Meine erste Klassenfahrt „auf der anderen Seite“ –Teil 2

Im zweiten Teil der Geschichte über ihre erste Klassenfahrt als Referendarin berichtet Franzi von gruseligen Nachtwanderungen und leeren Betten.

Die Nudelsuppenära

Den Kartoffelsalat kann man essen. Zum Glück! Denn Schülerinnen und Schüler gehen mit ihrer Kritik nie so sanft um, wie sie selbst behandelt werden wollen. Allerdings muss ich mir auch eingestehen, dass Jugendliche im Wachstum alles essen. Ihr raubtierartiger Überfall auf den Kartoffelsalat spricht weniger für meine Kochkunst als für ihren unermüdlichen Appetit.
Ich denke fünf Jahre zurück, an die von mir selbst betitelte „Nudelsuppenära von Berlin“: Schülerinnen und Schüler versorgten sich päckchenweise mit den asiatischen Fertigsuppen aus dem Spätkauf des Vertrauens. Überall auf den Schulhöfen lagen die Plastikverpackungen und – in kleineren, quadratischen Verpackungen – die dazugehörigen Gewürzmischungen, die von einigen älteren Kolleginnen und Kollegen zunächst für Kondomverpackungen gehalten wurden. Der Hinweis, dass es sich dabei nur um Junkfood handele, schien sie beinahe zu beruhigen. Die Schülerinnen und Schüler haben diese Nudeln ungekocht geknabbert. Seit dieser Zeit einseitiger Berliner Schülerernährung vertraue ich keinem Schülergaumen mehr.

Outdoor-Kompromisslösung

Zurück zur Klassenfahrt: Wir essen unseren Salat mit Wurst und Brot an einem großen Lagerfeuer. Ich saß noch nie an einem überdachten Lagerfeuer, werde aber schnell ein Freund dieser Outdoor-Kompromisslösung, bei der sich romantische Ferienlagerstimmung und eine warme Nierengegend nicht zwangsläufig ausschließen. Zu meiner Sorge kommen die Schülerinnen und Schüler auf die Idee, Fangen zu spielen, statt gemütlich zur Gitarrenmusik zu singen. Ich habe blitzartige Visionen, in denen ein Schüler oder eine Schülerin nach dem/der anderen ins Feuer fällt, weil er oder sie über einen Marshmallow-Ast stolpert. Äußerlich schreie ich vor Schreck jedes Mal ein bisschen weniger auf, innerlich erleide ich jedoch viele kleine Herzstillstände.

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Die Zeit bleibt stehen …

Die weite Reise nach Brandenburg, das frühe Aufstehen, die große Verantwortung der Schülerspeisung, die noch größere Angst vor Verbrennungsopfern – das Lehrersein macht mich an diesem Tag müder als sonst. Ich frage meinen Kollegen nach der Uhrzeit, in der Hoffnung eine so späte Zeit zu hören, dass alle entsetzt aufspringen und die Schülerinnen und Schüler von allein den Weg ins Bett finden. Das passiert nicht. Es ist unverständlicherweise erst 20:30 Uhr. Ich weiß natürlich auch, dass Schülerinnen und Schüler auf einer Klassenfahrt nie von allein den Weg ins Bett suchen – zumindest nicht allein und schon gar nicht, um dort zu schlafen. Der späte Abend soll mir letzteres noch vor Augen führen.

Als es endlich spät genug ist, alle Schülerinnen und Schüler ins Bett zu schicken, bin ich so müde wie nie zuvor in meinem Leben. Meine Kolleginnen und Kollegen sind ebenfalls erschöpft. Die Augen offen zu halten, fällt ihnen aber lange nicht so schwer wie mir. Mitleidig bieten sie mir an, meinen Nachtdienst zu übernehmen, aber diese Schmach möchte ich nicht über mich ergehen lassen. Als Jüngste muss ich mich hier behaupten. Ich bin festen Willens durchzuhalten.

