Lehrer ≠ Arzt

Für Franziska ist die Vielfältigkeit des Lehrberufs dessen größter Vorteil. Ihre Aufgaben sind es, zu bilden, zu erziehen und zu prüfen. Und – woran sie lange nicht dachte – zu verarzten, oder gerade das nicht zu tun. Von medizinischen Notfällen und solchen, die es zum Glück nicht geworden sind, berichtet sie hier.

Aufgrund der Verantwortung für Kinder, Jugendliche und das Kollegium muss jede Lehrerin und jeder Lehrer alle zwei Jahre einen Erste-Hilfe-Kurs absolvieren. Das Training soll auf den hoffentlich niemals eintretenden Ernstfall vorbereiten. Auf Schnittwunden, gebrochene Gliedmaßen, Verlust des Bewusstseins und Anfälle. Als ich besagten Kurs zuletzt besuchte, saß ich, mit einem dicken Block und Stift bewaffnet, neben zwanzig Kolleginnen und Kollegen in der Aula unserer Schule. Während der folgenden sieben Stunden, schrieb ich fleißig mit und beteiligte mich an jeder szenischen Übung zur Simulation des Ernstfalls, dennoch hatte ich die ganze Zeit im Kopf: Sollte es jemals zum Ernstfall kommen, habe ich mit Sicherheit alles Gelernte wieder vergessen.

„Nichts rein und nichts raus“

An eine wichtige Faustregel erinnere ich mich allerdings genau: Im lebensbedrohlichen Ernstfall kann ich für das Nichthandeln zur Verantwortung gezogen werden, im lebensunbedrohlichen Nicht-Ernstfall dagegen kann ich mich durch das Handeln strafbar machen. Für letzteren Fall gilt offenbar: „Nichts in den Schüler oder die Schülerin rein, nichts aus ihm oder ihr heraus“. Daran, wie ernst zu nehmen diese Worte seien, erinnerte mich unsere Sekretärin zwei Wochen später. Als sich eine Schülerin in meinem WAT-Unterricht einen Splitter zugezogen hatte, bat ich sie um eine Pinzette. Die Sekretärin bemerkte daraufhin nur: „Frau F. – erinnerst du dich nicht? In die Schülerin darf nichts hinein und aus ihr heraus darf auch nichts.“ Noch bevor ich sie fragen konnte, was sie stattdessen empfehlen würde, ob ich die Schülerin wegen des Splitters nach Hause schicken oder den Notarzt alarmieren sollte, hatte meine Schülerin das Problem selbst gelöst. Sie hatte sich den Splitter selbst aus dem Finger gepopelt. Das war zwar ein unschöner Anblick, entließ mich aber aus der Verantwortung.

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„Nicht in unseren Kinderbetten …“

Auf der Waldfahrt vor wenigen Wochen kam es zu einem Zwischenfall, der einen Notarzteinsatz wirklich unangenehm gemacht hätte. Als ich am Abend mit meinem Kollegen und dem Herbergsleiter bei einem Tee im Essensraum beisammensaß, kam Martin auf uns zu und sagte: „Frau F., es wäre besser, einer von Ihnen kommt mal zu uns ins Zimmer. Umar geht es gar nicht gut.“
Nun muss man wissen, dass Umar uns die gesamte Reise schon auf Trab gehalten hatte. Herr B. und ich waren schon einige Male gerannt, weil Umar einen Notfall verursacht hatte, der sich später als Lappalie herausstellte. Unter anderem rannte er „Frau F., Mein Poloch brennt!“-rufend durch den Flur, nachdem er mit einem Mitschüler gewettet hatte, eine ganze Chilischote verzehren zu können.
Also fragte ich nach: „Hat er etwas angestellt?“. Martin bejahte die Frage mit herabschauendem Blick und einem kleinen Schmunzeln. „Wo hat er etwas angestellt?“, hakte ich nach. Martin antwortete: „In seinem Bett.“ Der Herbergsleiter vergrub ahnend sein Gesicht in den Händen und stöhnte: „Oh nein, nicht in unseren Kinderbetten …“ Immer noch besorgt fragte ich, ob er allein oder in Gesellschaft etwas angestellt hätte. Martin erwiderte, dass Umar allein gewesen sei. Ich war beruhigt, doch der Herbergsleiter stöhnte erneut, als befürchtete er eine Katastrophe: „Nicht in unseren Kinderbetten!“ Da Martin zu mehr Informationen nicht zu bewegen war, folgte ich ihm ins Jungenzimmer.

