Vom „Zeitspieler” im Zeitmanagement: Was Lehrer von der „Schönheit der Zeit” lernen können

„Gegenüber der Fähigkeit, die Arbeit eines einzigen Tages sinnvoll zu ordnen, ist alles andere im Leben ein Kinderspiel” (Goethe). Seit jeher wird Zeit als eine knappe Ressource wahrgenommen. Zeit erzeugt irgendwie automatisch Zeitmangel, welcher uns in Stress versetzt. Um diesen zu bewältigen, braucht man wiederum Zeit ‒ ein Teufelskreis. Neumodern ist es das „Zeitmanagement”, welches uns aus diesem befreien soll. Der folgende Artikel setzt sich vor dem Hintergrund des Buches von Prof. Dr. Otto Hansmann Vom Zeitmanagement im Schulunterricht. Was Lehrerinnen und Lehrer wissen und können sollten mit einem weniger gängigen aber durchaus interessanten Modell des Zeitmanagements auseinander. Zusätzlich haben wir den Autoren zu dieser etwas anderen Sichtweise befragt.

Der Lehreralltag und seine verschiedenen Zeiten

Prof. Hansmann spricht in seinem Buch von der „Selbstreferenzialität der gesellschaftlichen Kommunikation von Beschleunigung”. Dieser Beschleunigung kann Schule nur entgehen, indem sie sich insbesondere dem Faktor „Zeit” stellt, welcher sie als Institution von außen immer angreifbar macht. Hier kategorisiert Hansmann vier Zeit-Bereiche: „die Zeit der Schule”, „die Zeit des Unterrichts”, „die Zeit des Lehrens und Lernens” ‒ die sich langsam zur „Zeit individueller Aneignung” differenziert, sowie „die Zeit der pädagogischen Kommunikation”.
Daneben sollte Lehrkräften bewusst sein, dass „verschiedene Formen der Zeitproduktion, der Zeitzirkulation und der Zeitkonsumtion untereinander konkurrieren und sie müssen in der Lage sein, diese pädagogisch zu spezifizieren.” Das gelingt, indem man Zeitpläne erstellt, die im Unterricht sogenannte „Zeitspiralen” möglich machen. Diese Zeitspiralen ermöglichen eine Verbindung von Erinnerung und Erwartung, Wiederholung und Erweiterung sowie von Bekanntem und Neuem. Unterrichtskommunikation, informative Impulse und die Einbeziehung der Schülerinnen und Schüler kann so gewährleistet werden. Letzteres ist nicht zu unterschätzen, denn „Lehrkräfte können auch einiges tun”, so bringt es Prof. Hansmann im Interview an, „um der Eigenzeit des Lernens der Schüler in den vorgegebenen Zeitfenstern Raum zu geben. Denn erst durch jene gewährleisteten Eigenzeitverhältnisse wird individuelles Lernen der einzelnen Schüler möglich.”

Vom „Zeitmanager“ zum „Zeitspieler“

Hansmann unterscheidet in seinem Buch den „Zeitmanager” vom „Zeitspieler”. Der „Zeitmanager“ plant den Unterricht minutiös und realisiert ihn zeitstabil, der „Zeitspieler“ setzt hingegen auf Zeitflexibilität. Für eine solche Flexibiltät sind „Erziehungskunst, fachliche Souveränität, Kommunikation statt Einzelkämpfermentalität, organisatorische Innovationsbereitschaft statt Verwaltungsbeflissenheit, Freude am Beruf und kindliche Neugier auf Unbekanntes unabdingbar”. Auch in diesem Kontext wird wieder deutlich, wie wichtig es ist, neben der institutionell vorgegebenen Zeit, jene individuell ausgeglichen auf die Schülerinnen und Schüler zu verteilen, um so der „synchronen Leistungsgleichheit” entgehen zu können.
Neben der Kritik an der synchronen Leistungsgleichheit, der durch individuelle Bezüge begegnet werden kann, bringt Prof. Hansmann im Gespräch einen weiteren und sehr gängigen Fehler an, der sich negativ auf gelungenes Zeitmanagement auswirkt: „[…], dass man die Kommunikate, also die Zeichen und Signale der Schüler, die nicht unbedingt kommuniziert werden müssen, sondern einfach in Form von Unterrichtsstörungen auftreten, nicht nur als Unterrichtsstörung personalisiert, sondern deren Ursachen ergründet und schaut, ob Lernhemmungen, Schwierigkeiten, Blockaden oder psychologische Probleme im Hintergrund stehen.”

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Von der Schönheit der Zeit

Eines der Kapitel in Hansmanns Zeitmanagement-Buch für Lehrkräfte trägt den Titel: „Die Schönheit der Zeit. Von der Verräumlichung der Zeit zur Verzeitlichung des Raums oder wie das Kunstsystem das Bildungs- und Erziehungssystem zu irritieren vermag”. Dabei bedient er sich in der Analyse u. a. an Picassos „Les demoiselles d’avignon”, was auf den ersten Blick sehr abstrakt klingt. Hansmann erklärt es wie folgt: „Picasso hat es geschafft, verschiedene Zeitperspektiven in einer Darstellung zu präsentieren und so zu zeigen, dass man verschiedene Sichtweisen über Dinge wahrnehmen kann, abhängig davon, welche Position man einnimmt. Für die Schule ist diese Erkenntnis wichtig, um zu sehen, dass man seinen Unterricht auch aus verschiedenen Perspektiven wahrnehmen kann ‒ Stichwort ‘mehrperspektivischer Unterricht‘”.

