Was tun wir unseren Kindern an? Der Film „Alphabet. Angst oder Liebe“

Die Angst in Schulen und Universitäten wird immer größer – nur wer eine sehr gute Ausbildung mit sehr guten Noten und einen sehr guten Abschluss meistert, hat auch Chancen auf einen sehr guten Beruf, ein sehr gutes Leben und kann sich nur dann den Herausforderungen der Zukunft stellen. Ja, Fokus der Angst ist vor allem sie, die Zukunft. Doch die wohnt nicht in den Kindern, sondern in deren Eltern, die sie auf jene übertragen. So ist unser Bildungssystem gut darin (und wird immer besser), systemkonforme Wissensmaschinen heranzuzüchten, die eines jedoch immer weniger lernen, nämlich die Welt mit eigenen Augen zu sehen, sich eigene Meinungen zu bilden und selbst zu denken. Das ist die These, die der Regisseur Erwin Wagenhofer in seinem neuen Dokumentarfilm „Alphabet. Angst oder Liebe“ in den Fokus nimmt. Wir haben uns die neue Globalisierungskritik aus Österreich angeschaut und wollen sie hier näher vorstellen.

Nahrungsmittelindustrie – Finanzindustrie – Bildungsindustrie

Erwin Wagenhofer ist bekannt für seine gesellschaftskritischen Dokumentarfilme. In „We feed the World – Essen Global“ zeigte er die Abgründe unserer profitgeilen Nahrungsmittelindustrie auf. Mit „Lets make Money“ prangerte er die Finanzindustrie an, den Kapitalismus, mit seinen inflationären Geldströmen und ungleichen Besitzverteilungen. Der Dokumentarfilm „Alphabet“ schließt nun den Kreis von Wagenhofers Trilogie der Globalisierungskritik. Darin widmet er sich unsanft dem zunehmend allein auf Effizienz getrimmten Bildungssystem unserer Welt. Letztlich baut dieser Film auf seinen Vorgänger auf, wird doch in „Alphabet“ der Tod der Kindheit durch den Kapitalismus heraufbeschworen.

Eine Reise durch den Bildungswahnsinn

Der Film beginnt mit Ultraschallaufnahmen eines Embryos im Mutterleib, die letzte Instanz vor der Manipulation? Aus dem Off spricht Sir Ken Robinson, ein von der Queen zum Ritter geschlagener britischer Bildungsforscher, zum Rezipienten: Er spricht von der Kraft der Vorstellung, die in uns wohnt und gleichzeitig der Gefahr, dass wir diese systematisch in unseren Kindern zerstören, weil wir laut Robinson blind sind und sich in uns eine unreflektierte Akzeptanz für Vorstellungen über Erziehung, Ausbildung sowie deren Sinn festgesetzt hat.

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Neben Robinson stellen weitere prominente Experten in Wagenhofers Dokumentarfilm die Protagonisten, um der Kritik am globalisierten Bildungssystem Nachdruck zu verleihen. Darunter ist z. B. der deutsche Neurologe Gerald Hüther, ein vehementer Kritiker des steigenden Leistungsdrucks in den Schulen, der auf das Thema Angst in den Köpfen, vor allem in denen der Eltern, eingeht. Der Pädagoge und UNESCO-Berater Arno Stern, der einen „Malort“ in Paris besitzt und dort seit 30 Jahren Menschen, egal welchen Alters, die Möglichkeit gibt, ihre Kreativität auszuleben. Es geht bei ihm ums Spielen, denn beim Spielen kann man genießen, weil man nicht dem Druck des Produzierens unterliegt. Seiner Meinung nach spielen aber die Kinder der heutigen Generation nicht mehr, dabei braucht ein Kind nur zu malen, zu musizieren und zu spielen, um sich zu entwickeln. Als Beweis dazu zeigt der Film auch seinen Sohn André Stern, Gitarrenbaumeister, Gitarrist, Komponist, Journalist und Buchautor, der nie eine Schule besucht hat. Als erster europäischer Hochschulabsolvent mit Down-Syndrom wird Pablo Pineda Ferrer vorgestellt. Im Gegensatz zu Deutschland existieren seit 1986 in Spanien keine Sonderschulen mehr und es gehen heute 85% der Kinder mit Down-Syndrom in reguläre Schulen. Der Untertitel des Films, „Angst oder Liebe“, begegnet uns in seinen Worten wieder. Es muss zu einem Paradigmenwechsel kommen, statt Angst müsse Liebe die Basis des Lernens bilden. Liebe und Vertrauen in unsere Kinder, die von Natur aus neugierig sind und alles lernen können, wenn sie es wollen.

