Mehr Offenheit, mehr Möglichkeiten und weniger Pflichtstoff

Felix Nattermann ist Lehrer aus Leidenschaft, obwohl er dem Deutschen Schulsystem auch mal kritisch gegenübersteht. Warum ihm sein Job trotzdem so viel Spaß macht und wie er es schafft, lehrerpreisgerecht zu unterrichten, hat er uns in einem Interview erzählt.

Sie haben den Deutschen Lehrerpreis erhalten. Was ist das für ein Gefühl, solch eine Wertschätzung als Pädagoge zu erfahren?

Felix Nattermann: „Es ein hervorragendes Gefühl. Wenn man sehr viel Zeit in seinen Beruf investiert und viel nebenbei macht, ist es umso schöner, wenn dieses Engagement gesehen wird. Das gibt zusätzlichen Schwung und motiviert ungemein. Es ist natürlich nicht immer alles nur ‚Friede, Freude, Eierkuchen‛. Umso schöner ist es, wenn man dann so ein positives Feedback bekommt.”

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Steckbrief

Name: Felix Nattermann
Schule: Gymnasium am Geroweiher Mönchengladbach
Den Schülerinnen und Schüler von heute …
… wird heutzutage viel zu wenig zugetraut. (Dürfen nicht mehr auf Bäume klettern, werden von den Eltern zu Schule gefahren, …)
Die Schule von morgen …
… muss sich immer der aktuellen Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen stellen.
Ich werde nie vergessen, …
… wie ich mal als Schüler war, dann hat man auch gleich wieder ein wenig mehr Verständnis für so Manches.

Sie sind Mathematik und Informatiklehrer. Ihre Informatik-AG ist gut besucht. Können sie uns von Ihrem Ansatz erzählen, wie Sie an den Unterricht herangehen und diesen gestalten?

Felix Nattermann: „Ich komme ursprünglich aus dem Bereich der Erlebnispädagogik und wollte davon viel mit in die Schule nehmen. Aber die Schulrealität sieht doch anders aus. Man muss sehr viel Stoff durchnehmen und es ist gar nicht so leicht, seinen Unterricht die ganze Zeit auf Motivation und Aha-Effekte der Teilnehmer aufzubauen. Dennoch bin ich stets versucht, die Schüler zu motivieren und viele Methodenwechsel anzuwenden. Wobei die Methode eigentlich gar nicht so relevant ist. Es kommt vor allem auf die Art der Herangehensweise an. Man muss ein Verhältnis aufbauen, bei dem sich die Schüler auch mal trauen, Fehler zu machen.

Neben dem gängigen Unterricht habe ich noch meine Informatik-AG. Während ich im Unterricht an meinen Stoffplan gebunden bin, habe ich in der AG freie Hand und kann dort viel mehr Erlebnispädagogik einbringen und Projektarbeit machen.”



Die AG ist so professionell, dass Sie sich an Homepagebau wagen und Kunden akquirieren.

Felix Nattermann: „Es gibt bei uns Module, die Schüler besuchen und dort speziellere Sachen erlernen. Die einen wollen z. B. das Programmieren erlernen, andere gehen in den Grafikerbereich oder interessieren sich für den Webbereich. Nachdem man solche Module abgeschlossen hat, können weiterführende belegt werden. Dort wird dann den Teilnehmern z.B. der Umgang mit Javascript, Java, PHP oder Unity beigebracht oder sie erstellen Apps für ihre Handys.
Neben diesen Lernmodulen gibt es dann Projekte, bei denen sich die Schüler mit einem ‚Trainer‛, das sind ältere Schüler, zusammenschließen und an einer Sache praktisch arbeiten. Darunter war auch ein Projekt zur Erstellung von Webseiten, im Rahmen dessen wir Kunden gesucht haben. Oder besser gesagt, diese Kunden haben sich uns gesucht.

Ich bin immer versucht, die Schüler so nah an den Markt zu bringen wie möglich. Unsere Kunden bekommen natürlich auch eine Beratung. Dabei können dann andere Schüler wieder lernen, was bei einem Kundengespräch alles wichtig ist.”

Thema Medienkompetenz: Erst kürzlich standen deutsche Schulen in der Kritik um die schlechte Medienkompetenz deutscher Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte. Wo sehen Sie die Probleme verankert?

