Studie über Digital Natives: digitale Abhängigkeit und Erziehung über’s Netz?

Die Mediennutzung junger Zielgruppen gerät zunehmend in den Fokus öffentlicher Auseinandersetzungen. Doch bislang fehlte es an wissenschaftlichen Untersuchungen, die fundierte Aufschlüsse über das Medienverhalten von Kindern und Jugendlichen liefern. Auf dem KID ON Kongress wurden wir durch einen Beitrag vom SINUNS-Institut auf die DIVSI U25 Studie aufmerksam, deren Kernpunkte wir hier näher vorstellen wollen.

Die DIVSI U25 Studie „Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in der digitalen Welt” ist eine 2014 veröffentlichte und damit aktuelle Grundlagenstudie des SINUS-Instituts Heidelberg im Auftrag des Deutschen Instituts für Vertrauen und Sicherheit im Internet (DIVSI). Sie liefert ein detailliertes Abbild der digitalen Lebenswelten von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen vom 9. bis zum 24 Lebensjahr. Neben der allgemeinen Mediennutzung stehen die Haltung zur Privatsphäre und die Sicherheit im Internet als Hauptthemenpunkte im Zentrum der Untersuchung. Die Rolle der Eltern in Bezug auf das Nutzungsverhalten spielt dabei, zumindest bei der jüngeren Zielgruppe, eine zentrale Rolle.

Digitale Abhängigkeit

Digitale Medien sind aus dem Alltag von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen nicht mehr wegzudenken. Bereits 86 Prozent der Kinder und 98 Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen sind online. Zum Vergleich verzeichnet die Gesamtbevölkerung 19 Prozent Offliner.
Kinder präsentieren sich als Internet-Optimisten: 82 Prozent vertreten die Meinung, dass komplettes Offlinesein in Zukunft nicht mehr möglich sei. Bei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen verhält sich mit 70 und 71 Prozent diese Einstellung etwas zurückhaltender. Und auch wenn sich bei gut einem Drittel nach den Veröffentlichungen zu Geheimdiensttätigkeiten im digitalen Raum das Vertrauen und Sicherheitsgefühl verschlechtert hat, stellt eine Einschränkung der Online-Aktivität keine Option dar.
Für Kinder heißt Internet-Nutzung zunächst spielen. Mit zunehmenden Alter wächst der Gebrauch jedoch zum integralen Bestandteil. Der Fokus peilt sich auf Dauerkommunikation über Messaging-Dienste (WhatsApp) und soziale Netzwerke (Facebook, Twitter und Co.). Begleiter in allen Lebenslagen und damit der Treiber dieses permanenten Bereitschaftsmodus ist das Smartphone und „FOMO“ (the fear of missing out), die Angst etwas zu verpassen, stellt Grundlage jener digitalen Abhängigkeit junger Menschen dar.
Doch online zu sein, bedeutet nicht für jeden das Gleiche. Über die Studie konnten sieben verschiedene U25-Internet-Milieus identifiziert werden:Souveräne, Pragmatische, Unbekümmerte, Skeptiker, Verantwortungsbedachte, Vorsichtige und Verunsicherte (siehe Studie S. 28ff). Die Millieus unterscheiden sich darin, wie die jeweilige Lebenswelt gestaltet ist, welche Zugangsweisen zum Netz vorliegen und wie es um die Einstellung zu Vertrauen und Sicherheit im Internet steht. Und auch Bildungsunterschiede stellen hinsichtlich der Mediennutzung einen nicht geringen Anteil an sozialer Ungleichheit dar. Wie Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene Medien nutzen, ist dabei auch abhängig von ihrem formalen Bildungsniveau (dazu Studie S. 99ff.). Ein nicht zu unterschätzender Einfluss, wenn man bedenkt, das digitale Teilhabe in der heutigen Zeit soziale und gesellschaftliche Teilhabe mit bedingt.

Gratis Zugang für Lehrkräfte
Jetzt informieren

„Freund” – ein multidimensionaler Begriff

Kinder und Jugendliche sind professionelle Netzwerker und Facebook, WhatsApp und Co. stellen Standardleitungen zu Freunden dar. Gerade für Jugendliche und junge Erwachsene ist der Austausch mit Freunden der wichtigste Aspekt bei der Internetnutzung. Intimere Themen werden jedoch in den meisten Fällen weiterhin offline und damit lieber persönlich besprochen.
„Freund” fungiert dabei im Online-Raum als multidimensionaler Begriff und laut Studie kann die befragte Zielgruppe entgegen anderer Annahmen durchaus zwischen echten Freunden, Bekannten und Online-Freunden unterscheiden. Trotz der sicheren und differenzierten Reflexion der unterschiedlichen Bedeutungen und Qualitäten stellt für 34 Prozent der jungen Zielgruppe Mobbing jedoch eines der größten Risiken in der Internetnutzung dar. Davon geben drei Prozent an, bereits selbst Opfer von Mobbing gewesen zu sein.

