Rezension und Verlosung: Zwischen den Stühlen

Am 18. Mai 2017 kommt eine Dokumentation in die Kinos, die drei Lehramtsanwärter während ihres Referendariats begleitet. Franziska hat sich den Film vorab angesehen und ihn für uns eingeschätzt. Wir verlosen 4×2 Freikarten zum Kinostart.

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Da sind Anna, Ralf und Katja, die ihren Weg an den Berliner Schulen gehen wollen. Die den Diensteid leisten, gemäß Verfassung und Grundgesetz ihren Schuldienst zu erfüllen. Und die unterrichten wollen, bilden, mit der Jugend arbeiten. Ich kenne diesen Wunsch. Und die motivationsbeladene Hingabe, die mit ihm am Anfang einhergeht.

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Anna

Anna unterrichtet an der Grundschule. Ich habe die Grundschule für mich als Arbeitsplatz immer kategorisch ausgeschlossen. Anna ist Mutter zweier Kinder, was ich bewundernswert finde. Ich ziehe vor allen Eltern im Referendariat den Hut! Sie bringt besonders eine Eigenschaft mit, die Anna über den Vorbereitungsdienst entweder triumphieren oder an ihm scheitern lassen wird: ihren ungetrübten Idealismus. Anna äußert eine berechtigte Kritik am (Grundschul-)System Deutschlands: zu viel Stillsitzen, zu wenig Zeit für den Einzelnen, zu wenig kindgerecht, zu sehr niederhaltend. Ihren Schülerinnen und Schülern möchte Anna respektvoll begegnen, auf Augenhöhe. Sie möchte ihnen den Spaß am Lernen vermitteln, ist aber gleichzeitig in das enge Korsett des deutschen Schulsystems gezwängt. In einer sehr eindringlichen Szene gibt Anna ihrer Schülerschaft einen Test zurück, deren Bewertung die Kinder nicht nachvollziehen können. „Aber warum ist das denn so schlimm, wenn man kein Komma gemacht hat?“, ruft die Rädelsführerin des Kleinaufstandes auf. Anna ist überfordert: „Ich hätte euch auch lieber bessere Noten gegeben, aber die Schule hat eine Tabelle …“. Sie befindet sich wortwörtlich zwischen den Stühlen.

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© Weltkino

Katja

An einem der ersten Abende des Referendariats sitzt Katja mit ihrer Mutter in der Küche und lässt diese über die Aufgaben schauen, die sie für ihre Klasse entwickelt hat. In mir kommt sofort große Dankbarkeit darüber hoch, dass ich kein Lehrerkind bin und die schwierige Zeit des Referendariats ohne vermeintlich „gut gemeinte Ratschläge“ zubringen konnte. Katja ist auf dem harten Pflaster einer Gesamtschule gelandet. Sie bereitet sich gewissenhaft auf ihre Stunden vor und hadert sehr mit dem Lernzuwachs ihrer Schülerinnen und Schüler. Sie möchte „eine Lehrerin sein, bei der man merkt: Du strengst dich an – und da kommt was zurück!“ Doch im Unterricht hören die meisten Jugendlichen nicht zu. Katja muss gegen ihren Willen laut werden und zerstört sich am Ende daran, dass ihr Unterricht bei den Schülerinnen und Schülern keine Spuren hinterlässt. I feel you, Katja.

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© Weltkino

Ralf

Ralfs Mentor ist Hesse, seine Begleitschrift ist „Unterm Rad“. Der Familienvater lässt sich am Gymnasium ausbilden und ist zunächst fassungslos über die Arbeiten seines Leistungskurses. Der deutsche Klassiker zieht sich scheinbar wie ein Band durch Ralfs Leben – er selbst kehrt mit dem Referendariat nach einer schwierigen Schulzeit, vielen Jobs und Hindernissen an den Ort seines früheren Scheiterns zurück. Nun versucht er, seine Schützlinge mit Alter-Schule-Methodik und Alte-Schule-Literatur selbst durch das System zu ziehen und zu fähigen Gesellschaftsmitgliedern auszubilden. Was nicht schlecht sein muss. Das „Rad“ muss ja nicht ständig neu erfunden werden.

Licht in die Dunkelkammer

Jakob Schmidt gelingt mit seinem Film ein Blick in die Dunkelkammer des deutschen Schulsystems. Ins Referendariat im Ganzen haben weder Schülerinnen und Schüler noch Angehörige und Freundschaften sonst einen Einblick bekommen. Hier zeigt sich: So sieht Lehrerbildung heute aus. So verhalten sich die Jahre auf dem Zweigleis: Referendare lernen und lehren. Sie bewerten und werden bewertet. Und irgendwie schafft es die deutsche Schule dabei, so manchen motivierten Junglehrer bzw. motivierte Junglehrerin zu verprellen. Wir brauchen Lehrer und Lehrerinnen so sehr, machen ihnen den Einstieg aber so schwer. Wir brauchen ihren jungen Geist, ihre frischen Ideen, bestehen aber auf veraltete Maxime.
Zwischen den Stühlen.
Die Dokumentation unterhält mit pointierten Schülerantworten und verliert die Ernsthaftigkeit dabei nicht aus dem Blick. Vor allem Ralfs Schuldirektor entwickelt sich dabei mit seinen abgeklärten Kommentaren zu einem wahren Sidekick des Films. Zurecht hat Zwischen den Stühlen einige wichtige Preise gewonnen und wird den Leserinnen und Lesern von mir wärmstens empfohlen.

Über die Autorin

Gastautorin Franzi

Franziska studierte Sonderpädagogik und Deutsch auf Lehramt an der Humboldt-Universität zu Berlin. Nun ist sie Referendarin an einer Integrierten Sekundarschule (ISS) im Berliner Zentrum. In den selten gewordenen Nächten mit etwas Schlaf träumt sie davon, selbsternannte Berufsexperten, die den Spruch „Lehrer haben vormittags recht und nachmittags frei“ proklamieren, mit dem Rohrstock über den Sportplatz zu jagen.



Infos zum Film Zwischen den Stühlen

Weltkino_Zwischen_Den_Stuhlen_Filmplakat

Zwischen den Stühlen begleitet drei Referendare und Referendarinnen auf ihrem steinigen Weg zum Examen. Der mehrfach preisgekrönte Dokumentarfilm gibt einen einfühlsamen wie humorvollen Blick hinter die Kulissen des Systems Schule und wirft dabei nicht zuletzt die Frage auf, in was für einer Gesellschaft wir leben wollen.

Weitere Infos:
www.zwischendenstuehlen-film.de
www.facebook.com/ZwischenDenStuehlen

Verlosung zum Filmstart von Zwischen den Stühlen

Gemeinsam mit Weltkino verlosen wir 4×2 Freikarten für Zwischen den Stühlen. Kommentieren Sie zur Teilnahme einfach unter diesen Beitrag kurz, was Sie während Ihres Referendariats am meisten beeindruckt hat. Der Einsendeschluss ist der 23.5.2017 um 24 Uhr. Die Gewinner/innen werden per Mail benachrichtigt. Ein Umtausch oder der Rechtsweg sind ausgeschlossen. Der Gewinn kann nicht als Bargeld ausgezahlt werden. Viel Erfolg!

Titelbild: © Weltkino