Felix Nattermann: „Ach, schönes großes Thema. Da kann ich wirklich viel zu sagen. Die Schwierigkeit besteht darin, dass die Medien als neues Feld aufgekommen sind, in dem sich die Jugend mehr und mehr tummelt. Das Ganze ist aber so schnelllebig, dass nicht mehr ganz so junge Leute mit der Geschwindigkeit mithalten können. Und dieses Feld bringt natürlich auch Probleme mit sich: Stellt man falsche Sachen bei Facebook ein, dann kann das nachher Auswirkungen auf das ganze Leben haben. Ganz zu schweigen von Cybermobbing, Copyrightverletzungen oder Schutz der Privatsphäre im Netz. Es bedarf also einer Ausbildung in diesem Bereich. Aber wer übernimmt diese Ausbildung der Schüler? Wer ist verantwortlich? Jetzt könnte man einerseits sagen, das sind die Eltern, anderseits können diese das aber gar nicht allein bewältigen. Daher wird diese Verantwortung gerne an die Schulen weitergegeben, die aber ein ganz ähnliches Problem haben. Was soll eine 55-jährige Politiklehrerin Schülern über Facebook erzählen?

Wir haben es an unserer Schule ganz gut gelöst. Mit der ITG (Informationstechnische Grundbildung) wird jedem Schüler, der mit der fünften Klasse zu uns kommt, eine grundlegende Bildung in diesem Bereich zuteil. Daneben wird dieses Wissen nochmal in einzelnen Fächern abgedeckt: Z. B. kümmert sich das Fach Deutsch um Textverarbeitung, Präsentationen werden z. B. in Biologie und Erdkunde gemacht und Tabellenkalkulationen in Mathematik usw.”

In einem anderen Interview sagten Sie, dass das System Schule nicht kinderfreundlich ist. Woher rührt diese Sicht und was wünschen Sie sich für das deutsche Schulsystem?

Felix Nattermann: „Wenn man an Zehnjährige denkt und weiß, was die für einen Bewegungsdrang haben, was deren Lebenswelt ist und womit sie sich beschäftigen, dann ist das sehr weit von dem entfernt, was wir momentan im System Schule machen: Sechs Stunden am Stück sitzen und zuhören. Für Kinder ist das unheimlich anstrengend. Aber wir müssen das machen, weil wir die Kinder auf das spätere Leben vorbereiten müssen.

Daneben ist ja der Begriff der individuellen Förderung gerade total in und ich finde den Ansatz auch wichtig. Doch versuchen wir diesen Ansatz gerade in ein System hineinzupressen, das dazu überhaupt nicht in der Lage ist. Die gegenwärtige Grundlage von bis zu 30 Schülern in einer Klasse, die im 45 Minutentakt beschult werden, erschwert die individuelle Förderung ungemein.

Wir müssten unterschiedliche Stunden haben. Der eine müsste mehr Mathe haben als der andere. Es müsste mehr Fächer und mehr Auswahl geben. Ich würde das ganze System viel mehr öffnen wollen. Um die Qualität hochzuhalten versuchen wir momentan
alles dicht zu drängen, schriftlich zu fixieren und in Regeln zu zwängen, was es noch schwerer macht, individuell auf den Einzelnen einzugehen.

Bei 90 Prozent der Schüler mit Defiziten geht es nicht darum, was sie wiederholen oder intensivieren müssen, sondern bei 90 Prozent ist entweder der Horizont erreicht oder es besteht vor allem ein motivatorisches Problem. Dann kann ich noch so oft sagen, dass sie dies und jenes wiederholen sollen, es schriftlich fixieren und Lernpläne aufstellen. Dann ich bin vielleicht juristisch aus dem Schneider, aber den Schüler bringt das nicht weiter. Ich wünsche mir mehr Offenheit, mehr Möglichkeiten und weniger Pflichtstoff.”

Abschließend gefragt: Was lieben Sie an Ihrem Beruf besonders und worauf könnten Sie gern verzichten?

Felix Nattermann: „Verzichten könnte ich auf eine ganze Menge Bürokratie, die nicht der Sache förderlich ist. Und auch gut und gerne auf ein paar verpflichtende Inhalte.
Was ich an meinen Beruf wirklich liebe, ist die Abwechslung. Ich habe mit Fünftklässlern zu tun, mit Teenagern und Heranwachsenden und jungen Erwachsenen und jede Altersgruppe muss anders unterrichtet werden. Es gibt Klassenfahrten, AGs, Schüler mit häuslichen Problemen, Trauriges, Lustiges, ich muss Computernetze warten können, Homepages administrieren, Konzepte erarbeiten, man ist Dompteur und Animateur und noch so vieles mehr. Dieser Beruf ermöglicht einem so oder so, sich komplett in dieser Welt zu verlieren. Das kann auch mal zum Nachteil werden – Fluch und Segen zugleich (lacht).


Website der Informatik-AG

Schulhompage


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Titelbild: © F. Nattermann