„Gscheid Mobil”: München schult Mobilitäts- und Umweltbewusstsein

„München – Gscheid mobil“ ist ein Gesamtkonzept der Stadt München zum Thema Mobilitätsmanagement. 2006 wurde das Konzept beschlossen und erlebt bis heute eine erfolgreiche Umsetzung. Ziel ist es, Münchnerinnen und Münchner in ihrer Mobilitätswahrnehmung und den dahingehenden Bedürfnissen nachhaltig zu unterstützen. Neben der Beratung für Neubürgerinnen und Neubürger, Unternehmen und Rentnerinnen und Renter beruht das Konzept auf einer weiteren Säule ‒ jener für Kinder und Jugendliche an Schulen. Wir haben mit Bianca Kaczor (Landeshauptstadt München), einer der Verantwortlichen des Projekts, über die Ansätze für die junge Zielgruppe gesprochen.

Sicherheit steigern und Umwelt schonen

Die Stadt München hat sich vor dem Hintergrund des zunehmenden Verkehrsaufkommens und steigender Verkehrsbelastungen zum Ziel gesetzt, mit dem Gesamtkonzept Mobilitätsmanagment unter der Dachmarke „Gscheid mobil” persönliche und betriebliche Mobilitätsabläufe besser zu organisieren. „Besser” heißt in dem Fall nachhaltiger, effizienter, sicherer, gesünder und sozial gerechter. Damit geht auch die Verlagerung von nichtöffentlichem Kfz-Verkehr auf die umweltverträglichen Verkehrsmittel einher. Kurz: Die Verkehrssicherheit steigern und parallel die Umwelt schonen.

Mobilitätsbiographie

Mit dem Konzept werden vor allem Zielgruppen angesprochen, „[…] die sich in Lebensumbruchsituationen befinden, sprich, bei denen der Wechsel auf Veränderungen am größten ist, wie bei Neubürgern, Familien, Migranten und Migrantinnen und Jugendlichen”, so Bianca Kaczor. Hinsichtlich letztgenannter Gruppe wird der Ansatz der „Mobilitätsbiographie” verfolgt, bei dem Kinder und Jugendliche in ihren Entwicklungsphasen unterstützt werden und sich dabei, je nach Entwicklungsstufe, bestimmter Mobilitätsmittel bedienen.

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Rollerführerschein ©KVR – Kaczor

Kindergarten

Das Konzept der Mobilitätsbiographie beginnt im Kindergarten mit dem Projekt „BAMBINI mini und BAMBINI maxi ‒ Bewegt in die Zukunft“, bei dem Münchner Kindergärten in der Verkehrserziehung und nachhaltigen Mobilitätsbildung unterstützt werden. Gemeinsam mit den Erzieherinnen und Erziehern, für die eine Einführungsveranstaltung vorgesehen ist, werden begleitende Elternabende und zehn aufeinander aufbauende Bewegungs- und Naturerfahrungseinheiten mit den Kindern organisiert. Das Projekt Bambini wird im Auftrag des KVR von Ökoprojekt Mobilsspiel e.V. durchgeführt. „Bei BAMBINI mini für die Drei- bis Vierjährigen liegt der Fokus noch auf Bewegung, Koordination und dem Laufrad”, fügt Kaczor an. Bei den Fünf- bis Sechsjährigen, für die das Konzept „BAMBINI maxi” angedacht ist, kommt die Vorstufe zum Erlernen des Fahrradfahrens hinzu. Die einzelnen Projekte finden ihren Abschluss in einer Qualifizierung zum Bewegungskünstler für die „Minis” und einer Rollerprüfung für die „Maxis”. Ziel ist es, Kindern die Freude an der Bewegung und der umweltfreundlichen Mobilität zu vermitteln, Bewegungkompetenzen zu schulen und die Erzieherinnen und Erzieher in der Mobilitätsbildung, Verkehrserziehung u. ä. zu unterstützen. Dafür stellt die Stadt München die „BAMBINI Box” bereit, die unterschiedliche Spiele und Materialien zum Experimentieren sowie einen Leitfaden zur Umsetzung bereit hält.


