„Wer, wenn nicht wir?‟ Das RRS-Berufskolleg gegen Homo- und Transphobie

Warum soll man immer nur darauf warten, bis andere aktiv werden, um das Schulklima zu verbessern und sich gegen Diskriminierung einzusetzen? Genau das dachte sich die Schülervertretung des Richard-Riemerschmid-Berufskollegs in Köln, als sie der Schulleitung vorschlug, eine Schule der Vielfalt zu werden. In unserem Artikel „Bist du schwul, oder was? Materialien und Projekte für eine Schule ohne Homophobie‟ haben wir die Initiative bereits vorgestellt. Nun erzählt Lehrer Bodo Busch, wie genau das Projekt an Schulen ablaufen kann. Ein Interview über kreative Plakatwettbewerbe, klischeehafte Geschlechterrollen und eine engagierte Schülerschaft.

Seit wann ist Ihr Berufskolleg eine Schule der Vielfalt?

Bodo Busch: „Am 20. September 2013 wurde während unseres Schulfestes die Selbstverpflichtungserklärung als Projektschule unterschrieben und das Projektschild Come in – wir sind offen angebracht. Dazu gibt es auch ein Projektvideo unserer Schule.

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Warum haben Sie sich entschieden, Projektschule zu werden? Hatten Sie Probleme mit Homo- und Transphobie an Ihrer Schule?

Bodo Busch: „Die Initiative, sich am Projekt Schule ohne Homophobie zu beteiligen, geht auf einen Vorschlag der Schülervertretung (SV) zurück. Unser damaliger Schülersprecher engagierte sich in der Kölner Aidshilfe und mit Foto und Namen sowie einem Satz gegen Homophobie auf der Website der „Anti-Gewalt-Arbeit NRW“. Darauf angesprochen, bekundete er spontan Interesse für das Projekt Schule der Vielfalt und lud den Landeskoordinator ein, die Schülervertretung über das Projekt zu informieren. Die SV beschloss nach der Vorstellung einstimmig, der Schulleitung eine Beteiligung der Schule am Projekt vorzuschlagen, zunächst mit einzelnen Aktivitäten.

Bisher sind mir an unserer Schule keine schwereren Fälle von Homo- oder Transphobie aufgefallen. Für das Klima in den Vollzeitklassen der Fachoberschule für Gestaltung und der Gestaltungstechnischen Assistenten und Assistentinnen spricht, dass zwar nicht in jeder Klasse, aber immer wieder homosexuelle Schülerinnen und Schüler sich offen als solche zu erkennen geben. Das Klima in den Ausbildungsklassen des dualen Systems, etwa bei Fahrzeuglackierern, Malern oder Glasern, ist nach Aussage von dort unterrichtenden Kolleginnen und Kollegen deutlich rauher. Auch dort gibt es z. B. vereinzelt selbstbewusst auftretende lesbische Schülerinnen, aber auch einen stärkeren Konformitätsdruck in Richtung klischeehafter Geschlechterrollen.

Auch wenn es am RRS-Berufskolleg selbst keine schweren homophoben Vorfälle gegeben hat, so fiel den Schülerinnen und Schülern auf, dass das Thema „gleichgeschlechtliche
Lebensweisen“ kein Thema im Unterricht ist, aber bei Gesprächen im Schulalltag immer wieder auf Unverständnis stößt. Einige lesbische Schülerinnen und schwule Schüler
konnten aus ihrer früheren schulischen Biographie von Mobbing, massiven Angriffen bis hin zu Tätlichkeiten berichten.

Nachdem ein Plakatwettbewerb mit vier Gestaltungsklassen und eine SV-Aktion gut gelaufen waren, machte wieder die Schülervertretung den zweiten Schritt: Sie schlug der Schulleitung
vor, Projektschule zu werden. Ein wiederkehrendes Argument der SV in diesem Prozess war der Satz „Wer, wenn nicht wir – das Berufskolleg für Gestaltung mitten in Köln“.

Die Schulleitung brachte diesen Vorschlag wegen des Engagements der SV und der guten Erfahrungen mit den Einzelprojekten in die Lehrerkonferenz ein, die anschließend die Schulkonferenz einstimmig dafür votierte.

Welche Aktionen bzw. Workshops haben Sie im Rahmen der Initiative bisher gemacht?

Bodo Busch: „Am Anfang stand auf Vorschlag der SV ein Unterrichtsprojekt, in dem vier Gestaltungsklassen Plakate entwarfen, die an Schulen gegen Homophobie werben sollen. Aus den ca. 100 Entwürfen wählte eine Jury des Projekts vier Gewinner-Entwürfe aus und insgesamt 28 Entwürfe, die jetzt in einer Ausstellung im Schulministerium NRW gezeigt werden. Die vier Gewinnerplakate sind von Schule der Vielfalt gedruckt worden und werden an einzelnen Schulen in NRW ausgehängt. Über die Internetseite von Schule der Vielfalt können sie auch weiter bestellt werden.

Im Unterricht standen Gestaltungsideen und –prozesse im Vordergrund. Informationen über Homo- und Transphobie gab es im Rahmen des Briefings durch den Landeskoordinator. In einer der vier Klassen vertiefte ein Politik-Kollege das Thema begleitend über mehrere Stunden im Politik-Unterricht und gab z. B. Recherchehinweise. Die Prämierung der vier Gewinner-Entwürfe und eine schulinterne Ausstellung der 28 ausgewählten Arbeiten erfolgte im Rahmen des schulinternen Präsentationstag am 16. April 2013 vor den versammelten Vollzeitklassen.