Akuter Fall von jugendlicher Dummheit

Dort lag Umar auf seinem Bett (angezogen, zum Glück). Er krümmte sich in Embryonalhaltung zusammen und vergrub die Hände zwischen den Beinen. Ab diesem Moment ahnte auch ich Schlimmes. Zunächst fragte ich nach, ob ich als weibliche Person das Zimmer betreten dürfe. Umar wimmerte ein leises „Ja“. Ich hockte mich neben das Bett und fragte mit ruhiger Stimme nach: „Umar, was hast du gemacht?“ Umar war zu keiner Aussage in der Lage. Patrick klärte mich auf: „Er hat sich Deo angesprüht, da unten. Und danach hat er sich mit Desinfektionsmittel eingeschmiert… und danach mit Fenistil.“ Als ich mich im Zimmer umsah, bemerkte ich Umars Mitschüler Tom schelmisch grinsend. Er hatte die Fahrt über mit seiner umfangreichen Reiseapotheke angegeben. Es stellte sich heraus, dass er Umar mit allen Utensilien versorgt hatte. Beruhigt darüber, dass ich es nur mit einem besonders ernsten Fall von jugendlicher Dummheit zu tun hatte, empfahl ich Umar, seine Körpermitte gründlich zu waschen und verließ kopfschüttelnd den Raum.

Als wir später am Abend alle gemeinsam im Essensraum saßen und über diese Sache, die sich schnell herumgesprochen hatte, lachten, lag Umar noch immer ganz wehleidig und unglücklich auf zwei zusammengestellten Stühlen. Leise wimmernd brachte er dennoch die Frage heraus, ob so eine Aktion bei Mädchen genauso wehtun würde. Mir fiel daraufhin keine andere Antwort ein als: „Umar, Mädchen sind nicht so dumm und testen, wie sich sowas anfühlt!“ Enrico rief daraufhin quer durch den Raum: „Frau F.! Ich geb’ Ihnen fünf Euro, wenn Sie es doch versuchen!“

Notarzteinsatz

Leider bleibt es auf Klassenfahrten nicht immer bei Kleinigkeiten und Zeugnissen jugendlicher Unreife. Da mir die komplette Aufsichtspflicht obliegt, ist es auch schon vorgekommen, dass ich mich lieber durch Fachärzte absicherte, als ernsthafte Verletzungen oder Krankheiten als Bagatellen abzutun. Die Eltern könnten im Ernstfall auch nicht mal eben vorbeikommen und die Lage einschätzen. Auf meiner ersten Klassenfahrt stürzte ein Schüler über einen Zaun und hatte eine riesige Platzwunde am Bein – in der brandenburgischen Pampa empfanden mein Kollege und ich es als vernünftiger, den Krankenwagen zu rufen. Eine gute Entscheidung, wie sich herausstellte, denn die Wunde musste tatsächlich genäht werden.

Schuster – bleib bei deinen Leisten!

Zu Beginn meiner Ausbildung hielt ich es noch für albern, dass ich Schülern und Schülerinnen nicht einmal eine Kopfschmerztablette verabreichen durfte. Mittlerweile verstehe ich es sehr gut. Schon kleinste medizinische Verarztungen können weitreichende Folgen haben. Ich kenne nicht alle Allergien und Empfindlichkeiten meiner Schützlinge. Ich bin keine ausgebildete Ärztin und kenne mich besser mit dem Rahmenlehrplan als mit der menschlichen Anatomie aus. Ich bin froh, wenn ich mich mit dem Wissen aus dem Erste-Hilfe-Kurs zeitlich bis zum Eintreffen eines Krankenwagens retten kann. Mehr möchte ich mir nicht zutrauen. Und über diese Grenze meines Berufs bin ich wahrlich nicht unglücklich.

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Über die Autorin

Gastautorin Franzi

Franziska studierte Sonderpädagogik und Deutsch auf Lehramt an der Humboldt-Universität zu Berlin. Nun ist sie Lehrerin an einer Integrierten Sekundarschule (ISS) im Berliner Zentrum. In den selten gewordenen Nächten mit etwas Schlaf träumt sie davon, selbsternannte Berufsexperten, die den Spruch „Lehrer haben vormittags recht und nachmittags frei“ proklamieren, mit dem Rohrstock über den Sportplatz zu jagen.

Titelbild: © Arve Bettum/shutterstock.com