Wechselwirkung mit dem Familienalltag

Juliane Langer von der SINUS- Akademie nimmt in ihrem Vortrag „Meine Eltern, das Internet und ich” auf dem KID ON Kongress detaillierten Bezug auf das Medienverhalten der 9- bis 13-Jährigen in Wechselwirkung mit dem Familienalltag und bezieht sich dabei auf die benannte und weitere Studien (z.B. AOK Familienstudie 2014). „Digital Natives” ist das Schlagwort, wobei auch Langer anmerkt, dass nicht alle Kinder und Jugendlichen dieser Zielgruppe in gleichem Maße das Internet nutzen: 22 Prozent täglich, 14 Prozent haben es hingegen noch nie genutzt. Hier spricht man von einem „digitalen Graben”, der sich ab dem 16. Lebensjahr durch einen allgemein starken Anstieg der Internetnutzung wieder auflöst.

Ein Viertel der untersuchten Zielgruppe fühlt sich den Eltern internettechnisch überlegen. Auch wenn 68 Prozent der 13-Jährigen ohne elterliche Aufsicht das Internet und deren Dienste verwenden, stellen Eltern Ansprechpartner dar und helfen Kindern bei der Anmeldung, sprich sie sind im Bilde über die Nutzung. Dabei vergessen viele, dass das bereits von 13-Jährigen zu 13 Prozent täglich benutzte WhatsApp eigentlich erst ab 16 erlaubt ist und bei Facebook viele Nutzer unter dem Mindestalter von 13 Jahren liegen. Dennoch ist das elterliche Verbot auch der Hauptgrund derer, die nicht täglich im Internet sind.

Ab dem 14. Lebensjahr entwickelt sich eine Art Eigenregie in Hinblick auf das Online-Verhalten. Bei aufkommenden Fragen schenken Jugendliche und junge Erwachsene dem Rat von Freunden deutlich mehr Vertrauen als ihren Eltern, oder auch Lehrern und anderen Institutionen gegenüber. Selbst wenn Eltern Regeln setzen, ist deren Einhaltung nur schwer überprüfbar.

Neue Erziehungsmethoden im digitalen Zeitalter?

90 Prozent der Befragten schätzen das Verhältnis zu den Eltern als gut und harmonisch ein. Eine Basis, die es den jungen Menschen schwierig macht, das alterstypische Bedürfnis nach Abgrenzung umzusetzen. Der Online-Weg bietet dabei wenige Räume, in denen man sich noch ungestört zurückziehen kann. Doch Eltern erobern diese zunehmend: „Erziehung über WhatsApp” und „Überwachung durch Facebook“ sind keine Seltenheit mehr. Damit geht einher, dass ein Drittel der Eltern eine Mitgliedschaft ihres Kindes bei Facebook nur erlauben, wenn diese einer „Freundschaft” mit den Eltern auf dem sozialen Netzwerk zustimmen. Eine neue Form der Erziehung? Medienverbot ‒ der „Hausarrest des digitalen Zeitalters”? Aus der AOK-Familienstudie geht hervor, dass 57 Prozent der Eltern zwar feste Regeln in Sachen Mediennutzung aufstellen und sich knapp die Hälfte hinlänglich informiert, aber nur 16 Prozent Medien zur Bestrafung und nur 5 Prozent als Belohnung einsetzen würden.

„Respect your parents. They did high school without google and wikipedia”

…and Facebook, Twitter, Instagram, WhatsApp usw.. Auch der Vortrag „Snap…what? Orientierung im Social-Media-Dschungel” von Tomas Renner Jones von webvitamin auf dem KID ON Kongress widmet sich den Medien als unabdingbar gewordenen Baustein in der Lebenswelt der jungen Zielgruppe und betont, wie sehr die Internetnutzung die allgemeine Mediennutzung neben TV und Videospielen dominiert und mit seinen drei Hauptakteuren WhatsApp, Facebook und Instagram den Alltag der Kinder und Jugendlichen beeinflusst.

In seinem Vortrag kommt Jones auf eine Studie aus Österreich zu sprechen, die den Tagesablauf von Jugendlichen untersucht und aufgezeigt hat, dass ein Drittel direkt nach dem Aufwachen mit sozialen Medien in den Tag starten. Ab 7:10 wird gechattet, ab 9:30 über das Internet gelernt, gegen 11:00 wird geshared, ab 14:00 relaxed, gegen 16:00 gespielt und ab 19:00 steht der Flirt über das Internet im Zentrum.


Die Studien im Überblick:

DIVSI U25-Studie: Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in der digitalen Welt

DIVSI-Studie zu Bereichen und Formen der Beteiligung im Internet: Ein Überblick über den Stand der Forschung

AOK Familienstudie 2014

Mehr über den KID ON Kongress erfahren Sie auf der Homepage sowie im Programm des achten Kongresses.

Titelbild: ©faithie/shutterstock.com