Hattiestudie rückt Lehrer ins Rampenlicht

Es wird diskutiert, gestritten und reformiert. Sind zwölf oder 13 Jahre für das Abitur besser? Sollen Klassen kleiner werden? Ergibt Sitzenbleiben Sinn? All diese Diskussionen und Bildungsreformen seien wirkungslos, meint John Hattie, einer der einflussreichsten Bildungswissenschaftler der Welt. Wir sollten uns lieber darauf konzentrieren, worauf es wirklich ankommt: die Lehrer – und zwar gut ausgebildete, engagierte Lehrer.

Mit seinem 2008 erschienenen Buch „Visible Learning“ hat Hattie die pädagogische Welt wachgerüttelt. Er wertete über 800 Meta-Analysen aus, in denen mehr als 50.000 Einzeluntersuchungen über verschiedene Themen wie Hausaufgaben, Förderunterricht und Sitzenbleiben mit 250 Millionen beteiligten Schülern eingeflossen sind. Fünfzehn Jahre lang arbeitete er mit Hilfe von Statistiken an der Mega-Analyse und erstellte am Ende eine Art Bestenliste der pädagogisch wirkungsvollsten Mittel.

Studienergebnisse widersprechen Schulpolitik

Interessanterweise entpuppten sich die Punkte, die in der deutschen Bildungspolitik heiß diskutiert werden, als wenig bedeutsam für den Lernerfolg. So fordern Eltern, Pädagogen und Politiker kleinere Klassen. Sie erhoffen sich dadurch, dass Lehrer mehr Zeit für einzelne Schüler haben. Doch Hattie fand heraus, dass kleinere Klassen zwar viel kosten, aber nicht viel für den Lernerfolg bringen. „Wir diskutieren leidenschaftlich über die äußeren Strukturen von Schule und Unterricht. Sie sind, was das Lernen angeht, aber unwichtig,“ fasst Hattie zusammen.

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Auch die finanzielle Ausstattung der Schule, der sozialwirtschaftliche Status der Eltern oder die ethnische Herkunft der Schüler hätten wenig Einfluss auf den Wissensgewinn. Die Studie scheint eine Erklärung zu liefern, warum 30 Jahre Schulreform an vielen Klassenzimmern spurlos vorbeigegangen ist.

Lehrer machen den Unterschied

Der größte Unterschied im Lernzuwachs liegt nicht, wie erwartet, zwischen verschiedenen Schularten, sondern zwischen einzelnen Klassen – und d. h. zwischen einzelnen Lehrern. Das ist die Schlüsselthese aus Hatties Mega-Analyse: Lehrer spielen die entscheidende Rolle. Dies mag einem nicht als bahnbrechende Erkenntnis vorkommen. So sind sich doch die meisten Lehrkräfte über ihren pädagogischen Einfluss bewusst. Aber die Studienergebnisse sind wichtig, um Bildungspolitiker vor Augen zu führen, worauf es wirklich ankommt. Damit die Strukturdiskussionen beendet werden und Schulen sich wieder aufs Unterrichten konzentrieren können.

Hatties Studienergebnisse bringen aber viel Verantwortung für den einzelnen Lehrer sowie der gesamten Lehrerschaft mit. So fordert der Bildungswissenschaftler die Lehrer auf, sich fortlaufend zu überprüfen und sich zu fragen, ob ihr Unterricht alle Schüler oder nur einzelne erreiche. Lehrkräfte müssen jeden Schüler im Blick haben und sich bewusst sein, was jeder Einzelne von ihnen denkt und weiß, damit sie ihnen konstruktives und angemessenes Feedback geben können. Feedback sei mitunter das Wichtigste, das Lehrer ihren Schülern geben könnten. Denn jeder „Lehrer soll den Unterricht durch die Augen der Schüler sehen und Schüler sich als ihre eigenen Lehrer betrachten,“ erklärt Hattie. Lehrer sollen ihren Unterrichtsstoff so aufbereiten, dass Schüler ihr Wissen und ihre Ideen selbst konstruieren und gestalten können. Nicht das Wissen und die Ideen seien wichtig, sondern was der Schüler daraus mache.

Darüber hinaus müssen sich Lehrer bewusst sein, welche Lehrmethode effizient sei. Sie sollen sich mit ihren Kollegen über den Lernfortschritt ihrer Klassen austauschen und gegenseitig beraten. Das passiere leider viel zu wenig. In einer Studie kam heraus, dass Lehrer sich in Pausen zwar häufig über Stundenpläne unterhielten, aber sehr selten über den Lernerfolg ihrer Schüler. „Qualität und Wirksamkeit lassen sich aber nur im Austausch sichern,“ sagt Hattie.

Kein Patentrezept

Der Bildungswissenschaftler erstellte eine Werteliste, die einen erfolgreichen Lehrer ausmachen. So soll er oder sie flexibel, einfühlend und vorurteilsfrei sein, den Stoff mit Leidenschaft vermitteln und mit Leib und Seele unterrichten. Er warnt jedoch davor, dass es kein Patentrezept für den perfekten Lehrer gäbe. „There’s no magic bullet,“ schreibt Hattie und verweist darauf, dass Pädagogen in der Lage sein sollten, verschiedene Unterrichtsstile je nach Klasse auszuprobieren und – wenn nötig – wieder zu verwerfen. Die Schule soll ein Ort sein, an dem Fehler als Teil des Lernprozesses willkommen seien, sowohl von Schülern als auch Lehrer.n

Wieviel von den Studienergebnissen auf Deutschland zutrifft, darüber diskutieren momentan die hiesigen Bildungspolitiker und Schulforscher. Denn die Meta-Analysen beruhen auf englischsprachigen Studien und somit auf dem angelsächsichen Bildungssystem. So fand Hattie, z. B., dass lange Ferien schädlich seien. Dies bezieht sich jedoch auf die USA oder Australien, wo Schüler mehrere Monate Sommerferien haben. In Deutschland dürfte der Effekt weit niedriger sein. Hatties Kernaussage ist jedoch universell: Lehrer sind die Hauptverantwortlichen dafür, was Schüler lernen.

Titelbild: ©iStock.com/Lisa-Blue