Handspicker sind voll 90er – die (un)kreativsten Spickaktionen

Nichtlerner haben es heute nicht schwer, an geeignete Spicklösungen zu kommen. Denn im World Wide Web häufen sich die Ideen. Wir haben für Sie das Netz durchforstet, um den verschiedenen Spickertypen auf die Spur zu kommen.

Das Wort „Spicker” erreicht bei der Googlesuche ganze 1 190 000 Ergebnisse. So kann sich die Schülerschaft in Foren über Spickideen austauschen, Unmengen Videos anschauen, wie man die Spicker herstellt und auf einschlägigen Verkaufsseiten sogar Spickhelfer käuflich erwerben. Klickt man sich einige Zeit durch die Suchergebnisse, wird einem bewusst, wie viele Möglichkeiten Schülerinnen und Schüler dank der Technik heute haben. Aber auch die Klassiker werden immer noch gerne praktiziert.

Die von der alten Schule

Ja, sie werden noch praktiziert – die klassischen Spickmethoden – trotz fortschreitender Technisierung, aber das wissen Sie als Lehrer oder Lehrerin wahrscheinlich am besten. Bemerken Sie also, dass ein Schüler oder eine Schülerin während einer Klassenarbeit ständig konzentriert auf ein bestimmtes Körperteil, auf die Tischplatte, in das Etui oder auf ähnliche Utensilen starrt oder unter einer sehr, sehr schwachen Blase leidet und ständig zur Toilette rennt, dann können Sie getrost durchgreifen. In solchen Situationen reicht die Strafe für das Spicken allein kaum aus: Sie sollten diesem Schüler oder dieser Schülerin mit Sätzen wie „Das war schon in den 70ern out” oder „So ist mein Opa schon durch die Schulzeit gekommen” ihre Kreativitätslosigkeit spüren lassen. Denn auch die Suche im Netz zeigt, die Entwicklung von raffinierten und neuen Spickmethoden ist bereits vorangeschritten.

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Die ganz Raffinierten


Der Taschentuch-Spicker

Der Taschentuch-Spicker ©sofatutor.com

Trägt ein Schüler oder eine Schülerin bei einer Klausur ein Pflaster an einer leicht erreichbaren Stelle (z. B. am Arm) und wird dieses immer mal wieder ein Stück abgezogen, um gleich darauf wieder an den Arm geklebt zu werden, sollte Ihnen das merkwürdig vorkommen. Angesichts der Tatsache, dass das Abziehen eines Pflasters gerade auf besonders behaarten Körperpartien sehr schmerzhaft sein kann und dass sich die wenigsten Menschen solch einer Tortur freiwillig unterziehen, steigt in einer solchen Situation die Wahrscheinlichkeit, dass dieses bewegte Pflaster etwas zu verbergen hat. Aufmerksam sollten Sie auch werden, wenn ein Schüler oder eine Schülerin länger als drei Sekunden auf die Armbanduhr schaut, obwohl erstens eine Wanduhr über der Tafel hängt und man zweitens von Schülerinnen und Schülern, die das Alter von sechs Jahren lange überschritten haben, erwarten kann, dass sie für das Ablesen der Uhrzeit nicht das gesamte Ziffernblatt abzählen müssen. Ein weiteres, sehr beliebtes Verfahren, das im Netz immer mehr Anhänger findet, ist die Bierdeckel-Methode. Die Schülerinnen und Schüler lassen bei einem feuchtfröhlichen Abend in einer Kneipe einen Bierdeckel mitgehen, beschriften diesen mit wichtigem Wissen und pinnen ihn vor einer Klausur unter ihren Tisch. Bei Bedarf können sie den Bierdeckel einfach ausklappen, sodass der Kneipenabend keine Auswirkungen auf die Note der Klassenarbeit hat.

