Lehrer*innenmangel in Bayern: So ist die Lage im Freistaat wirklich

Lehrer*innen in Bayern

Bayern sucht Lehrer*innen und wirbt mit der Imagekampagne „Zukunft prägen“ für den pädagogischen Beruf. Tatsächlich stehen die Jobaussichten für alle, die 2021 mit dem Lehramtsstudium beginnen, sehr gut. Doch wie sieht es 2022 aus? An welchen Schulen gibt es den größten Mangel? Und welche Maßnahmen der Regierung kaschieren das Problem? Eine Sonderauswertung von sofatutor zeigt, worauf sich Lehrkräfte im Freistaat derzeit einstellen müssen.

Gibt es einen Lehrer*innenmangel oder gibt es keinen?

Expert*innen sprechen in Bezug auf den Lehrkräftemangel in Deutschland gerne vom „Schweinezyklus“. Das bedeutet: Fehlen z. B. viele Lehrkräfte an Gymnasien, beginnen viele Abiturient*innen mit einem Studium für das Gymnasiallehramt. Das hält so lange an, bis es zu einem Überangebot kommt und wieder sehr wenige Studierende diese Laufbahn einschlagen. Eine langfristige Planung sowie spontane Reaktionen auf Bedarfe sind nicht möglich.

Generell gibt es nicht DEN einen Lehrkräftemangel. Stattdessen müssen Fächer, Schulformen und Regionen gesondert betrachtet werden. Nach Ansicht des bayerischen Kultusministeriums besteht in der Praxis kein Lehrer*innenmangel. „Alle offenen Stellen können qualifiziert besetzt werden“, heißt es von Seiten des Ministeriums laut eines Berichts der „Süddeutschen Zeitung“.

Zahlreiche Maßnahmen gegen einen weiteren Mangel, wie z. B. die Kürzung von Randstunden und Stunden für AGs, sollen die Hauptfächer stärken. Konkrete Zahlen, wie viele Schüler*innen 2021 eingeschult werden, gibt es im Juni 2021 noch nicht. Normalerweise liegen diese Zahlen bereits im Mai vor.

Lehrkräfteverband: „Corona hat den Lehrer*innenmangel in Bayern kaschiert“

Lehrer*innen in Bayern

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Für diese Verspätung gibt es verschiedene Gründe, wie Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) erklärt: „Viele Eltern sind aufgrund von Corona verunsichert. Deshalb entscheiden sich ungewöhnlich viele Eltern von sogenannten Korridor- oder Kann-Kindern, bei denen die Einschulung optional ist, fürs Warten“, sagt Fleischmann. 

Einen weiteren coronabedingten Einfluss auf die Planungen entsteht durch die Schulnoten. Viele Lehrer*innen bewerten im jetzt zu Ende gehenden Schuljahr sehr milde. „Das liegt daran, dass die Lehrkräfte die Kinder vor allzu viel Härte schützen wollen“, erklärt Fleischmann. Das bedeute aber auch, dass weniger Schüler*innen vom Gymnasium auf die Mittelschule wechseln werden, da ihre Leistungen als ausreichend bewertet werden, obwohl sie es vermutlich nicht sind. 

Darüber hinaus hat der Digitalunterricht während Corona mehr Lehrkräften ermöglicht, zu unterrichten. So konnten z. B. Schwangere von zu Hause weiterhin unterrichten. Solche Lehrkräfte werden jedoch mit der Rückkehr zum Präsenzunterricht im neuen Schuljahr fehlen. Fleischmann geht davon aus, dass wenigstens 650 Lehrkräfte im kommenden Jahr fehlen werden. 

All das „kaschiere“ den Lehrer*innenmangel, der vor allem in den bayerischen Mittelschulen bestünde, lediglich, sagt Fleischmann. „Das Kultusministerium negiert den Lehrkräftemangel und wir Lehrer*innen vor Ort leiden. Bildungspolitisch ist das eine Bankrotterklärung“.

So groß ist der Lehrer*innen-Mangel in Bayern nach Schulformen wirklich

Lehrermangel: Wie viele Lehrkräfte fehlen an welchen Schulen?

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Auch die Kultusministerkonferenz (KMK) geht von einem Lehrkräftemangel in Bayern aus. Allerdings erstellt die KMK Prognosen für Kalenderjahre, nicht für Schuljahre und berechnet jedes Jahr den voraussichtlichen Bedarf an Lehrer*innen in Deutschland für die kommenden Jahre. Dies steht dem prognostizierten Angebot an fertig ausgebildeten Lehrer*innen gegenüber. 

