Wenn Banksy und Monet sich treffen – Graffitiunterricht am Berliner Gymnasium

Im deutschlandweit erfolgreichsten Kinofilm 2013 Fack ju Göhte bekommt die 10b von ihren Lehrkräften eine Schulstunde der besonderen Art geboten: Sie besprühen nachts illegal einen Zug mit bunten Graffitibildern und müssen schließlich vor der Polizei fliehen. Die Schülerinnen und Schüler des Diesterweg-Gymnasiums in Berlin besprühen zwar keine Züge aber Schulfassaden, Aufenthaltsräume und Sporthallen. Dafür müssen sie jedoch nicht nachts auf die Straße und vor der Polizei fliehen. Ihre Sprühkunst ist legal. Wie das Graffitisprühen in den Schulalltag integriert werden kann, was die Schülerinnen und Schüler durch das Graffitiprojekt lernen und was Graffiti und die klassische Malerei gemeinsam haben, erklärten uns Christiane Guse, Fachbereichsleiterin für Kunst des Diesterweg-Gymnasiums, und Jurij Paderin von der Graffiti-Lobby Berlin.

Die New York Times betitelte im Jahr 2008 Berlin als „die am meisten mit Graffiti bombardierte Stadt Europas”. In dem Wort „bombardiert” wird der negative Ton deutlich. „Graffiti wird oft in einem Atemzug mit aufgeschlitzten Sitzen und zerkratzten Scheiben genannt”, betäuert Paderin, „Würden sich jedoch mehr Menschen mit der Thematik beschäftigten, würden sie feststellen, dass das eine mit dem anderen nichts zu tun hat.” Graffiti sei eine Jugendkultur mit langer Geschichte, die verstanden werden will. Paderin plädiert für einen Dialog – einen Dialog zwischen Sub- und Hochkultur. Mit einem solchen Dialog würde auch das illegale Sprayen eingedämmt werden. Auch SPD-Politiker Ilkin Özisik befürwortete Graffitiprojekte an Schulen als Kampfansage gegen das illegale Sprühen.

Der praxisnahe Zugang zur Kunst

Hier kommt Christiane Guse ins Spiel. Sie unterrichtet in Kooperation mit Josef Dube, ebenfalls von der Graffiti-Lobby Berlin, den Zusatzkurs „Graffiti” in der Oberstufe. Er ist der einzige Zusatzkurs dieser Art berlinweit und kann als Pilotprojekt betrachtet werden. Zehn bis 15 Schülerinnen und Schüler dürfen hier die Sprühdose in die Hand nehmen. Der Zusatzkurs ist in die Ganztagsschule integriert und die Schülerinnen und Schüler lernen hier freiwillig nachmittags die Theorie und die Praxis des Graffitis. In einer Klausur können sie dann ihr Können unter Beweis stellen.

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Jurij Paderin und Christiane Guse ©sofatutor

„Da der Zusatzkurs von interessierten, motivierten und kunstbegeisterten Schülerinnen und Schülern angewählt wird, sind die Noten auf dem Zeugnis erfahrungsgemäß überdurchschnittlich”, berichtet Frau Guse. Natürlich ersetzt der Graffiti-Zusatzkurs nicht den Kunstunterricht, bietet jedoch einen anderen Umgang mit Kunst.

„Graffiti verschafft einen anderen Zugang zu den Jugendlichen. Sie beschäftigen sich zusammen mit ihren Lehrkräften mit einer Szene, aus der sie selbst stammen”, so Paderin. Die Beschäftigung mit Rap könne das Sprachgefühl der Jugendlichen fördern und die Auseinandersetzung mit Graffiti bringe den Schülerinnen und Schülern die Kunst näher – und das auf eine praxisnahe Art und Weise.

Richtiger Unterricht mit Präventionsansatz

„Dabei handelt es sich hier um richtigen und ernstzunehmenden Unterricht. Wir haben systematisch ein Konzept für den Unterricht entwickelt”, stellt Guse klar. Jedoch bräuchten die Lehrerinnen und Lehrer hier Unterstützung von den Mitarbeitern der Graffiti-Lobby, da sie selten das Fachwissen über die Graffitikunst mitbrächten, so Paderin, der ein ähnliches Projekt am Dathe-Gymnasium durchführte. Das bejaht die Fachbereichsleiterin Kunst des Diesterweg-Gymnasiums: „Als Lehramtsstudentin habe ich nichts über Graffiti erfahren, war jedoch sehr erstaunt, dass das Graffitisprühen viele Berühungspunkte mit der klassischen Malerei aufweist.” In der klassischen Kunst heiße es „Umrisslinien” beim Graffitisprühen „outlines” und das „fading” beim Graffiti sei das „changieren” in der klassischen Malerei.

