Manege frei für Berlin-Neukölln

Schonmal im Zirkus gewesen? Mit Sicherheit. Aber mit 400 Schülern, die an Trapezen rumturnen oder einen riesigen schwarzen Rappen im Zaum halten? Ilona Bernsdorf von der Herman-Nohl-Schule in Berlin-Neukölln schon. Und das ist nur eines von vielen Projekten, die sie als Direktorin vorantreibt. Da wäre z. B. noch ihr Golden Retriever „Lilly“. Den hat sie zum Therapiehund ausbilden lassen, damit die Kinder einen vierbeinigen Freund haben – wenn mal irgendwo der Schuh drückt. Wir waren vor Ort und sind ins Staunen gekommen.

Total Digital

Die Herman-Nohl-Schule ist sehr vielseitig. Und bei der Einbindung von digitalen Medien, macht man den Lehrern und Schülern dort so schnell nichts vor. So ist jeder Klassenraum mit einem Smartboard ausgestattet. Ganz schön fortschrittlich. Und wenn ein Lehrer ab und zu noch seine Probleme mit der Technik hat, helfen die Drittklässler gerne weiter.

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Schülerin am Smartboard © Anna Renner

Frau Bernsdorf sieht den Einsatz von digitalen Medien als tolle Ergänzung zum Unterricht. In Kürze möchte sie E-Books für ihre Schüler bestellen. Die Angst, dass elektronische Bücher, die Kinder hindern Schreiben und Lesen zu lernen, fegt Frau Bernsdorf vom Tisch. Denn all diese Innovationen erfolgen ergänzend. Frau Bernsdorf setzt sich ein, der Senat finanziert Vieles – wieso also darauf verzichten? Außerdem muss die Schule sich weiterentwickeln. Und mit ihr die Lehrer. Das sagt zumindest Frau Bernsdorf. Und die muss es wissen. Schließlich gehört sie nicht zur Generation, die schon mit einem Smartphone in der Hand geboren wurden. Sie musste sich auch mit dem technischen Fortschritt auseinandersetzen. Für ihre Kollegen gab es Schulungen, als die Smartboards kamen. Und auch für die Schüler wird der Einsatz von digitalen Medien greifbar. Sie können z. B. ein „Internet-Seepferdchen” machen. Dabei lernen Sie den richtigen Umgang mit dem Internet, das Erkennen von möglichen Gefahren beim Surfen im Netz, aber auch den Nutzen von digitalen Medien.

Abschalten und Entspannen

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Ruheraum © Anna Renner

Viele Projekte, Schullärm, Streit unter Mitschülern und Lernstoff – das kann stressen. Als Kontrast gibt es in der Herman-Nohl-Schule den „Ruheraum”. Wasserbett, Teppich, Sitzsäcke, Kuschelecken, Wasserspiele, Sternenhimmel – alles zusammen mit Eltern und Unterstützern eigenhändig zusammengebaut und eingerichtet. Der Ruheraum ist die totale Oase und wird sowohl von Lehrern, als auch von Schülern genutzt. Hier werden den Erstklässlern Märchengeschichten vorgelesen, bei denen sie ihre Augen schließen und sich vorstellen können, sie seien selbst in der Geschichte. Ältere Schüler lernen einfach mal still zu sitzen oder Konflikte im wahrsten Sinne des Wortes „im Ruhigen” zu klären.

„Bei allen Entscheidungen stehen die Kinder im Mittelpunkt.”

Als wir zu Besuch waren und durch die Klassen geführt wurden, fiel eins sofort auf: Frau Bernsdorf kennt jeden Einzelnen ihrer über 400 Schüler – und zwar beim Namen. Jeder Schüler ist einzigartig, wird als Person wahrgenommen und respektiert. Kein Wunder, dass sie alle an Frau Bernsdorfs Rockzipfel hängen. Sie lieben ihre Schulleiterin. Und umgekehrt.
„Bei allen Entscheidungen stehen die Kinder im Mittelpunkt.” Das ist das Motto der Direktorin, die sich immer wieder zum Ziel macht, wertvolle Projekte und pädagogische Prinzipien durchzusetzen – und sich Zeit zu nehmen. Für die Schüler, aber auch für ihre Eltern und die Kollegen. „Jeder soll erhobenen Hauptes diese Schule betreten und verlassen können.”