Diese thematische Vorlage und die zeitliche Nähe zum „International Day against Homophobia“ am 17. Mai 2013 nutzte die SV zu einer eigenen Aktion, bei der sie die anwesenden Schülerinnen und Schüler aufforderte, im Anschluss an die Präsentationen vom Schulhof Ballons mit Botschaften gegen Homo- und Transphobie steigen zu lassen.

Ein Kamerateam unserer Gestaltungstechnischen Assistenten und Assistentinnen mit Schwerpunkt Medien filmte das Anbringen der Projekttafel und die Selbstverpflichtung durch Schulleitung und SV im Rahmen des Sommerfestes. Die Klasse erarbeitete daraus im Schwerpunktfach Audiovision Werbetrailer. Ein Trailer aus den besten Sequenzen der Klasse wirbt inzwischen auf der Website für Schule der Vielfalt.

Unsere jüngste Aktivität als Projektschule, in Absprache mit Schulleitung und Lehrerrat, ist eine dreistündige verpflichtende Kollegiumsfortbildung mit externen Referenten und Referentinnen mit Fakten und Bewusstseinsbildung zum Thema Homophobie. In diesem Rahmen wurde auch eine Ideenliste für weitere Aktivitäten erarbeitet, zu der auf der folgenden Konferenz dann zunächst nur eine Bepunktung durch die Anwesenden mit Auszählung einer Rangliste vorgenommen wurde. Was daraus folgt, wird Thema der nächsten Konferenz sein.

Was sagen Ihre Schülerinnen und Schüler über das Projekt?

Bodo Busch: „Als über die Projektteilnahme abgestimmt wurde, wurde aus dem Kollegium berichtet, dass sich das Schulklima bei den Aktivitäten gegen Homophobie sehr zum Positiven verändert hat. Facebook-Kommentare zu den Projektaktivitäten sind überwiegend zustimmend und zeugen einer Identifikation mit der Schule. Wer möglicherweise ablehnend denkt, hält sich zumindest mit offensiven Kommentaren zurück. Weder das Schild im Eingangsbereich noch der Aufkleber an der Schultür wurden bisher beschädigt, wie das von einzelnen anderen Projektschulen aus den dortigen Startphasen berichtet wurde.

Wie findet Ihr Kollegium die Initiative?

Bodo Busch: „Die Formulierung „Wer, wenn nicht wir?“ wird auch von vielen Kolleginnen und Kollegen so gesehen. Den einstimmigen Beschluss des Kollegiums zur Projektteilnahme empfinde ich als deutliches Unterstützungssignal. Ich habe auch ermutigendes und spontanes Engagement einzelner Kolleginnen und Kollegen etwa in Form praktischer Unterstützung der SV-Aktion oder bei Integration des offiziellen Projektbeitritts in ein länger geplantes Sommerfest erlebt.

Angesichts der vielfältigen Anforderungen im Schulalltag und durch verordnete Schulentwicklung wird natürlich jede verpflichtende Mehrbelastung kritisch gesehen. Deshalb plädiere ich dafür, auch im weiteren Prozess darauf zu achten, dass Projektaktivitäten sich möglichst gut und synergetisch in unseren Schulalltag und in andere Aktivitäten einfügen.

Wie zeitintensiv ist es, eine Schule der Vielfalt zu sein und alle Qualitätsstandards zu erfüllen?

Bodo Busch: „Dazu machen wir noch unsere Erfahrungen – ich hoffe, nicht so sehr. Ich bin dabei optimistisch, weil Schule der Vielfalt ja mit seinen Standards den Rahmen nicht zu eng setzt und den Schulen in den Aktivitäten viel freie Hand lässt.

Zu den Qualitätsstandards gehört, dass unsere Schule Ansprechpartner benennen muss: das sind eine Kollegin und ich. Verpflichtend ist, sich durch Aushang des Projektschildes Come in – wir sind offen – lesbisch schwul bi hetero trans* an gut sichtbarer Stelle deutlich zu positionieren. Homo- und Transphobie funktioniert ja zum Teil darüber, dass von Lesben, Schwulen und Transgendern erwartet wird, dass sie einfach nicht in Erscheinung treten, ihr Anderssein verstecken und so die unausgesprochene Annahme stützen, dass alle Menschen heterosexuell und cisgender sind. Weiterhin verpflichtend ist die Teilnahme an den halbjährlichen eintägigen Vernetzungstreffen der Projektschulen.

Welche Änderungen haben Sie im Schulklima bemerkt, seitdem Ihre Schule Projektschule ist?

Bodo Busch: „Wir sind ja gerade ein halbes Jahr Projektschule. Ich glaube, die wichtigste Veränderung ist, dass wir mit den bisherigen Aktivitäten – dem Schild, Medienberichten und anstehenden Aktionen wie der Ausstellung in Düsseldorf – immer wieder Anlässe haben, dass schwul oder lesbisch sein und hoffentlich auch bald Transgeschlechtlichkeit, die noch weniger sichtbar scheint, zur Sprache kommen. Damit wird die Unsicherheit geklärt, ob das einen wahrnehmbaren und akzeptierten Platz in der Schule hat.

Fotos: ©Richard-Riemerschmid-Berufskolleg