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Bus mit Füßen ©Greencity e.V.

Grundschule

Mit Eintritt in die Grundschule beginnt der zweite Baustein der Mobilitätsbiographie für die Sechs-bis Zehnjährigen. Hier steht der eigene Schulweg im Mittelpunkt, wo der
„Bus mit Füßen!” (Zielgruppe 1. und 2. Klasse), ausgerichtet durch Green City e.V. im Auftrag des KVR, eine gesunde und nachhaltige Alternative zum Elternauto oder Schulbus bietet. Aber auch Alternativen wie Inline-und Skatebordfahren für die etwas Älteren werden mit einbezogen. Für die Klassenstufen drei bis sechs gibt es verschiedene Projekte rund um das Thema Radfahren, welche die fest verankerte Radfahrausbildung durch die Bayerische Polizei ergänzt. Die u. a. durch die Innovationsmanufraktur im Auftrag des KVR etablierten Projekte „Auf die Räder-fertig-los!“ sowie die „Schultournee“ sind da nur ein Beispiel. Bei der Schultournee handelt es sich um einen „[…] Aktionstag an der Schule, mit einem theoretischen Teil, der wie ein Quiz aufgebaut ist und aus verschiedenen Quizkomponenten à la ‘Wer wird Millionär?‘ oder ‘1, 2 oder 3‘ besteht. Im Praxisteil werden die Kinder selbst aktiv, checken mit Hilfe von Mechanikern ihre Räder auf Sicherheit und erhalten Unterstützung bei Reparaturen”, so Kaczor.

Weiterführende Schule

„Bei den Projekten für die weiterführenden Schulen liegt der Fokus weiterhin auf dem Thema Fahrrad, es kommen die öffentlichen Verkehrsmittel hinzu und das Programm erfährt eine Erweiterung durch die Themen Klimaschutz und Mobilitätbewusstsein”, betont Kaczor.

Für die weiterführenden Schulen aller Schultypen werden zielgruppenspezifische Projekte angeboten, die zum nachhaltigen Mobilitätsverhalten anregen sollen.
Die Projekte „Fair Move ‒ Mobilität bewegt Schule” (5. und 6. Klasse) und „On my way ‒ was dich bewegt?!” (7. und 8. Klasse) umfassen jeweils einen Vormittag mit einer Schulklasse im Verkehrszentrum des Deutschen Museums. Der Weg dorthin mit den ÖPNV ist Teil dieses Projektvormittags, auf dem bereits verschiedene Aufgaben zu erfüllen sind. Bei dem von der EU Kommission geförderten Projekt „Fair Move” erarbeiten sich Schülerinnen und Schüler in Kleingruppen Inhalte zu den Themenschwerpunkten Bewegung, Verkehrssicherheit, Umwelt usw.. Bianca Kaczor erklärt: „Die Schüler streifen mit einem Fragenkatalog durch das Museum, wo an jeder Station ein Thema auf sie wartet, welches sie sich selbst erarbeiten müssen, ähnlich wie beim Geocashing und vor dem Hintergrund des Stationenlernens”.
In Zusammenarbeit mit einer Künstlerin bzw. einem Künstler, einem Mitarbeiter oder einer Mitarbeiterin des Ökoprojekts MobilSpiel e.V. und dem Verkehrszentrum planen die Jugendlichen in Rahmen des Projekts „On my way” den Stadtteil ihrer Schule neu, natürlich unter dem Fokus nachhaltiger Mobilität. Dabei entstehen futuristische Fahrmobile und Stadtteilmodelle nach ihren Ideen, Vorstellungen und Wünschen. Die Ergebnisse aller teilnehmenden Schulen werden im Verkehrszentrum ausgestellt sowie in einer Vernissage im Dezember 2014 präsentiert. Zusätzlich wird der Projekttag durch das Theaterstück „Let’s go” der Theatergruppe Eukitea vorbereitet, welches für Prävention und internationale Theaterprojekte steht.