Selbstwertgefühl stärken

Die Herman-Nohl-Schule vereint eine Grundschule, Europaschule und Förderschule in einem Gebäude. Insgesamt sind 44 Nationalitäten vertreten. Gar nicht so einfach in einem Stadtteil, der als sozialer Brennpunkt gilt. Doch in der Schule gibt es von Brennpunkt-Vorurteilen keine Spur. Die Kinder arbeiten Hand in Hand in Fächern wie „Soziales Lernen”: „Da lernt man, dass man sein Anliegen nicht mit Fäusten, sondern mit Worten klären kann”, erklärt uns Frau Bernsdorf.

Ein weiteres Konzept dazu: Einzelne Schüler besuchen stundenweise andere Klassen, um die Lehrer zu unterstützen. Dann kommt z. B. ein Neuntklässler mit in die zweite Klasse und hilft den Kindern beim Lernen. So wird sein Selbstbewusstsein gestärkt, weil er und seine Erklärungen ein wichtiger Teil des Unterrichts sind.

Das Zirkusprojekt

Sie fragen sich immer noch, was es nun mit dem Zirkus auf sich hat? Folgendes: Vor sieben Jahren begann eine Zusammenarbeit mit dem Zirkus Mondeo. Unter den unzähligen Faxen, die täglich in der Schule eintreffen, gab es eine Anfrage vom Zirkus, der anbot, ein paar Kinder mit einzubeziehen. Kurzer Hand rief Frau Bernsdorf dort an. Die zuständige Frau vom Zirkus fragte: „An wie viele Kinder haben Sie denn gedacht? Zehn, Fünfzehn?” – „Ich hatte eigentlich vor, mit allen meinen 400 Schülern zu kommen.” Das musste Frau Bernsdorfs Gegenüber erstmal verdauen. Doch am nächsten Tag stimmte sie zu und freute sich über das Engagement der Direktorin.

Seitdem ist es Tradition, dass einmal im Jahr eine Zirkusaufführung durchgeführt wird, zu der alle Eltern und Gäste – z. B. das niederländische Königspaar, kommen können. Die Schüler haben eine Woche lang Zeit, um ihre Aufführung zu proben. Solch ein Projekt stärkt das Selbstbewusstsein, denn den Schülern wird eine große Verantwortung übertragen – ein ganzer Zirkusabend. Sie merken außerdem, dass sie besondere Fähigkeiten haben und zeigen können. Einige hängen an hohen Trapezen, andere sind für die Ansagen verantwortlich. Und die Lehrer? Die haben in dieser Zeit die Möglichkeit, ihre Schüler zu beobachten. Wer hat welche Begabungen? Wo können die Kinder noch gefördert werden?

Natürlich stößt Frau Bernsdorf mit ihrem Engagement nicht nur auf Begeisterung. Die Lehrer müssen viel Zeit und Herzblut in ihre Arbeit stecken. „Wer das nicht kann und will, ist in meiner Schule falsch. Ich bin selbst mit Begeisterung dabei und möchte für die Kinder nur das Beste. Wenn jemand nicht bereit für Veränderungen ist – es gibt auch noch genügend andere Schulen.” Wenn es um das Wohl ihrer Schüler geht, ist sie kompromisslos.

Es lohnt sich

Als Schulleiterin hat man sehr viel um die Ohren: Zu einem reibungslosen Schulalltag gehört eine perfekte Koordination. Dann sind da noch die Eltern, die sich beschweren oder Sorgen haben. Wenn man dann auch noch auf Schulungen geht, Projekte an Land zieht, Firmen und Vereine für Spenden oder Finanzierungshilfen kontaktiert – da kann man schonmal ins Schwitzen kommen. Doch Ilona Bernsdorf hat ein Geheimrezept: Sie liebt ihren Job. Sie macht sich gerne die Mühe und die Arbeit für die Kinder, weil sie selbst auch die „Ernte” sieht.
„Wenn ein Kind begeistert einen Schulgarten mit aufbaut und seinen Handabdruck auf dem Pfad dorthin verewigen kann und sich so als Teil der Gemeinschaft sieht und nützlich fühlt, dann ist es die Mühe wert.”

Für Ilona Bernsdorf steht fest:

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Ilona Bernsdorf © Anna Renner

Wenn man sich die Mühe macht, über den Tellerrand hinauszuschauen und sich wirklich um die Bedürfnisse der einzelnen Kinder zu kümmern, dann gelingt das Lernen auch besser. Bei ihr sind die Schüler konzentriert dabei. Trotzdem ist jeder mal zappelig und kann nicht 90 Minuten ruhig auf dem Stuhl sitzen bleiben. Aber das gilt ja für alle – auch für Lehrer und Schulleiterinnen.

Titelbild: Herman-Nohl-Schule ©Anna Renner