Als ein abschreckendes Gegenbeispiel zu den bisher aufgeführten, werden die auf Konkurrenzdenken und Leistungsmaximierung getrimmten Kandidaten des „CEO of the Future“-Wettbewerbes des McKinsey-Instituts präsentiert. Die alleinige Orientierung an Leistung mit dem stetigen Ziel der Effizienssteigerung sehen sie als einzige Aufgabe, Schwangerschaft wird als Karriererisiko deklariert und überhaupt: Mit 37 wird man auch kein CEO mehr. Hier wird die kleine Welt der Jugendlichen als Komfortzone beschrieben, aus der es schnellstmöglich zu fliehen gilt. Was hier manchen noch abschreckend erscheinen mag, ist in China schon Alltag eines jeden – und das von Kindesbeinen an. Dem Pisaland Nummer eins wird in dem Film viel Raum gegeben. Ein Land, in dem Kinder ihre Eltern um den Fernsehabend und das Freizeitwochenende beneiden. Hier gehen die Schüler von 7 bis 22 Uhr zur Schule, lernen in der Nacht und am Wochenende haben sie Nachhilfeunterricht. Nebenbei bemerkt, notieren 14 Nachhilfeorganisationen aus China an der US-Börse. Dieser Leistungswahnsinn spiegelt sich in zwei Rankings deutlich wieder: China ist Muster-Pisa-Kandiat, immer an der Spitze, doch die verteidigt es auch erfolgreich bei der Selbstmordrate überforderter Schüler.

Reine Ideologie?

Auch wenn es Wagenhofer gelingt, die Gegensätze des modernen Bildungssystems aufzuzeigen, wirken die Kontraste oberflächlich und die aufgezeigten Parallelwelten, trotz ihrer Existenz und Funktion, eher utopisch. Man stößt sich zwar nicht an ihnen und kann dem Film mit seinen Aussagen nur zustimmen, aber es fällt mehr als schwer, es auf die eigene Wirklichkeit zu übertragen.

Der Film erhitzt die Gemüter, doch der Ideologiecharakter bremst manches aus, weil Fakten, das 98% unserer Kinder vor der Schule und nur noch 2 % danach Genialitäts- und Hochbegabungstendenzen vorweisen, nicht ausreichen, um dieser Debatte, die einen pragmatistischeren Zugang verlangt, für alle auch greifbar zu machen. Dennoch fordert der Film eine eigene Haltung heraus, die einen gleichzeitig aber völlig überfordert, weil jeder von uns ja diesen angeprangerten Zwängen unterliegt. Das eigene Kind nicht zur Schule zu schicken, ist in Deutschland strafbar. Da hilft auch kein Vorzeigebildchen eines begabten Gitarristen, der in einem alternativen Künstler-Elternhaus aufgewachsen ist – ein Rahmen, der keine Identifizierung zulässt.

Was zurück bleibt

Bildung in unserer heutigen Gesellschaft ist Wettbewerb, von klein auf: Fremdsprachenunterricht im Kindergarten, Auslandsjahr, Pisa-Rankings usw. „Alphabet“ folgt keiner blinden Akzeptanz, sondern lehnt sich auf und vermittelt, dass wir unsere Kinder zerstören, obwohl wir doch versuchen, sie zu bilden. Der Film holt uns ab, nimmt uns ein Stück mit, lässt uns dann aber zurückfallen – was bleibt ist ein Kloß im Hals, der selbst nach dem Runterschlucken nur schwer zu verdauen ist.

Trailer: http://www.youtube.com/watch?v=3kfYHarExbw

Website zum Film: http://www.alphabet-film.com/

Titelbild: © www.alphabet-film.com