Über Bildungsausflüge: Mit Teenagern in der Bibliothek

Referendarin Franziska plant ihre erste Exkursion. Über den Aufwand war sie sich zu ihrer eigenen Schulzeit nie bewusst.

Ich treibe meine Klasse wie eine Herde Kühe vor mir her. Am Kopf des Pulks läuft meine Mentorin. Sie bestimmt die Richtung und bemüht sich, die Gruppe nach vorn zu ziehen. Tatsächlich erscheint mir ein Rudel Rotwild leichter beisammenzubleiben und zielstrebiger zu laufen als diese Gruppe 13- bis 14-jähriger Schüler und Schülerinnen.

Aufwandsbilanz

Vor zwei Wochen hatte ich angekündigt, mit ihnen eine Bibliotheksexkursion machen zu wollen. Das Wort an der Tafel sorgte bereits für Gelächter, entsteht in seiner Mitte doch ein Begriff, der jeden Teenager um den Verstand bringt. Die Vorbereitung des Ausflugs hatte es in sich: Ich musste mit einer Mitarbeiterin der Bibliothek einen Termin finden, an dem in der Einrichtung nicht zu viel los ist und der in den Stundenplan passt. Ich musste Kolleginnen um ihre Stunden in meiner Klasse bitten. Ich musste Elternbriefe schreiben und Anträge kopieren, damit die Schüler und Schülerinnen gleich einen Bibliotheksausweis erwerben können. Ich musste durch die Bibliothek gehen und mir eine kleine Führung überlegen, weil die Führungen der Bibliothek nur bis zur Klasse 6 angeboten werden. Schlussendlich musste ich einen Antrag bei der Schulleitung stellen, um die Exkursion genehmigt zu bekommen. Hätte ich diesen Aufwand zu Schulzeiten erahnt, hätte ich verstanden, warum sich unsere Lehrerinnen und Lehrer so selten zu Wandertagen hinreißen ließen.

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Bitches und ABC-Lieder

Das alles ist nun erledigt. Auf die Erleichterung, dass es nun endlich losgeht, folgt die Ernüchterung über die tatsächliche Verantwortung für 26 Schülerinnen und Schüler. Diese haben zu Beginn des Ausflugs scheinbar alle Regeln der Straßenverkehrsordnung vergessen. Als wären sie noch nie in ihrem Leben draußen gewesen, muss ich sie an roten Ampeln zurechtweisen, stehenzubleiben. Eigentlich wollte ich keine Ersatzmutti sein. Deswegen entschied ich mich gegen die Grund- und für die Sekundarschule. Nun lerne ich die Schattenseiten dieser Wahl kennen: Die Schülerinnen und Schüler sind so vollgepumpt mit Hormonen, dass sie ihre Zu- und Abneigungen schneller wechseln als ihre Unterwäsche. Der Weg zur Bibliothek ist nur 1,5 Kilometer lang. Während wir laufen, höre ich, wie sich zwei Schülerinnen zuerst als „Bitch!“ beschimpfen und wenige Minuten später gemeinsam das ABC-Lied singen. Ja, das ABC-Lied.

Dutt und Rahmenbrille

In der Bibliothek verhält sich meine Schülerschaft ungewohnt ruhig. Offenbar haben sie Hochachtung vor den strengschauenden Bibliothekarinnen, die mit Dutt und Rahmenbrille hinter ihren Schreibtischen hervorschauen und allein mit ihren Augen „Pssst!“ zischen. Ich sollte öfter meine Brille tragen.

Nachdem ich den Schülerinnen und Schülern die wichtigsten Etagen und das Sortiersystem erläutert habe, überlasse ich sie eine halbe Stunde sich selbst. In der Zeit gehe ich mit der Bibliothekarin die Anträge auf einen Ausweis durch. Nicht alle haben einen abgegeben, aber die Rücklaufquote ist dennoch höher, als ich vermutet hätte. Die Expertin benötigt nur einen kurzen Blick in ihren Computer, um festzustellen, dass zwei Drittel der Antragssteller und -stellerinnen einen Ausweis besitzen und Mahngebühren nicht bezahlt haben. Ich möchte im Boden versinken. Als ich auf die betreffenden Schülerinnen und Schüler zugehe und sie zur Rede stelle, will niemand etwas von einem solchen Ausweis wissen. Frühzeitige Demenz bei Verbindlichkeiten will ich das mal nennen. Ich nehme mir vor, demnächst das Thema Schulden in meinen Unterricht aufzunehmen. Seit heute erscheint mir das nicht mehr zu früh.

Rückweg in strömendem Regen

Am Ende der Exkursion hat sich nur eine einzige Schülerin ein Buch ausgeliehen. Das Buch ist für Dreijährige und sie möchte es ihrer kleinen Schwester vorlesen. Es ist zwar nur ein sehr kleiner Sieg für meine als Ausflug getarnte Leseförderung, aber ein Sieg. Wir laufen den gleichen Weg zurück. Ich treibe meine Zöglinge etwas forscher an, denn es regnet jetzt in Strömen und fast niemand hat einen Schirm dabei. Die Schülerinnen und Schüler mit einer Kapuze an ihrer Jacke weigern sich, diese aufzusetzen und stolzieren durch das Wetter, wie Boybands in den 90er Jahren durch ihre Musikvideos tanzten.

Zusammenfassend kann ich sagen: Ich habe meine Schülerschaft tatsächlich noch einmal etwas besser kennengelernt und einiges an Inspiration für meine kommenden Schulstunden gefunden. Dennoch: Diese zweistündige Exkursion war anstrengender, als es sonst ein ganzer Schultag ist.

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Gastautorin Franzi

Franziska studierte Sonderpädagogik und Deutsch auf Lehramt an der Humboldt-Universität zu Berlin. Nun ist sie Referendarin an einer Integrierten Sekundarschule (ISS) im Berliner Zentrum. In den selten gewordenen Nächten mit etwas Schlaf träumt sie davon, selbsternannte Berufsexperten, die den Spruch „Lehrer haben vormittags recht und nachmittags frei“ proklamieren, mit dem Rohrstock über den Sportplatz zu jagen.




Titelbild: © Mihai Surdu/shutterstock.com