Besonders in der Arbeit mit neuen Medien ist diese Mehrperspektivität gegeben: „Die modernen Medien und die Kunst zeigen die Instantaneität der Zeit. Das ist ein Terminus des kanadischen Medienforschers Marshall McLuhan. Es spielt auf die moderne mediale Kunst an, verschiedene Botschaften, die aus unterschiedlichen Perspektiven und zu verschiedenen Zeitpunkten gewonnen worden sind, in einem Bild oder einer optischen Darstellung, also auf gleichem Raum und gleichzeitig mittels ganz unterschiedlicher Zeichen bzw. Symbole zu präsentieren. Der Betrachter findet derartige Darstellung gelegentlich witzig, zu Recht. Denn ein guter Witz besteht darin, zu verbinden, was gewöhnlich als nicht zusammengehörig empfunden wird und spontan Gelächter evoziert oder eben Aufmerksamkeit und Neugier weckt. Und das braucht auch guter Unterricht.” In diesem Zusammenhang kommt Hansmann auch wieder auf den „Zeitspieler” zu sprechen: „Der professionelle Zeitspieler sollte die individuellen Lern-/Zeitperspektiven in die ‘Gleichzeitigkeit‘ von 45 Minuten bringen. Das ist ein ähnliches Problem, wie wenn man vom Ende der Stunde auf die einzelnen Sekunden oder Minuten zurückblickt. Dabei ergibt sich auch solch ein instantanes Bild: Man muss fertig werden, so wie der Künstler, bei dem es sich dann im Bild zeigt, beim Lehrer hingegen allenfalls in der Nachbesprechung oder Analyse.”

Methoden und Grundvoraussetzungen für ein gelungenes Zeitmanagement

„Da gibt es eine Fülle von Methoden”, konstatiert Hansmann im Interview „[…] die beste ist, nicht zu dozieren und vom frontalen Unterrichten Abstand zu nehmen. Ein guter Weg ist, den Unterricht zu differenzieren, die Klasse aufzulösen und mit Gruppen, Partnern oder am Ende dann eben individuell zu arbeiten.” Selbstgeleitetes Arbeiten der Schülerinnen und Schüler bedarf zwar einer längeren Vorbereitung, kann die Lehrkraft im Unterricht aber stark entlasten. Man managt den Unterricht, statt 45 Minuten Frontalkünstler zu sein.
Daneben ist es laut Hansmann auch „[…] die Kunst, komplexe Stoffe gliedern zu können, was viel mit der eigenen Lehrerfahrung zu tun hat”, die einen beim Zeitmanagement dienlich sein kann. Hansmann zieht dabei Rückschlüsse bis in die eigene Schulerfahrung hinein: „[…] von der sich viele nicht richtig lösen, was auch nicht so einfach ist, denn man kann nicht einfach aus der eigenen Biografie aussteigen. Egal, ob sie gut oder schlecht waren, sind diese Erfahrungen konstant gegenwärtig, was bedeutet, dass man weiß, dass sie einen im Schaffen behindern können.”
Auch die Integration in das Schulumfeld ist unabdingbar, um sein eigenes Zeitmanagement gut verorten und durchsetzen zu können: „Man darf nicht blauäugig sein, muss sich gut integrieren und schauen, wie die kommunikativen Machtverhältnisse im Kollegium sind, welche Spielräume man bekommt, um sein eigenes Zeitmanagement jenseits der gewohnten und koordinierten Stundeneinteilungen zu entfalten. Zudem ist es wichtig, sich nicht als Einzelkämpfer zu sehen, was aber viele tun. Doch als Einzelkämpfer hat man keine Chance, Vorstellungen und Ideen durchsetzen zu können”, konstatiert Hansmann.

In sich hineinhören

Die genannten Ansätze machen deutlich, dass es nicht nur einfache Tricks sind, die einem zu einer besseren Zeitplanung verhelfen, sondern auch eine grundsätzliche Haltung, die wesentlich von der Motivation, Einstellung und Verfassung der Lehrperson abhängig ist. Bei aller Planung und Verantwortung für seine Schülerinnen und Schüler darf man sich selbst nicht vergessen, gerade vor dem Hintergrund, dass Lehrerinnen und Lehrer jene Berufsgruppe ausmachen, die die höchste „Ausbrennrate” (Burnout) zu verzeichnen hat. Ökonomie ist hier das Stichwort. Doch auch ein ökonomischer Blick kann nicht alles fassen und erfordert Mut zur Lücke. Und diesem Mut ist besser zu begegnen, als jenem, die eigene Gesundheit aufs Spiel zu setzen.

Zur Person:

Prof. Dr. Otto Hansmann ist pensionierter Akademischer Direktor und lehrte an der Universität Bayreuth Allgemeine Pädagogik. Seine Arbeitsschwerpunkte sind u. a. Kommunikations- und Zeitmanagement. Aktuell ist er tätig im Büro für Kommunikation in Berlin.

Veröffentlichungen:

Vom Zeitmanagement im Schulunterricht. Was Lehrerinnen und Lehrer wissen und können sollten. Waxmann, Münster: 2009.

Kommunikation auf der Zielgeraden. Ein Leitfaden zur Analyse, Messung und Optimierung von Kommunikationsakten. Schneider Verlag, Hohengehren: 2003.

Kommunikation. Praxis – Ästhetik – Logik – Kommunikationsmanagement.Logos Verlag, Berlin: 2014.


Titelbild: ©Slavoljub Pantelic