Ziele

Die hier vorgestellten und viele weitere Projekte rund um das „Gscheid mobil”-Konzept bieten eine stete Auseinandersetzung mit dem Thema Mobilität und seiner umweltbewussten Ausrichtung, die von klein auf angestrebt wird. Bianca Kaczor fasst das wie folgt zusammen: „Wir versprechen uns darunter, dass Kinder bereits in jungen Jahren lernen, sich selbstständig zu bewegen, koordiniert zu verhalten und mobil zu sein, da man leider auch nicht immer davon ausgehen kann, dass sie das von Haus aus lernen. Des Weiteren geht es um die Sicherheit im Verkehr und der Blick auf umweltbewusste Fortbewegung sowie der Bewusstmachung der Fortbewegungsalternativen neben dem Auto. Als Kind ist man ja ausgeliefert, wenn die Eltern einen immer nur ins Auto packen. Daneben sind wir versucht, auch von Schulseite aus betreuend und fördernd zu Seite zu stehen. Hier liegt insbesondere das gemeinsame zur-Schule-gehen statt gefahren-zu-werden im Vordergrund. Somit wird vor allem von Lehrerseite z. B. das ‘Bus mit Füßen‘-Projekt begrüßt, mit dem Schülerinnen und Schüler ruhiger in der Schule ankommen, aufmerksamer sind und sich bereits ausgetauscht haben. Wenn sie älter werden, ist es wichtig, dieses Bewusstsein auf Selbstständigkeit zu übertagen und die Verkehrsmittelwahl eigenständig zu treffen. Dazu gehört dann natürlich, dass man von gewissen Aspekten wie Klimaschutz, Klimawandel, Ökologie, alternativen Energieformen usw. schon einmal etwas gehört hat und dies auch selbstständig reflektieren kann”.

Ansprache und Rückmeldungen

„In erster Linie wird über die Lehrkräfte und Erzieher an die Kinder herangetreten”, so Kaczor. „Größtenteils bewerben wir es klassenspezifisch über den Münchner Schulverteiler und weiter getragen wird es dann durch Mundprogaganda” ‒ und die scheint sehr gut zu funktionieren: „Das Kindergartenprojekt wird richtig gut angenommen. Das liegt nicht minder daran, dass die Erzieher von uns das Material gestellt bekommen und viel selbstständig erarbeiten müssen. Das Grundschulprojekt ‘Bus mit Füßen‘ liegt hingegen verstärkt in der Hand der Eltern, weil sie am Anfang den Bus mit begleiten müssen. Da ist es dann schon etwas schwieriger, weil die Eltern dem zustimmen und selbst aktiv sein müssen. Die Radlprojekte bei der Schultournee sind immer überbucht und das Projekt ‘Fair Move‘ findet guten Anklang bei den Mittelschulen, weniger aber bei den Gymnasien.”


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„Mobi Race“ ©Founders Reserve Media

Mobilität ist gar nicht so uncool

Jugendlichen ist das Thema Klimaschutz sehr wichtig: „[…], sie machten sich Gedanken und äußerten auch Ängste”, gibt Bianca Kaczor zu bedenken. „Das Thema Mobilität weckt Interesse bei Kindern und Jugendlichen und Umweltbewusstsein tangiert sie stärker, als man vielleicht glauben mag. Und auch der öffentliche Nahverkehr gilt gar nicht als so uncool. In jedem Fall ließ sich nicht darauf schließen, dass alle der Ansicht waren, ‚geil ich brauche unbedingt einen Führerschein’”.

Zum Thema öffentlicher Nahverkehr gibt es ein gesondertes Begleitprojekt der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG). Bei dem Kinder- und Schulprojekt „Mobi Race” geht es um die Befähigung der eigenständigen Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel in München und der damit einhergehenden Aufklärung und Begeisterung für die klimafreundliche Mobilität mit U-Bahn, Bus und Tram. Ein bunter Fächer an Projekten also, bei dem sich die ein oder andere Stadt sicher eine Scheibe abschneiden kann ‒ „Lets Go”!

Links zu den Projekten im Rahmen der Mobilitätsbiographie im Überblick:

„BAMBINI“

„Bus mit Füßen“

„Fair Move” und „On my way”

„Mobi Race“

Titelbild:©MVV