Die Auffälligkeit-ist-am-unauffälligsten-Anhänger

Wischen Sie vor jeder Klassenarbeit die Tafeln eigenhändig ab und begutachten Sie die Wände des Klassenzimmers mit Adleraugen. Sie haben in den letzten Stunden in der Klasse keine bunten Plakate zu physikalischen Formeln erstellen lassen, trotzdem scheinen Ihre Schülerinnen und Schüler vor lauter Begeisterung über diesen fantastischen Stoff, in ihrer Freizeit Zahlen aus Tonpapier auszuschneiden, bunte Bilder dazu zu malen und Mindmaps zu erstellen, um diese der Öffentlichkeit zu präsentieren? Sie sind sehr gerührt von dieser Eigeninitiative? Stopp! Das ist zwar alles sehr lobenswert, sollte Sie jedoch stutzig machen. Und kommen Sie ruhig auch auf die wirklich dumme Idee, dass Schülerinnen und Schüler während einer Klausur durchaus gern mal mit einem DIN-A4-Blatt auf dem Rücken herumsitzen. Um ganz sicher zu gehen, dass in Ihrer Klassenarbeit nicht geschummelt wird, sollten Sie außerdem das Naseputzen nur mit Stofftaschentüchern erlauben. Merken Sie sich gut: Papiertaschentuchpackungen sind der Feind (s. Bild)!

Die Ich-mache-lieber-4-Stunden-einen-wasserdichten-Spicker-als-2-Stunden-zu-lernen


Der Schokoriegel-Spicker

Der Schokoriegel-Spicker ©sofatutor.com

Und dann gibt es da noch die Fraktion, die tatsächlich stundenlang am Schreibtisch sitzt und arbeitet. Ja, arbeitet! Nur das Lernen kommt dabei irgendwie zu kurz: Denn sie kratzen Lehrbuchinhalte in eine Tafel Schokolade oder aber sie malen diese mit Lebensmittelfarbe auf Müsliriegel. Es soll auch schon einmal vorgekommen sein, dass Schülerinnen und Schüler vor einer wichtigen Klausur die Blindenschrift erlernt haben, um den gesamtem Lehrbuchinhalt in diese „unsichtbare” Schrift übersetzen zu können. Achso, da wäre noch etwas. Können Sie Chinesisch? Nein? Japanisch? Dann sollten Sie es schleunigst lernen.

Die Technik-Nerds treffen auf die, die sich gute Noten was kosten lassen

Dieser rasante technische Fortschritt ist ein Segen für Spicker und ein Fluch für Lehrer. In den 90ern war die Schülerschaft überglücklich, als plötzlich fast jeder Haushalt über einen eigenen Scanner verfügte. Denn so konnten noch effektivere Spicker hergestellt werden: Die Schülerinnen und Schüler scannten Flaschenetikette ein. um dann die Zutatenangabe des Flascheninhalts z. B. in physikalische Formeln zu verwandelt.
Heute werden ganz andere technische Geschütze aufgefahren, obwohl Sie auch die Flaschen im Auge behalten sollten. Es gibt schließlich immer ein paar Spätzünder! Es reicht also schon lange nicht mehr, vor einer Klassenarbeit alle Smartphones abgeben zu lassen (abgesehen davon, dass viele auch noch Zugriff zu einem Zweithandy haben), sondern behalten Sie die Handgelenke Ihrer Schülerinnen und Schüler im Blick. Mit einer Handyuhr können ganze Dokumente aufgerufen werden. Im Kampf gegen das moderne Spicken hilft also nur eins: Schlagen Sie die Schülerinnen und Schüler mit ihren eigenen Waffen und stationieren Sie einen Handystörsender auf dem Pult.

Buchtipp

Sie möchten alles über Spicker wissen? Während seines Lehrerdasein hat Günter L. Hessenauer die phantasievollsten Spicker gesammelt und über seine Erfahrungen mit schummelnden Schülerinnen und Schülern ein humorvolles Buch geschrieben: Erwischt!: Alles über Spickzettel & Co.


Titelbild: ©Ermolaev Alexander/shutterstock.com