Herr Schröder: „Die theaterpädagogische Arbeit war für mich die sinnvollste“

Der Comedian Herr Schröder begeistert mit seiner Wortakrobatik und präzisen Beobachtungen des Schulbetriebs. Wie er auf die Bühne kam und was ihn während seiner Lehrertätigkeit am meisten zum Lachen brachte, berichtet er im Interview.

Herr Schröder, Sie sind Comedian mit Pädagogenhintergrund. Wann war Ihnen im Schuldienst selbst am ehesten zum Lachen zumute?
Herr Schröder: „Ich konnte eigentlich jeden Vormittag im Zusammenspiel mit meinen Schülerinnen und Schülern herzlich lachen. Vieles davon kann man nicht unbedingt nacherzählen, weil es eher nonverbal passierte. Einige Ereignisse konnte ich aufschreiben, z. B. wenn die Sechstklässlerinnen und Sechstklässler einen fragen: ‚Herr Schröder, zählen Sie mit Ihren 44 Jahren noch zur Ü-30?‘ Sowas merke ich mir gerne. Auch Eltern konnten sehr unterhaltsam sein. Wenn sie Bedenken äußerten, dass ihr Kind ADAC hätte oder dergleichen.

Manchmal hatte ich mir selbst den Spaß gesucht, z. B. zum Elternsprechtag. Da hatte ich die neuen Fünftklässlerinnen und Fünftklässler gefragt: ‚Na, wer von euch möchte denn mal meine Eltern sprechen?‘ Die haben mich ganz entgeistert angeschaut. In der nachfolgenden Stunde fragten sie den Lehrer, ob sie wirklich meine Eltern sprechen dürften. Das war natürlich nie böse gemeint. Langweilig war es jedenfalls nie.“

Wir sprechen viel mit Lehrkräften über den Einsatz digitaler Medien im Unterricht. Sehen Sie im Digitalpakt eine Chance zur Verbesserung der Qualität des Unterrichts?
Herr Schröder: „Das ist eine spannende Frage. Ich finde, die Schule MUSS digital werden. Es kann nicht sein, dass Schule eine Insel in der digitalen Welt darstellt. Schule muss ein Abbild der Gesellschaft sein. Meiner Meinung nach dürfte die Schule da nicht mal hinterherhinken, sondern müsste vorangehen.

Natürlich sind die Grundkulturformen Lesen, Schreiben und Rechnen zeitlos. Auch dass man sich mit Geduld an ein Stück Papier setzt und über das zu Schreibende nachdenkt, ist etwas, das der Digitalpakt nicht ändern wird. Für diese Form der Auseinandersetzung mit Text und Thema gibt es keine Abkürzung.

Gleichzeitig müssen wir die Schülerinnen und Schüler in eine Arbeitszukunft entlassen, in der von ihnen erwartet wird, dass sie mit digitalen Medien umgehen können. Das heißt, es ist unabdingbar, dass der Unterricht digitaler wird. Wobei ich nicht glaube, dass die Lese- oder Schreibkompetenz durch digitale Medien verbessert werden.“

Ihr Programm ist sehr wortspiellastig. Welche bekannten deutschen Werke von Goethe, Schiller und Co. betrachten Sie als Inspiration für Ihr eigenes kreatives Schaffen?
Herr Schröder: „Ich bin fasziniert von mehreren Autoren. Bei Kafkas Verwandlung steht mir immer noch der Mund offen von den skurrilen Ideen, die dort verarbeitet werden. Bei Thomas Manns Tod in Venedig faszinieren mich die langen Sätze und die Wortakrobatik. Aktuell schreibe ich an meinem eigenen Buch und habe festgestellt, dass Goethes Faust ein Zitat für jede Lebenslage bietet, ob es das erste Verliebtsein, eine tiefsitzende Verzweiflung oder eine Party ist.

Bei Wortspielen freue ich mich selbst am meisten, wenn mir so etwas einfällt. Plötzlich komme ich auf so etwas wie ‚Lehrer am Korrekturenrand‘. Aber auch die Jugendsprache ist voller kreativer Wortneuschöpfungen. Da bin ich begeistert, wie schnell sich neue Worte bilden, die dann auch wieder verschwinden. So fand ich zuletzt diese ‚I bims‘-Kultur witzig und konnte da sehr drüber lachen.“

Sie haben selbst für mehrere Jahre die Theater-AG an Ihrer Schule in Offenburg geleitet. Worin liegt für Sie die besondere Kraft des Theaterspielens im Schulkontext?
Herr Schröder: „Die Schülerinnen und Schüler und ich haben uns gemeinsam für die Bühne und das Theater begeistert. Es war unglaublich toll, diese Bühnenspannung spüren. Mir war es immer wichtig zu vermitteln, dass ein Schritt auf die Bühne erst dann Sinn ergibt, wenn man eine Emotion vermitteln möchte. Es geht nicht darum, Texte auswendig zu lernen. Stattdessen geht es um das Erforschen von Charakteren und Emotionalität. Dabei wird viel improvisiert und rumprobiert, auch viel rumgealbert. Dadurch entsteht eine Spielfreude.