Laut der neuesten Prognose von Ende 2020 fehlen im Jahr 2022 in Bayern insgesamt 1730 Lehrer*innen, allein 630 Lehrkräfte fehlen für die Sekundarstufe I. Das ist im Vergleich der einzelnen Schulformen der höchste Lehrer*innenmangel für das kommende Jahr. Im Vergleich zur ein Jahr älteren Prognose von 2019 zeigt sich für das Jahr 2022 vor allem eine Verbesserung in den Grundschulen. Hier ging die KMK zunächst von 770 Lehrstellen aus, die nicht besetzt werden können. In der neueren Prognose steht die Zahl 360.

Landeseigene Prognose: Auf dem Papier gibt es keinen Lehrer*innenmangel

Lehrer*innenmangel in Bayern

Bayern selbst hat im Juni 2021 eine eigene Lehrer*innenbedarfsprognose veröffentlicht. Demnach fehlen 2022 an der Grundschule, an der Mittelschule und an Förderschulen Lehrkräfte. Am Gymnasium besteht hingegen ein Überangebot.

An Gymnasien besteht aktuell ein Überangebot an Lehramtsanwärter*innen, das für das Jahr 2022 von Bayern selbst auf 830 beziffert wird. Dies wird sich allerdings im Jahr 2025 ändern, wenn erstmals Schüler*innen des neunjährigen Gymnasiums die 13. Klasse erreichen werden. Dann wird sich der Bedarf an entsprechenden Lehrkräften verdoppeln und es werden laut bayerischen Prognosen 870 Lehrer*innen fehlen. Die KMK geht davon aus, dass im Jahr 2025 an bayerischen Gymnasien 970 Lehrkräfteangebote auf 3080 offene Stellen kommen werden.

Flexibleres Studium ermöglicht schnelleres Reagieren

Die Zahlen zeigen, dass es unterm Strich keinen Lehrer*innenmangel gibt, an einzelnen Schulformen allerdings schon. So kann laut der Prognose an Mittelschulen jede dritte Stelle nicht besetzt werden. Um solche Situationen zu vermeiden und flexibel agieren zu können, schlägt der BLLV eine neue Form des Studiums vor. Dabei sollen alle Studierenden bis zum Bachelor ein einheitliches Studium absolvieren und sich erst dann, zwei Jahre vor Beginn des Referendariats, für eine Schulform entscheiden können.

Bereits umgesetzte Maßnahmen, um dem Lehrer*innenmangel zu begegnen sind:

  • mehr Studienplätze
  • eigene Imagekampagne
  • kein Numerus Clausus mehr für das Grundschullehramt
  • keine Sabbatjahre mehr

Weitere Maßnahmen sind, dass Lehrkräfte an Grund-, Mittel- und Förderschulen erst mit 65 Jahren die Kreide für immer in die Schublade packen und ihre Pension kassieren dürfen. Auch die Streichung von Randstunden schafft Spielraum für das Schließen von Bedarfslücken. Ob diese Maßnahmen vor Ort die Lage verbessern werden, bleibt offen. Nicht nur Simone Fleischmann spricht vom Kaschieren. Andere Lehrkräfte nennen es laut Medienberichten „Schönfärben“.

Wer eine Karriere als Lehrkraft anstrebt, sollte sich nicht nur die Prognosen für die einzelnen Schulformen genau ansehen. Genauso wichtig für eine künftige Anstellung sind die gewählten Fächer. Denn hier unterscheidet sich der Bedarf ebenfalls oft massiv. Das bayerische Kultusministerium formuliert in der hauseigenen Bedarfsprognose folgende Trends für Gymnasium, Realschule und Berufsschule:

  1. Gymnasium: In den kommenden Jahren werden die Fächer Informatik, Physik und Kunst gefragt sein. Demgegenüber gibt es laut der Prognosen wenig Bedarf für moderne Fremdsprachen.
  2. Realschule: Aktuell besteht an bayerischen Realschulen ein hoher Bedarf für die Fächer Informatik, Psychologie, Biologie, Kunst, Französisch, rein sprachliche Kombinationen, sprachliche Fächer mit Zweitfach Mathematik, Musik und Sport.
  3. Berufsschule: In den kommenden Jahren wird es in der Metalltechnik, Elektro- und Informationstechnik, Bautechnik, Agrarwirtschaft und Sonderpädagogik ein erhöhten Bedarf geben. 

Perspektiven für Lehrer*innen in Bayern

Einstellungschancen für Lehrer*innen

Wer sich heute für ein Lehramtsstudium in Bayern entscheidet, hat sehr gute Aussichten auf eine Anstellung. Für diejenigen, die im Jahr 2022 bereits mit dem Studium fertig sind, hängt die Perspektive stark von der Schulform ab. 

Aktuell besonders gefragt sind Lehrer*innen für bayerische Mittelschulen (siehe Grafik). Dieser Trend wird sich bis 2025 noch verschärfen. Dann werden 440 Lehrer*innen fehlen. 

