Der „umgedrehte Unterricht“ in der Praxis – drehen Sie mit!

Das Erstellen von Übungsmaterial zu Unterrichtszwecken obliegt traditionell der fachlich gut ausgebildeten Lehrkraft. Warum sollte sich dies ändern? Weil uns moderne Medien in Kombinationen mit den technischen Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler in die glückliche Lage versetzen, die Loslösung von etablierten Denkmustern ein Stück weit zu wagen. Zudem zeigt auch die Praxis, dass das Beschreiten alternativer Wege zu ungeahnten Kompetenzentwicklungen beitragen kann. Dies soll im Folgenden näher erläutert werden.

Zur Bedeutung eines schüleraktivierenden Unterrichts

Im Zusammenhang mit einem kompetenzorientierten Unterricht stehen Sie als Lehrkräfte immer wieder vor der Herausforderung, auf die aktuellen Lernbedürfnisse der Ihnen anvertrauten Lernenden zu reagieren und hierfür anregende Lernumgebungen zu schaffen. Sofern Sie im Sinne John Hatties die Rolle eines Lernberaters und –begleiters ausfüllen, ergibt sich für Sie ein permanenter Kreislauf aus Lernstanddiagnose und möglichst individueller Förderung. Als Fremdsprachenlehrer habe ich die Beobachtung gemacht, dass sich in der Praxis insbesondere diejenigen Unterrichtsformate als erfolgreiche Antwort auf die vorstehend genannten Herausforderungen erweisen, bei denen die Lernenden im Zuge eines schüleraktivierenden, innovativen Projektunterrichts ein hohes Maß an Eigenverantwortung übernehmen. Ursache hierfür ist sicherlich die im Vergleich zu anderen Unterrichtsarrangements individuellere und selbständigere Beschäftigung mit dem Unterrichtsgegenstand, die zur Folge hat, dass sich die anzubahnenden Kompetenzen nachhaltiger verfestigen und Synergien entstehen, die zu einer tieferen neuronalen Vernetzung führen.

Moderner Unterricht mit dem „Inverted Classroom Model“ (ICM)

In den vergangenen Jahren haben viele Lehrende sowohl an Hochschulen als auch an allgemeinbildenden Schulen eine Vielzahl neuer Konzepte entwickelt und erprobt, um ihren Unterricht lernerzentrierter, interaktiver und effektiver zu gestalten. Dabei kommt insbesondere im Schulkontext im Zuge des systematischen Aufbaus von Medienkompetenz dem zielgerichteten Einsatz Neuer Medien eine besondere Bedeutung zu, wobei dem ursprünglich dem anglo-amerikanischen Raum entstammenden Inverted Classroom Model (ICM) eine zunehmend größere Beachtung geschenkt wird. Nicht zuletzt Dank mehrerer seit 2012 an der Philipps-Universität Marburg durchgeführter Tagungen konnte der Bekanntheitsgrad des Modelles in Deutschland sowohl in seiner Grundform als auch in einigen seiner neu-erschaffenen Varianten merklich gesteigert werden. Die Grundidee des ICM besteht darin, die Phase der Inhaltsvermittlung (die traditionell gemeinsam vor Ort mit dem Lehrer stattfindet) sowie die Phase des Übens und Vertiefens (die oftmals in Form von Hausaufgaben allein erledigt wird) zu vertauschen. Das vorrangige Ziel ist es dabei, mehr Zeit für das gemeinsame Lernen und für das Anwenden bzw. den Transfer des neu Gelernten in der Lerngruppe zur Verfügung zu haben. Natürlich wird den Lernenden auch die Möglichkeit zu Rückfragen eingeräumt.[1] Die Inhaltserschließung erfolgt durch die Lernenden selbstgesteuert unter Rückgriff auf unterschiedliche Medienformate und zumeist in häuslicher Vorarbeit. Durch den Rückgriff auf dieses Konzept kann daher mit Blick auf den Lerner eine Individualisierung sowohl des jeweiligen Lerntempos als auch des Lernweges ermöglicht werden. Darüber hinaus besteht die Chance zur Differenzierung, indem den Lernern in Abhängigkeit ihres Leistungsvermögens z.B. unterschiedlich komplexe Quellen zur Verfügung gestellt werden können.[2]


1 Siehe Schäfer, Anna M. „Das Inverted Classroom Model“. In: Handke, Jürgen/Sperl, Alexander (Hgg.). Das Inverted Classroom Model. Begleitband zur ersten deutschen ICM-Konferenz. München: Oldenbourg Verlag, 2012, S. 3-11.

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2 Siehe Weidmann, Dirk. „Das ICM als Chance für die individuelle Förderung von Schülern?“. In: Handke, Jürgen/Sperl, Alexander (Hgg.). Das Inverted Classroom Model. Begleitband zur ersten deutschen ICM-Konferenz. München: Oldenbourg Verlag, 2012, S. 53-70.