Gleichzeitig könne der Graffiti-Unterricht als Präventionsprogramm betrachtet werden. Illegales Sprühen wird im Unterricht detailliert thematisiert. Wussten Sie zum Beispiel, dass das illegale Sprühen von Graffiti erst nach 30 Jahren verjährt? Im theoretischen Unterricht werden alle Konsequenzen aufgezeigt – und wer kann das besser als einer, der eine Karriere als illegaler Sprayer hinter sich hat. „Das ist natürlich etwas anderes, wenn ich den Schülerinnen und Schülern sage, was ihnen bei illegalem Sprühen blüht, als wenn es ein Lehrer oder eine Lehrerin tut”, so Paderin.

Graffitisprayen an Schulwände am helllichten Tage

In der Graffiti-Szene sei es wichtig „fame” (Ruhm) zu bekommen. Dieser kann einem durch Quantität (möglichst viele Graffitis im Stadtbild) oder durch Qualität gelingen. Der Graffiti-Lobby ist es wichtig, den Jugendlichen diesen „fame” durch Qualität entgegen zu bringen. Dafür kämpfen sie für legale Wände, bieten Graffiti-Workshops an und sorgen für mediale Aufmerksamkeit.

Das Ziel des Zusatzkurses „Graffiti” ist natürlich ein anderes: Hier werden Fragen diskutiert wie z. B. „Ist Graffiti eigentlich Kunst?”, hier wird die Graffitigeschichte im Zusammenhang mit der Jugendkultur beleuchtet, Begriffserklärungen gegeben und die Graffitisszene im Ausland untersucht. „Interessant finde ich auch, dass das nächtliche illegale Sprühen zu einer Art Sucht werden kann. Der Kick, der dabei entsteht, macht süchtig. Das wusste ich nicht und so etwas wird natürlich auch im Unterricht besprochen”, so Guse.


Tunrhalle Diesterweggymnasium

Sporthalle des Diesterweg-Gymnasiums ©sofatutor

Der praktische Teil sieht dann das Anfertigen von Skizzen, die Sprühdosenbenutzung, das Malen von Buchstaben sowie das Vormalen, Ausmalen und das Setzen von Highlights vor. „Bei dem Graffitisprühen handelt es sich um einen demokratischen Prozess”, so Paderin. Die Schülerinnen und Schüler werden in kleinere Gruppen eingeteilt, jede Gruppe zeichnet eine Skizze für eine bestimmte Fläche und später wird demokratisch abgestimmt, welche Skizze dann gemeinsam auf diese Fläche gesprüht wird.

Die Schülerinnen und Schüler des Diesterweg-Gymnasiums haben bereits ihre Aufenthaltsräume und eine Wand der Sporthalle bunt gestaltet. Bald ist die Außenfassade der Schule an der Reihe. Hierfür existieren bereits ausgetüffelte Skizzen. „Die Jugendlichen bekommen die Möglichkeit, ihren Lebensraum selbst zu gestalten. Das gehen sie natürlich sehr motiviert an”, freut sich Frau Guse.

So kann ein solches Projekt gelingen

Da die an dem Projekt beteiligten Künstler für ihre Arbeit bezahlt werden müssen, ist man schnell bei der Frage der Finanzierung angekommen. Dies ist oftmals nur im Rahmen eines Projektangebots in einer Ganztagsschule möglich. Außerdem könne ein solches Projekt nur auf die Beine gestellt werden, wenn Schulleitung und Kollegium offen für Neues sind. Auch Kunstlehrerinnen und -lehrer müssen hier über ihren Schatten springen und bereit sein, sich selbst mit der Materie des Graffitis zu beschäftigen, so Guse, die während des Gesprächs mit beeindruckendem Graffiti-Fachwissen glänzt und bei Graffitisprayer Paderin große Augen erzeugt.