Nachtwanderung zu Wachhaltungszwecken

Während die Schülerinnen und Schüler im Bad sind, schlägt mir ein Kollege vor, zu „Wachhaltungszwecken“ eine kleine Nachtwanderung über das Gelände zu machen. Dieses steckt voller Geschichte. Ich stimme dem Plan zu, obwohl ich zu meinen Schülerzeiten auf Nachtwanderungen mit Abstand der größte Schisser war. Seither hat sich nicht viel getan. Das wird mir peinlich bewusst, als wir den ehemaligen Herrensitz des Propagandaministers im Dritten Reich ablaufen und der Statue eines tanzenden Paares begegnen, was mich beinahe an meinem Kollegen vor Angst hochspringen lässt. Immerhin bin ich nach dieser Begegnung wieder wach.
Der Rückweg lässt uns an der Rückseite des Herbergengebäudes entlanglaufen. Ein Rascheln an der Hauswand bringt mir den Schreck meines Lebens. Mein Kollege leuchtet mit der Taschenlampe die Wand ab und siehe da: Daniel, meine Küchenhilfe, macht sich in Unterhose auf den Weg von einem Fenster – sein Zimmer – zu einem anderen Fenster – Zimmer seiner Freundin. Es folgt ein kurzer Ruf meines Kollegen mit der Ankündigung der Toiletten-Putz-Strafe, die Daniel in dieser Woche bereits dreimal ableisten musste.

Rumtreiberei und ungestüme Hormonspiegel

Dass dies nicht Daniels erste Rumtreiberei war, lässt mich eingestehen: Die Schülerinnen und Schüler sind nicht so unschuldig, wie man meinen möchte. An sich ist das nichts Verwerfliches. Was sie zu Hause tun, wollen sie auch auf der Klassenfahrt ausleben. Eine Woche Abstinenz ist augenscheinlich zu viel verlangt vom ungestümen Hormonspiegel eines Sechzehnjährigen. Ich möchte den Schülerinnen und Schülern am liebsten eine Packung Kondome zur Verhinderung größerer Dilemma in den Flur stellen. Natürlich darf ich das nicht. Eltern würden mich der Anstiftung bezichtigen.

Nächtliche Bettflucht

Es ist zwar nicht möglich, die Schülerinnen und Schüler 24 Stunden auf einer Klassenfahrt zu beaufsichtigen. Dennoch hat die nächtliche Begegnung mich und meinen Kollegen im wahrsten Sinne wachgerüttelt. Um 00:30 Uhr beschließen wir deswegen, einen letzten Blick in die Zimmer zu wagen, bevor wir selbst ins Bett gehen. Ich übernehme das Mädchenzimmer. Zuvor frage ich meinen Kollegen, wie ich in einem dunklen Zimmer die Köpfe zählen soll. Er bietet mir seine Taschenlampe an: „Kannste ja in die Betten leuchten!“ Ich verzichte dankend, denn auf eine Kreischerei habe ich keine Lust. Als ich die Tür zum Mädchenzimmer öffne, wird klar, dass sich die Lampe erübrigt: Das Zimmer ist hell erleuchtet, die Betten leer, die Fenster sperrangelweit geöffnet. Jedes Mädchen unserer Gruppe hat an diesem Abend offenbar Zuflucht in einem Jungenbett gesucht. Meine Kollegen und ich stürmen die Zimmer der Schüler und scheuchen ein Mädchen nach dem anderen in ihr eigenes Bett. Leider haben wir nicht genügend Toiletten, um sie am nächsten Morgen alle putzen zu lassen.

Den Schluss gibt’s im dritten Teil.

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Gastautorin Franzi

Franziska studierte Sonderpädagogik und Deutsch auf Lehramt an der Humboldt-Universität zu Berlin. Nun ist sie Referendarin an einer Integrierten Sekundarschule (ISS) im Berliner Zentrum. In den selten gewordenen Nächten mit etwas Schlaf träumt sie davon, selbsternannte Berufsexperten, die den Spruch „Lehrer haben vormittags recht und nachmittags frei“ proklamieren, mit dem Rohrstock über den Sportplatz zu jagen.




Titelbild: © Fotovika/shutterstock.com