Eine ICM-Modifikation und ihre Auswirkungen

Im etablierten ICM konzipiert der Unterrichtende die für die Inhaltserschließung erforderlichen Materialien zumeist selbst. Im Sinne der Ausgangsfrage habe ich mich über diese Prämisse hinweggesetzt und das Grundkonzept für eine Unterrichtseinheit im Fach Englisch der Jahrgangsstufe 7 (gymnasialer Bildungsgang) modifiziert. In meinem Unterricht erarbeiteten die Lernenden in kleinen „Expertengruppen“ möglichst eigenständig ein fest-definiertes Thema und bereiteten es für die Lerngruppe zur individuellen Erarbeitung u. a. in Form von Lernvideos vor. Auf diese Weise übernahmen die Lernenden in besonderem Maße Verantwortung für den Lernerfolg ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler und wurden noch aktiver in den Lernprozess eingebunden, da sie an der Erstellung umfangreicher Lernmaterialien mitwirkten. Da die Integration des Konzepts „Lernen durch Lehren“ (LdL) in einen ICM-basierten Unterricht im deutschsprachigen Raum bislang noch keine Anwendung fand, handelte es sich bei dem durchgeführten Projekt offenbar um eine neue Variante des Modells, das auf diese Weise hinsichtlich des Grades an Schüleraktivierung eine signifikante Aufwertung erfuhr und den Weg zu einem kompetenzorientierten Unterricht ebnen kann.[3]

Mit Blick auf den infolge des Projektes erzielten zentralen Lerngewinn sind zwei Bereiche gleichwertig zu benennen: In Bezug auf den fachlichen Kompetenzzuwachs konnte den Lernenden aufgrund der Ergebnisse einer schriftlichen Nachtestung ausnahmslos eine Verbesserung im Bereich der sprachlichen Fähigkeiten attestiert werden: Die prozentuale Anzahl der Grammatikfehler sank im abschließend zu produzierenden freien Text merklich.[4] Dieses Ergebnis korrespondiert mit den Ergebnissen einiger während der Projektphase durchgeführter Online-Kurztests, die bereits einen signifikanten Erfolg bei der Aufarbeitung der Grammatikthemen erwarten ließen. Durch die Existenz der Lernvideos ist zugleich auch für die Zukunft im Bedarfsfall die Möglichkeit zur erneuten Wiederholung und Übung gegeben, sodass die Basis für einen längerfristigen Lernerfolg gelegt werden konnte. Nicht unerwähnt bleiben darf jedoch auch der Gewinn, den die Lernenden aus dem Projekt für ihre Medienkompetenz sowie für ihre Sozial- bzw. Selbstkompetenz ziehen konnten. Aus der Sicht des betreuenden Fachlehrers waren neue Dynamiken und ein wertschätzender Umgangston in der Schüler-Schüler-Interaktion sowie ein gewissenhafteres Arbeiten im Unterricht zu beobachten, was sicherlich auf die intensive Koordinierungsarbeit und auf das selbstverantwortliche Arbeiten in den Gruppen zurückzuführen ist.
Der messbare, vor dem Hintergrund wissenschaftlicher Kriterien ermittelte Erfolg des Projektes, der Sie an dieser Stelle zur mutigen Erprobung des ICM im eigenen Unterricht motivieren soll, beruht nach meinem Dafürhalten zu einem Großteil auf den in der Lerngruppe geschaffenen Interdependenzen: Die Lernenden erarbeiteten füreinander Selbstlern- wie auch Unterrichtsmaterialien – sie waren somit selbst auf gute Fremdprodukte angewiesen und im Gegenzug bereit, selbst ansprechende Produkte zu entwickeln. Im Zusammenhang mit der Erstellung der Lernvideos durch Kleingruppen war zudem Teamfähigkeit mit präzisen und verbindlichen Absprachen gefragt: Nur durch Zusammenarbeit konnte hierbei ein Produkt entstehen, das den selbstgesteckten Anforderungen genügte. Die Lerngruppe wurde dabei von Anfang an in die Planungen und Definition von Qualitätskriterien mit einbezogen und zu konstruktivem Peer-Feedback angehalten. Durch den Einsatz moderner Tablet-Computer bei der Erstellung der Lernvideos erweiterte die Lerngruppe zudem ihre Medienkompetenz. Ferner wurde eine jahrgangs- und fächerübergreifende Dimension mit weiteren LdL-Elementen eröffnet, indem Mitglieder des an der Schule angesiedelten Wahlpflichtunterrichts „Medien“ als Schülertutoren fungierten und die jüngeren Schülerinnen und Schüler meiner Lerngruppe während des Schneidens und Bearbeitens der Lernvideos am Tablet-Computer betreuten.

Das Rad der Zeit dreht sich – drehen Sie mit!

Die Bilanz dieser auf dem Konzept des umgedrehten Unterrichts beruhenden Unterrichtsreihe, die durch selbsterstellte Lernvideos bereichert wurde, fällt vor dem Hintergrund des Kompetenzerlebens durchaus positiv aus: Alle Ergebnisse legen den Schluss nahe, dass eine wohl-dosierte Anreicherung des eigenen Unterrichts mit kreativ gestalteten Lernvideos ein Gewinn für die Lernumgebung darstellen können. Insbesondere wirken sie motivierend und eröffnen Ihren Schülerinnen und Schülern das Lernen über mehrere Kanäle – und Ihnen als Lehrkräfte die Chance zu einem Unterricht anderer Art.


3 Siehe Weidmann, Dirk. „Inverting a Competence-Based EFL Classroom. A Model for Advanced Learner Activation?.“ In: Handke, Jürgen/Kiesler, Natalie/Wiemeyer, Leonie (Hgg.). The Inverted Classroom Model. The 2nd German ICM-Conference—Proceedings. München: Oldenbourg Verlag, 2013, S. 155-172.

4 Siehe Weidmann, Dirk. „Increasing Learner Activity in the First ICMM Phase: A First-Hand Report.“ In: Handke, Jürgen/Großkurth, Eva-Marie (Hgg.). [Tagungsband zur ICM-Konferenz 2014]. München: Oldenbourg Verlag, 2014, ca. 20 Seiten (im Erscheinen).


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