Picknicken mit der 8b, „Testosteronbomben“ und ihren Eltern

Das Picknick zum Schuljahresende mit der 8b plus Eltern ist ein zuverlässiger Garant für gute Unterhaltung. Aus dem Tagebuch des Klassenlehrers Maximilian Lämpel.

Kurz vor den Sommerferien: Die einen waren in Endspurtstimmung, die anderen schalteten in den Wir-gucken-nur-noch-Filme-Modus. Die Zeit für das alljährliche Picknick zum Schuljahresabschluss war gekommen. Es ist ein bewährter Klassenlehrertrick: Man sorgt für Wohlwollen bei Klasse und Eltern und erarbeitet sich so den Ruf eines engagierten Klassenlehrers.

Herr T. greift durch

Die Planung gestaltete sich aber nicht ganz reibungslos. Doodle sagte uns, dass am Samstag um 15 Uhr losgepicknickt werden sollte. Doch eine Woche vorher erklärte Familie L. über den Mailverteiler, dass der 9.7. ihr doch nicht so gut passe, verschieben wäre schön. Zwei andere Eltern stimmten mit ein. Darauf antwortete der nicht nur bei Elternversammlungen streitbare Herr T., dass das so ja wohl nicht gehe, denn „entschieden ist entschieden“ und „eine Diktatur der Minderheit kann nicht akzeptiert werden“. Er schloss seine Predigt mit den Worten: „Wir jedenfalls werden am 9.7. kommen.“ Danach traute sich niemand mehr zu antworten. Es blieb bei Samstag.

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Immer nicken und lächeln

Es waren dann alle da, außer ausgerechnet Herr T. und seine Familie. Es war trotzdem – böse Zungen behaupteten gerade deswegen – sehr nett und unterhaltsam.
Zunächst sprach ich ein paar Worte: Begrüßung, Schuljahr Revue passieren lassen und so. Dafür hatte ich mir Gags zurechtgelegt. Immerhin wurde einmal gelacht. Sonst nur geraunt und genickt, aber vor allem gierig in Richtung des zuvor aufgebauten Buffets geschielt. Nach meiner Ansprache bildeten sich auf den Decken die üblichen Grüppchen: Die Otto-Normalverbraucher-Eltern strebten nach Homogenität und waren am liebsten unter ihresgleichen.
Ich smalltalkte, gab Auskünfte, versuchte Unangenehmes ernst zu nehmen und wegzulächeln. Jaja, der Mathelehrer wieder, er nutze das von den Eltern gekaufte Buch so selten.

Der Mensch ist, was er isst

Das Buffet war so heterogen wie die Zusammensetzung der Klasse. In ihm spiegelte sich Herkunft und Milieu wider: Auf der einen Seite lagen Frikadellen, Schichtsalat bzw. warme Mayonnaise-Pampe mit Mais- und Schinkenschicht, Börek usw., auf der anderen Mini-Pulled-Pork-Burger, Cold-Brew-Kaffee, veganer Thymian-Schokokuchen u. ä. Ein Teil der Elternschaft ist eben alteingesessen und traditionell, der andere neueingesessen und progressiv.
Meinen Schülerinnen und Schülern war das alles reichlich egal – Hauptsache mit Ketchup und dann Fußball spielen oder zusammenhocken und grinsend verstummen, wenn sich der Klassenlehrer nähert. Beim Fußball habe ich ein bisschen zugeguckt und anschließend gesagt, dass die Verlierermannschaft gespielt habe wie die Engländer. Kam nicht so gut an.

Die Leiden des jungen Oscar

Per Mail hatte Oscars Mutter bereits angekündigt, mit mir reden zu wollen, um mir „das auffällige Verhalten“ ihres Sohnes zu erklären. Ich wusste nicht, was sie damit meinte: Oscar beteiligt sich nicht am Unterricht – hat er noch nie – und quatscht dafür mit Ahmet – hat er schon immer. Von „auffälligem Verhalten“ kann keine Rede sein. Der Gesprächsbedarf ihrerseits war am Samstag noch vorhanden. Sie zählte zunächst belanglose Elternproblemchen auf: Oscar wolle nicht mehr mit ihr zum Tennis gehen und zöge sich aus dem Familienleben zurück. Ogottogott. So ging es eine Weile, bis ich das Stichwort „Pubertät!?“ fallen ließ. Das griff sie sogleich auf, um kichernd und etwas pikiert ihren Sohn als „wandelnde Testosteronbombe“ zu bezeichnen. Ausführlich berichtete sie dann von Dingen, die Mütter für sich behalten sollten. Nachdem ich mich mehrfach geräuspert hatte, merkte sie, dass das etwas aus dem Ruder lief. Jetzt habe ich Oscar in der Hand, wenn er das nächste Mal stört. Wissen ist Macht! Naja, er hat Glück, dass ich ihn mag und solche Maßnahmen gegen ethische und ungeschriebene Lehrergesetze verstoßen.

Das war alles in allem ein gelungener Nachmittag. Die 8b ist super. Aber als ich auf dem Heimweg meine Mails checkte, sah ich, dass der handylose Herr T. um 14.15 geschrieben hatte: „Könnte bitte jemand noch mal den Treffpunkt schicken? Danke.“ Niemand hatte geantwortet.

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Titelbild: © Leszek Kobusinski/shutterstock.com