An beruflichen Schulen sinken die Chancen auf eine freie Stelle im Jahr 2026 kurzzeitig, im darauffolgenden Jahre steigen sie den Prognosen zufolge jedoch wieder an.

So digital sind Lehrer*innen in Bayern

So digital sind Bayerns Lehrer*innen

Digitaler Unterricht gewinnt von Jahr zu Jahr an Bedeutung. In Bayern gibt es deshalb ab dem Sommersemester 2021 fünf Universitäten, an denen Medienpädagogik studiert werden kann. Ein Riesenschritt in die richtige Richtung. Bemängelte die KMK bei der Auswertung des Monitors Lehrerbildung in Bayern zum Wintersemester 2017/18 noch, dass es in allen Ländern an strategischer Steuerung fehle und es zu wenig einheitliche Vorgaben zum Umgang mit digitalen Medien gebe, arbeiten bayerische Lehrer*innen in der Praxis sehr digital. Das zeigt eine Auswertung zum Lernverhalten und zum Nutzungsverhalten von Lehrkräften durch sofatutor im Bundesvergleich.

Demnach arbeiten im Deutschlandvergleich die bayerischen Lehrer*innen am digitalsten. Bayerische Lehrkräfte loggten sich im Jahr 2020 am häufigsten bei sofatutor ein, um mit den Inhalten der Lernplattform ihren Unterricht zu gestalten, oder um den Schüler*innen Hilfe für das Üben zu Hause an die Hand zu geben.

Gehalt: In Bayern verdienen Lehrer*innen am meisten

Wie viel verdienen Lehrer in Bayern?

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In Bayern werden Lehrer*innen in der Regel verbeamtet und je nach Schulform und Aufgaben in Besoldungsgruppen eingeteilt. Die Altershöchstgrenze für die Verbeamtung von Lehrer*innen in Bayern liegt bei 45 Jahren. Oft werden Lehrer*innen an der Grundschule in die Besoldungsgruppe A12 eingeteilt. Lehrkräfte der Sekundarstufe II werden in A13 eingestuft, während in A14 etwa Oberstudienrät*innen eingestuft werden.

So viel verdienen Lehrer*innen in Bayern

Im Bundesländervergleich starten Lehrkräfte in Bayern mit dem höchsten Einstiegsgehalt, mit 3979,84 Euro in der Einstiegsstufe für A12. So viel bekommen gleich eingestufte Beamt*innen in keinem anderen Bundesland. Auf Platz zwei folgt Baden-Württemberg mit 3917,89. Die geringsten Gehälter in der Besoldungsgruppe A12 in der Einstiegsstufe erhalten Lehrkräfte in Mecklenburg-Vorpommern mit 3520,65 Euro, in Hessen mit 3529,90 Euro und im Saarland mit 3564,67 Euro. 

Betrachtet man das Gehalt der Lehrer*innen in Bayern in den vergangenen Jahren, zeigt sich ein vergleichsweise schwacher Anstieg zum Jahreswechsel 2020/2021. Stieg die Besoldung in den Vorjahren im Schnitt jeweils um 3,2 Prozent, so gab es im Januar 2021 lediglich ein Plus von 1,4 Prozent.

Gehalt im Referendariat in Bayern

Auf das Staatsexamen folgt der Vorbereitungsdienst, das sogenannte Referendariat. Dieses dauert in Bayern 24 Monate. In dieser Zeit erhalten die angehenden Lehrkräfte rund 1.500 Euro im Monat.

Werden Lehrer*innen in Bayern verbeamtet?

Werden Lehrer*innen in Bayern verbeamtet?

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In Bayern sind aktuell rund 93 Prozent aller Lehrkräfte im Beamtenverhältnis tätig. Des Weiteren gibt es noch Lehrkräfte im unbefristeten Angestelltenverhältnis und Lehrkräfte im befristeten Arbeitsverhältnis. 

Um in Bayern verbeamtet zu werden, müssen neben der allgemeinen Lehrbefähigung inklusive Staatsexamen und Referendariat noch weitere Voraussetzungen erfüllt werden. Die Altersgrenze für eine Verbeamtung in Bayern liegt bei 45. Zudem darf keine gesundheitliche Einschränkung vorliegen, wie z. B. chronische Erkrankungen, Bandscheibenvorfälle oder psychische Erkrankungen. 

Lehrkräfte mit regulärer Lehrbefähigung, die lediglich die zusätzlichen Voraussetzungen für die Verbeamtung nicht erfüllen, werden unbefristet angestellt. Befristete Arbeitsverträge ohne Zusage auf Verbeamtung gibt es für Lehrkräfte, die kurzfristig benötigt werden, etwa aufgrund eines Todesfalles oder einer kurzfristigen Beurlaubung einer Lehrkraft.