Kreativität und Sozialkompetenz statt Leistungsdruck

Die in Frankreich geborene und zurzeit in Hamburg lebende Regisseurin und Produzentin Nathalie David („Meine liebe Frau Schildt”) spricht mit uns über die Motive ihres Films, über Rousseau und warum es so wichtig ist, Grundschulkindern in ihrem Lernen die Freiheit für Fehler und ihr eigenes Tempo einzugestehen.

Sie haben Ihrem Film den Untertitel „eine Ode an die Grundschule” gegeben. Aber er ist auch eine „Hymne auf die Kindheit”. Haben Sie das mit Ihrem Film beabsichtigt?

Nathalie David: „Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Ich wollte mit meinem Film zeigen, wie toll und kostbar die Kindheit ist und weniger das heutige Schulsystem aufzeigen, denn solche Filme gibt es bereits, z. B. Hella Wenders „Berg Fidel”.

Gratis Zugang für Lehrkräfte
Jetzt informieren

Mir ging es darum aufzuzeigen, wie sozialkompetent diese Kinder der Klasse 4c von Frau Schildt sind. Deswegen habe ich sie auf der Schulreise auf dem Bauernhof begleitet und nicht im Klassenzimmer gefilmt. Dass die Kinder sozialkompetent sind, ist heutzutage keine Selbstverständlichkeit mehr. In unserer heutigen Gesellschaft gibt es Rassismus und Religionskonflikte. Das ist ein Resultat aus der verlorenen Sozialkompetenz der Menschen. So ist es wichtig, schon den Kindern diese Kompetenz zu lehren. Aber Kinder müssen immer mehr lernen und lernen und lernen. Dadurch stehen sie enorm unter Druck. Sie werden immer mehr als Maschinen betrachtet anstatt als Kinder. Für mich ist Frau Schildt eine Lehrerin, die ihren Kindern diese Sozialkompetenz sehr gut vermittelt, was in dem Film deutlich werden soll.”

Also ist Ihr Film eine Ode an die Grundschullehrerin Frau Schildt?

Nathalie David: „Ich glaube, ich hätte auch andere Grundschullehrerinnen oder Grundschullehrer finden können, die ähnlich lehren.

Aber trotz alledem ist Frau Schildt eine besondere Person, finde ich. Sie macht ihre Arbeit mit sehr viel Herz und gleichzeitig besitzt sie eine sehr große Kreativität in ihrem Denken und in ihrem Handeln. Und sie ist eine Lehrerin, die keine Angst hat, Dinge anders anzugehen, eben kreativ zu sein.”

Kreativität und Sozialkompetenz sind also wichtige Fähigkeiten, die ein Kind in der Grundschule erlernen sollte?

Nathalie David: „Ja, und diese beiden Aspekte verbinden auch die Erziehungslehre von Rousseau und die Pädagogik von Frau Schildt.
Rousseau möchte, dass die Kinder frei denken. Er platziert den Menschen, also das Individuum, in der Gesellschaft, ohne dass dieser seine eigene Ehre und Würde aufgeben muss. Deswegen habe ich Rousseau auch als Teddybären dargestellt, der Teddy ist der beste Freund des Kindes, bis es in die Pubertät kommt.


ee0c6d34a1

Filmplakat ©Nathalie David

Frau Schildt zeigt eine ähnliche Pädagogik auf, wie Rousseau sie fordert. Einerseits gibt sie den Kindern viel Verantwortung, der sich die Kinder alleine stellen müssen. Andererseits lässt sie sie frei, das heißt, sie haben die Chance auch das Langweilen zu erlernen. Und aus dieser Langeweile entsteht in jeder Hinsicht Kreativität und gleichzeitig müssen sich die Kinder miteinander beschäftigen, das heißt, sie können ihre Sozialkompetenz ausleben. Auch schafft es Frau Schildt, ein Gemeinsam zu bilden, das die Herkunft der Kinder, z. B. die familiären Verhältnisse, nicht sichtbar und unwichtig macht.

Das, was jedoch Rousseau in seinem Werk Emile oder die Erziehung schreibt, ist eine Utopie, da es Emile nicht wirklich gab. Frau Schildt jedoch zeigt mit ihrer Unterrichtsmethode und an dem Verhalten der Kinder, dass eine solche Erziehung funktionieren kann. Aber ich sage nicht, dass es nicht auch andere Lehrerinnen und Lehrer gibt, die einen ähnlichen Weg der Pädagogik gehen. Jedoch muss das jeweilige Bildungssystem eine solche Unterrichtsart auch zulassen.”

