger genannt als Gymnasien (9 Prozent). Fast alle Fälle körperlicher Gewalt gingen von Schülerinnen und Schülern aus. Nur 9 Prozent der Angriffe wurden zur Anzeige gebracht. Gründe gegen eine Anzeige waren, dass die Kinder nicht strafmündig waren, schulinterne Maßnahmen ergriffen wurden oder aus Rücksicht auf den Schüler oder die Schülerin.

Auch Cybermobbing wurde erfragt: Immerhin 29 Prozent der Lehrkräfte hatte bereits Erfahrung mit dieser Art des Angriffs über das Internet.

Gewaltprävention an der Schule

Besonders wichtig sei es, mit den Schülerinnen und Schülern über Gewalt an der Schule zu sprechen, fanden die meisten Lehrerinnen und Lehrer (83 Prozent). Fast genauso viele hielten einen Schulkodex für sinnvoll oder eine Kooperation mit der Polizei. Auch professionelle Hilfe bei der Gewaltprävention wurde von 68 Prozent der Befragten als sinnvoll erachtet. Projektwochen und Thementage nannten zwei Drittel als wichtige Instrumente zur Prävention. Hier gibt es allerdings noch Ausbaubedarf an den Schulen.

Titelbild: © KieferPix/shutterstock.com