Geschichte mal anders: Berlin Dungeon

Sind Sie schon einmal einem Folterknecht, Serienmörder, Pestdoktor oder uraltem Mönch begegnet, mit dem „Fahrstuhl des Grauens” gefahren oder haben sich in einem Spiegellabyrinth verlaufen? Wir schon und das früh am Morgen zusammen mit einer Schulklasse im Berlin Dungeon. Hier warten, verpackt in neun unterschiedliche Shows mit 360° Bühnen und gespielt von professionellen Schauspielern, 700 Jahre Berliner Geschichte auf einen. Inwieweit es einen schaudern lässt, liegt im Ermessen des Betrachters, lernen kann dabei aber jeder etwas und es gibt sogar einiges zu lachen.

Flucht vor der Pest mit den Hohenzollern im Nacken

Es ist 10 Uhr in der Früh und wir warten darauf, in die dunklen Tiefen Berliner Geschichte einzutauchen. Ein dynamischer und für diese Uhrzeit mehr als aufgeweckter Hofnarr begrüßt uns und bietet einen kleinen Vorgeschmack auf die kommenden 60 Minuten. Ein Lehrer verkündet noch wohlgestimmt: „Schlimmer als die 7c kann es nicht werden”.
Mit dem „Fahrtstuhl des Grauens” geht es abwärts und zurück ins 14. Jahrhundert:„Berlins alte Bibliothek” ist der erste Stopp, wo Pater Roderich, der „hinkende Mönch”, uns bereits erwartet und mit schauderhaften Geschichten aus der mittelalterlichen Vergangenheit schockiert: Man lernt etwas über die Germanischen Stämme und über die Rebellion Kaiser Ottos gegen die Slaven, es wird von Albrecht dem Bären berichtet und einiges über die dunkle Geschichte der Spreestadt Berlin verkündet, die hier seit Jahrtausenden dokumentiert wird. „Die Spree färbt sich tiefrot”, warnt der Mönch „die Pestilenz steht vor der Tür. Der schwarze Tod ist zurück in Berlin”. Panisch treibt Roderich die Zuschauer weiter, dem „schwarzen Tod” zu entfliehen.

Auf der Floßfahrt „Flucht auf der Spree” soll es 1576 von Berlin nach Cölln gehen. Cölln und Berlin waren im Mittelalter Schwesternstädte. Während des Städtewachstums im Spätmittelalter erreichten beide die gegenseitige Grenze. Trotz urkundlich wohl erster Erwähnung Cöllns wurde der spätere Stadtname Berlin. Ein Fährmann führt uns vom mittelalterlichen Anlegeplatz der Spree auf das hölzerne Gefährt und sucht die direkte Interaktion zu den Rezipienten. Diese und der gewitzte Humor des Fährmanns täuschen über die eventuelle Enttäuschung der kurzen aber windigen und lauten Floßfahrt hinweg. Lang kann sie aber auch nicht sein, denn die Flucht aus Berlin scheitert und man muss sich dem „schwarzen Tod” stellen. Der Fährmann taucht wieder auf und leitet uns warnend in die „Peststraße” weiter. Von hier aus geht es in ein schauderhaftes Labor, wo einen der Gehilfe des bereits an der Pest verstorbenen Doctors als „leckeres Gulasch” begrüßt. Man sitzt dem „schwarzen Tod” direkt gegenüber: Es wird seziert, die Symptome und Folgen der Pest erklärt und auch der Zuschauer bleibt nicht verschont. Schon einmal mit Blutegeln in Kontakt gekommen?

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Verschnaufen kann man nicht, denn die nächste Attraktion spricht bereits für sich: „Der Folterknecht”. Wir befinden uns im Jahr 1618, der Dreißigjährige Krieg steht kurz bevor und die Hohenzollern haben sich auf die Fahnen geschrieben, jeden Verräter zu vernichten. Diese Aufgabe kommt natürlich keinem Geringeren zu, als dem Folterknecht des „grünen Huts” (ein Teil des Berliner Stadtschlosses). An vermeintlichlich Freiwilligen – wer aus Bayern kommt, sollte sich besser bedeckt halten – werden grausame Foltermethoden auf lustige Weise veranschaulicht: Zungenzange, Haken, Daumenschraube, Kieferbrecher und was Besonderes für die ausschließlich männliche Fraktion der Störenfriede.


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Zungenzange ©Berlin Dungeon

Willkürliche Gerichtsverhandlungen und wahnsinnige Herzöge

Wer hier verschont bleibt, den kann es beim „Richter” treffen. Der Weg zur Prozessbank führt durch einen schmalen Flur, in dem man bereits mit den Todsünden konfrontiert wird, die auf langen, an den Wänden drapierten Fahnen geschrieben sind. Wir betreten einen Gerichtssaal im Jahre 1679. Nacheinander werden drei Leute auf die Anklagebank zitiert und wegen Hexerei, dem Verderben des Spaßes am Karneval und alleine des Namens wegen angeklagt und verurteilt. Etwas Wahnsinn steht dem Richter schon ins Gesicht geschrieben, wenn er sich an den Vergehen anderer Leute erhitzt und exzentrisch mit den Armen rudert, dabei aber keinen noch so schlechten Witz auslässt.