Und eine solche freie Unterrichtsmethode ist nicht in jedem Bundesland in Deutschland möglich?

Nathalie David: „Nein, soweit ich es mitbekommen habe nicht. Ich habe den Film in München gezeigt. Die Menschen sagten später zu mir: „So einen Unterricht könnte es in den Grundschulen in München nicht geben.” Sie sagten, dass in München noch sehr viel über Frontalunterricht gelehrt würde, in dem die Kinder keine Chance haben, sich zu bewegen oder eigene Dinge. z. B. in der Natur zu entdecken. Ähnlich sieht auch das Schulsystem in Frankreich aus. Innerhalb des Schulsystems und innerhalb der Schule gibt es strenge Regeln auch für Lehrerinnen und Lehrer.

In den Gymnasien in Frankreich herrscht großer Druck auf den Schülerinnen und Schülern. Sie müssen lernen und lernen und lernen und das Denken wird hier sehr eng gehalten. Das ist auch der Grund, warum Schulphobien bei Kindern in Frankreich sehr gehäuft auftreten. Und das ist wirklich ein großes Problem. Deswegen würde ich meinen Film sehr gerne auch einmal in Frankreich präsentieren.”

In Ihrem Film schneiden Sie zwar kurz die Unterrichtsmethoden der Vergangenheit an, z. B. zur Zeit Kaiser Wilhelms oder der DDR, aber Sie vergleichen nicht die Lehrerin Frau Schildt mit anderen Lehrerinnen und Lehrern. Warum nicht?

Nathalie David: „Durch den Blick in die Vergangenheit wollte ich aufzeigen, wie weit unser Schulsystem eigentlich schon ist. Jedoch zeigt dieser Vergleich auch die noch vorhandenen Schwachstellen in unserem jetzigen Schulsystem auf. In Deutschland gibt es 16 verschiedene Bildungssysteme. Da ist es doch kein Wunder, dass es hier zu Konflikten kommt. Und genau solche Probleme verlangsamen den Schulreformprozess.

Aber natürlich hätte ich Frau Schildt auch mit anderen Lehrerinnen und Lehrern vergleichen können, aber das wäre ein anderer Film gewesen. Wichtig war mir, die besondere Situation der Lehrerin, aber auch der Klasse aufzuzeigen: Die Kinder haben ihre Grundschulzeit hinter sich gebracht und die Lehrerin steht kurz vor der Pensionierung. Es ist eine Zeit des Umbruchs. Die Kinder wissen nicht, was jetzt auf sie zukommt. Sie haben Angst, machen sich Gedanken und Sorgen. Und gerade für Kinder, die in einer ähnlichen Situation stecken, können durch diesen Film sehen, dass sie nicht alleine sind mit ihren Ängsten und Sorgen. Somit ist der Film nicht nur retrospektiv, sondern schaut auch in eine ungewisse Zukunft.”

Der Film ist unterlegt mit Musik, die von den Kindern selbst gespielt wird und nicht immer fehlerfrei ist, aber diese Fehler stören nicht die Harmonie. Was wollten Sie damit zeigen?

Nathalie David: „Wir müssen für uns feststellen, dass wir Fehler brauchen. Wenn wir keine Fehler machen würden, können wir in unserem Denken keinen Fortschritt machen. Der Fortschritt passiert durch Fehler und wir lernen durch Fehler. Deswegen war es mir wichtig auch Fehler aufzuzeigen, die aber den ganzen Film lebendig und dynamisch machen.

Kinder brauchen für ihre Entwicklung die Freiheit, Fehler machen zu dürfen, genauso wie sie die Freiheit brauchen, alles in ihrem eigenen inneren Tempo anzugehen. Ich habe absichtlich auch Sequenzen in den Film geschnitten, in denen die Kinder nichts sagen, sondern nur nachdenken: Kinder sind verschieden und jedes Kind hat seine innere Zeit. So denkt ein Kind länger über eine Frage nach, als ein anderes. Wir Erwachsenen sind schon viel zu sehr geformt in unserer Zeit und die Kinder haben und brauchen ihre eigene. Und auch auf so etwas sollte die Schule eingehen, so wie es Frau Schildt tut.”

Titelbild: Regisseurin Nathalie David ©Nathalie David