Rentner macht Abitur mit 72 Jahren: „Originalität und Individualität sind nicht gefragt.“

Während andere Menschen sich auf ein entspanntes Leben im Ruhestand freuen, stürzt sich Robert Spieß in ein Abenteuer: Mit 72 Jahren holt er sein Abitur nach. Für uns schrieb er seine Gedanken auf.

Der große Tag

29. Juni 2015: Heute ist die Übergabe der Abizeugnisse der Schülerinnen und Schüler des Hessenkollegs Wiesbaden und des Abendgymnasiums Wiesbaden in der Aula des Abendgymnasiums. Ich bin ein ganz Großer, soll in der ersten Reihe Platz nehmen und werde als Erster vom Direktor mit meinem Zeugnis ausgestattet – vor allen anderen. Die Medien stürzen sich auf mich und fragen mich, ob ich nun stolz bin. Ich muss überlegen, aber Stolz vermag ich eigentlich bei mir nicht auszumachen. Froh und zufrieden bin ich. Ja, das bin ich. Ich finde, dass nun die Mühen belohnt wurden. Aber Stolz? Nein. Vergleiche mit der Frage an den Stürmer nach dem Spiel kommen mir in den Sinn. Soll der stolz sein, dass er ein Tor geschossen hat? Ich weiß nicht …

Warum habe ich das gemacht?

Es war oft mühevoll – vor allem vor den Klausuren. Aber ich mag gerne Herausforderungen. Das war immer so. Nach dem Eintritt in die Rente vor acht Jahren hatte ich zunächst noch mit dem Bau eines Zweifamilienhauses für meine Kinder zu tun. Als dieses Werk beendet war, erledigte ich die Aufgaben, die ich für die Rentenzeit aufgehoben hatte. Dann kam mir in den Sinn, dass ich mich geistig beschäftigen müsste, um nicht abzubauen. Kurse bei der VHS und U3L an der Frankfurter Uni brachten leider nicht die Erfüllung. Ein Grund war auch, dass hier kein Abschluss als Ziel auszumachen war.
Als ich schließlich am Hessenkolleg Wiesbaden herzlich aufgenommen wurde, war ich endlich davon überzeugt, den richtigen Weg eingeschlagen zu haben.

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Der Vorkurs baut Berührungsängste ab

Ein Vorkurs für alle, die schon länger aus der Schule sind, wird für Leute wie mich empfohlen. Hier lernt man, dass man sich melden muss, um seinen Beitrag zu artikulieren und nicht – wie vom Stammtisch gewohnt – einfach loszulegen. Die Mitschülerinnen und Mitschüler betrachteten ihren ungewöhnlichen Kollegen zunächst etwas kritisch. Auch wurde ich vorsichtshalber mal gesiezt – man kann ja nie wissen. Doch das legte sich nach kurzer Zeit. Sie stellten fest, dass ich ein Mensch aus Fleisch und Blut bin. Im Vorkurs wurde man noch etwas „gepampert“, damit man nicht gleich die Flinte ins Korn warf.

Das erste Semester

Im ersten Semester ging es schon zur Sache. Ich musste schnell feststellen, dass Originalität und Individualität nicht gefragt sind. Alles hat gefälligst nach den staatlichen Vorgaben zu erfolgen. Bei der Wiedergabe einer Rede, eines Buches, eines Zeitungsartikels hat es zu heißen: „In einem Artikel vom 10. Januar 2012 beschreibt Karl Wichtig seine Meinung zu den Vorgängen bei der Bürgermeisterwahl“. Auch in Englisch, Französisch und Spanisch, in Hipo (Historisch-politische Bildung), Wiso (Wirtschafts- und Sozialwissenschaften) und Philosophie musste das analog so lauten. Wehe, du weichst davon ab! Und die Lehrerinnen und Lehrer – vor allem die jungen – sind dankbar, dass sie diese Vorgaben haben. Das war zumindest mein Eindruck.

Erste Erfahrungen mit den neuen Medien

Zu dieser Zeit lernte ich – der ich vorher noch mit dem Telefon mit Drehscheibe kommuniziert hatte, nach und nach den Umgang mit den neuen Medien. Man erhielt Kurzlehrgänge für Word, Excel und Powerpoint. Um auf dem Laufenden zu bleiben, meldete ich mich auch bei Facebook an und erkannte erstmals die Vorzüge von sofatutor bei der Erstellung der Hausaufgaben, Vorbereitung der Klausuren und Referaten. Natürlich waren auch ähnliche Programme aus dem Internet von Vorteil.

Meine Lieblingsfächer

Durch gemeinsame Ausflüge mit den Klassenkameradinnen und -kameraden ergab sich nach und nach ein freundschaftliches Verhältnis, das bis heute anhält.
Meine beiden Lieblingsfächer waren Englisch und Wiso. Die Lehrkräfte beider Fächer wussten meine Beiträge zu würdigen und auch zu bewerten. In beiden Fächern hatte ich eine glatte Eins. Deswegen ist es für mich umso erstaunlicher, dass ich bei der Abiprüfung nur jeweils eine Zwei erreicht habe. Ich führe dies darauf zurück, dass eben viele Köche den Brei verderben (Ersetze Köche durch Prüfer. Einer nimmt sich wichtiger, als der andere.) Vielleicht besteht hier die Möglichkeit zu korrigieren, um das Prozedere objektiver zu gestalten.

Mein Fazit

Ich habe es genossen, in guter Gesellschaft zu sein, gute Gespräche zu führen, nette Leute kennenzulernen und etwas für mein geistiges Wohlbefinden zu tun. Als Nächstes strebe ich ein Journalismus-Studium an.

Text: Robert Spieß
Titelbild: mit freundlicher Genehmigung von Uwe Stotz/ Wiesbadener Kurier