Der Richter entlässt sein Publikum und führt es geradewegs in „Die verschollenen Katakomben der Hohenzollern”: Man betritt einen verwinkelten Raum und was man als erstes und von allen Seiten sieht, ist sich selbst: ein Spiegellabyrinth. Wer clever ist, findet den Ausgang schneller, andere laufen im Kreis und werden letztlich vom Wächter der Gruft zur nächsten Attraktion, dem Geheimnis um „Die weiße Frau”, geführt. Es geht durch einen Tunnel, der zu einer Gruft unterhalb des Berliner Doms führt. Dort nimmt man im Jahr 1619 auf Särgen Platz. Das Grab in der Mitte des Raumes ist eine Nachbildung des Grabes von Friedrich Ludwig, Prinz von Oranien (1707-1708), dem Sohn von Friedrich Wilhelm I. (1688-1740). Man lauscht dort den irren Warnungen des wahnsinnigen Herzogs Albrecht Friedrich von Preußen, der den Verstand verlor, weil ihn die legendenumwobene „weiße Frau” heimgesucht haben soll. Gewitter, Wind und Dunkelheit lassen einen durchaus schaudern, besonders, wenn plötzlich einem selbst die besagte Dame aus dem Nichts in die Augen schaut.

Spätestens jetzt sollten jedem etwas die Knie schlottern. Knie wird „Großmann, der Schlächter von Berlin” wohl weniger mögen, die sind ihm vermutlich zu knochig. Bevor es in die unheilvolle Wohnung des Serienmörders in Berlin Friedrichshain geht, dem Elendsviertel Berlins im 19. Jahrhundert, begrüßt uns zunächst eine „leichte” junge Dame, die weniger schöne Geschichten von etwas zu menschlichen Delikatessen erzählt.


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Friedrichshain im 19.Jhr. ©Berlin Dungeon



Die Kulissee des alten Bahnhofs wurde nach dem Vorbild des Schlesischen Bahnhofs aus dem 19. Jahrhundert angefertigt und auch die Materialien spiegeln den Baustil der damaligen Zeit wider.
Der Tisch in Carl Großmanns Wohnung ist reich gedeckt und es gibt genügend Platz für „Frischfleisch”. Wieder wird es dunkel und die lauten Schritte von draußen kündigen einen weniger freundlichen Besuch an. Herr Großmann geht einem zwar im wahrsten Sinne des Wortes durch Mark und Bein, zu Gesicht bekommt man ihn allerdings nicht.

Interaktiv Geschichte erleben

Die „zum schreien komische” Attraktion will sich klar von dem gängigen Klischee befreien, ein Gruselkabinett zu sein. „Der Ansatz, den das Dungeon verfolgt, ist nicht, zu gruseln, sondern schaurig komisch zu sein”, betont die Schulkoordinatorin Claudia Büchner. Und auch lernen kann man dabei einiges: Ob über Germanische Stämme, die Rebellionen um Kaiser Otto und die Slaven, mittelalterliche Foltermethoden, Symptome und Folgen der Pest, willkürliche Gerichtsverhandlungen, die zu damaliger Zeit keine Seltenheit waren oder die eine oder andere Legende am Fürstenhof.

Nicht umsonst sind hier besonders Führungen für Schulklassen gefragt. Auch für eine 10. Klasse aus Aachen war das Dungeon eines der Ziele bei ihrer Abschlussfahrt in die Hauptstadt. „Im letzten Jahr war bereits eine Klasse von uns hier und fand es toll. Da war weniger die Rede vom Reichstag oder anderen Sehenswürdigkeiten”, betont einer der Lehrer. „Die Verquickung von Geschichte und Schauspiel ist wirklich gelungen und die Schauspieler waren durchweg professionell. Im nächsten Jahr kommen wir wieder.” Eine andere Lehrerin resümiert: „Das macht den Jugendlichen nicht nur Spaß, sondern ist durch die Vermittlung historischer Fakten auch pädagogisch durchaus sinnvoll: Hohenzollern, die Pest, Foltermethoden damaliger Zeiten ‒ so kann man interaktiv Geschichte erleben”.

Auch den Schülern scheint es gefallen zu haben. Neben kurzen Einschätzungen wie „witzig”, „toll”, „gut” war es wohl besonders die „weiße Frau”, die es ihnen angetan hat: „Mich hat es zwei Mal erwischt”, betont ein Schüler und lacht. Gelacht wurde wirklich viel, denn der Humor der jungen Zielgruppe wurde durchaus treffsicher herausgefordert.

Stadtrundfahrt mal anders

700 Jahre düstere Berlingeschichte basierend auf wahren Gegebenheiten und legenden der Hauptstadt. Lokale Persönlichkeiten finden hier eine Bühne, wiederbelebt von professionellen Schauspielern mit durchaus schwarzem Humor. Durch die direkte Ansprache und die 360° Bühnenbilder erlebt man hier eine interaktiv-schaurige Stadtrundfahrt der etwas anderen Art. „Wir sind die schwarze Komödie unter den Sehenswürdigkeiten: düster, atmosphärisch und sehr lustig”, heißt es in der Ankündigung. Wer sich gern erschrecken lässt, keine Abneigung gegen derben Humor verspürt und ein bisschen für dunkle und geheimnisvolle Historie übrig hat, kommt hier sicher auf seine Kosten.

FSK: ab 10 Jahren

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Titelbild: ©Berlin Dungeon