Für mich persönlich war die theaterpädagogische Arbeit die sinnvollste Arbeit an meiner Schule. Das war meine Nische und ich wusste genau, was ich will. In der AG konnte jeder etwas beitragen, egal welche Note ein Jugendlicher hatte. Auch die Schülerinnen und Schüler konnten in der Theater-AG ihre Ecke finden. Sie haben viel über Empathie gelernt, sich mit Gefühlen auseinandergesetzt. Dadurch konnten sie aufblühen. Es war toll zu sehen, wie sie nach der Premiere einen Kopf größer waren. Das war der größte Erfolg für mich! Und während dieser Arbeit habe ich selbst auch am meisten gespürt, dass ich Lust habe, in diese Richtung etwas zu machen.“

Was haben Sie aus Ihrer Arbeit mit den Jugendlichen in der Theater-AG gelernt?
Herr Schröder: „Der Schritt auf die Bühne kann nur dann erfolgen, wenn man eine Aussageabsicht hat. Bei meinem ersten Programm war das sehr klar: Ich kam aus der Schule und hatte was zu erzählen. Für mein nächstes Programm schaue ich gerade ganz gezielt: Was ist dieses Mitteilungsbedürfnis? Was will ich aussagen? Es muss eine Dringlichkeit da sein.“

Waren Sie in Ihrer Theater-AG auch schon eher fürs Komische zu begeistern?
Herr Schröder: „Wir haben uns nicht nur auf Komödien gestützt, es gab auch viele ernste Stücke. Ich finde, dass auch im ernstesten Stück ‚witzige Inseln‘ versteckt sind. Der zeigt sich dann oftmals erst bei der Premiere, wenn man merkt, wo die Leute wirklich lachen. Das funktioniert in den seltensten Fällen übers Skript. Comedy entsteht häufig durch Nonverbales, durch Gesten und Mimik, mehr über Slapstick.“

Wie könnte Ihrer Meinung nach das kreative Arbeiten an deutschen Schulen gestärkt wird?
Herr Schröder: „Ich habe selbst versucht, mit jedem Literaturunterricht szenische Ansätze umzusetzen. So haben wir z. B. einzelne Stellen aus Kafkas Verwandlung dramatisiert. Davor haben wir den Prosatext in einen dramatischen Text umgeschrieben und den Figuren eine Stimme gegeben. Der Text wurde dadurch belebt und die Schülerinnen und Schüler haben ihn ‚in den Körper gekriegt‘.

Ein anderes Beispiel war, dass wir aus einer Kurzgeschichte ein Hörspiel gemacht haben. Allein, dem Text eine Dialogform zu geben und Hintergrundgeräusche zu wählen, um eine Atmosphäre entstehen zu lassen, löst bei den Schülerinnen und Schülern eine unheimliche Kreativität aus. Da rattert es an Ideen!“

Vermissen Sie als Stand-up-Comedian ab und zu die Sicherheit des Schuldienstes? Das sind ja zwei Extreme.
Herr Schröder: „(lacht.) Es wäre gelogen, wenn ich Nein sagen würde. Die Sicherheit vermisse ich schon. Aktuell bin ich beurlaubt und könnte theoretisch jederzeit zurück an die Schule. Sowas flackert immer nach einem schlechten Abend auf. (lacht.) Das passiert zum Glück nicht so oft und ist schnell wieder weg.

Was ich am Stand-up-Dasein mag, ist, dass ich viele inspirierende Menschen treffe, die genauso leben wie ich. Ob das Schreibende, Musikproduzierende oder Grafikerinnen und Grafiker sind – alle sind auf ihre Kreativität angewiesen und leben davon. Da gibt es teilweise noch weniger Sicherheit als bei mir. Das bestärkt mich.

Ich finde, jeder Mensch muss für sich darauf achten, dass man gesund weiterlebt. Damit meine ich nicht nur, körperlich gesund, sondern auch geistig gesund. Dass das Kreative wachbleibt und man nicht resigniert. Es gibt natürlich immer mal Phasen, in denen man unkreativ ist. Aber man sollte innehalten und schauen, ob man dann etwas verändern möchte.“

Steckbrief

Name: Johannes Schröder

Schule: Oken-Gymnasium Offenburg (aktuell beurlaubt)

Fächer: Deutsch, Englisch, Theater-AG

Die Schülerinnen und Schüler von heute … spielen immer noch Käsekästchen. Aber vegane Käsekästchen.

Die Schule von morgen … verfügt über WLAN-Anschluss, Highspeed-Internet und Tablets. Jetzt brauchen wir nur noch motivierte Schülerinnen und Schüler, die das alles den Lehrkräften erklären.

Ich werde nie vergessen, wie … mich die 5. Klasse damals angeschaut hat, als ich sie kurz vorm Elternsprechtag gefragt habe, wer von ihnen denn meine Eltern sprechen wolle.

Titelbild: ©Herr Schröder / sofatutor.com