Wie man eine Schule verkauft

Am Tag der offenen Tür zeigt sich Franziska mit dem Kollegium von ihrer besten Seite. Hier berichtet sie von dem Samstag im Jahr, an dem Lehrer- und Schülerschaft die Schule der Öffentlichkeit präsentieren.

Ich habe es an meinem Beruf immer als sehr angenehm empfunden, fremden Menschen nichts verkaufen zu müssen. Ein Gräuel wäre mir ein Beruf, bei dem mein monatliches Gehalt von meiner Überredungskunst und der Gutgläubigkeit anderer abhängt. Natürlich muss ich in meinem Arbeitsalltag mehr überreden, als mir lieb ist und der Erfolg meiner Arbeit hängt stark davon ab, wie gut und gern meine Schülerinnen und Schüler mir glauben. Aber ich verkaufe eben keine Autos, sondern versuche, Wissen zu vermitteln.

Putz für Haus und Kollegium

An einem Tag im Jahr wird die Schule aber doch zum Verkaufsbasar. Die Existenz einer jeden Schule hängt von den Anmeldezahlen ab. Und die erreicht jede Bildungseinrichtung am sichersten, wenn sie sich am Tag der offenen Tür möglichst gut verkauft. Dementsprechend wird das Gebäude für jenen winterlichen Tag besonders herausgeputzt. Kolleginnen, von denen ich es nicht gewohnt bin, begegnen mir mit Lippenstift und Blazer. Außerdem hat die Schulleitung jeder Lehrkraft ein Namensschild gedruckt. Unsere Schule soll Professionalität aus jeder Pore ausstrahlen.

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Inklusion am Tag der offenen Tür

Der Samstag ist auch ein Pflichttag für unsere Schülerinnen und Schüler. In früheren Zeiten, so berichten mir dienstältere Kolleginnen und Kollegen, wurde vermeintlich schwierigen Schützlingen angeraten, an diesem Tag zu Hause zu bleiben. Damals war man mit der Inklusion noch nicht soweit. Ich bin dankbar, dass meine Schule in dieser Hinsicht ehrlich sein möchte und der zukünftigen Elternschaft die Jugendlichen, mit denen ihre Kinder möglicherweise lernen sollen, nicht verschweigen. Wir zeigen nicht nur die Vorführwagen, um im Autohausjargon zu bleiben.
So viele Schülerinnen und Schüler wollen allerdings auch beschäftigt werden. Und das mit Aufgaben, die sie und uns von der besten Seite zeigen. Wir haben unsere Klasse im Vornhinein verschiedenen Fachbereichen zugeteilt, in denen sie sich zum Teil besonders engagieren. Für meinen eigenen Fachbereich ist dies zuweilen etwas schwierig. Das Kollegium mit Schwerpunkt Inklusion kann verständlicherweise nicht die Kinder mit Förderbedarf „ausstellen“, um an ihnen ein Exempel ihrer Arbeit zu zeigen. Demnach habe ich mir wahllos zwei Schüler geschnappt, die mir zu Beginn des Tages helfen, den Raum einzurichten und später verschiedene Lernspiele ausprobieren. So wirkt unser Raum lebendiger und zufällig habe ich mit Jordan und Ermin Schüler bei mir, denen Lernspiele an einem Samstag nicht unbedingt schaden.

„Beste Schule von Welt!“

Im Laufe dieses Tages besuchen mich allerdings auch noch andere Schülerinnen und Schüler und halten mich auf Trab. Pia zum Beispiel kommt von der Tierstation zu mir, die eine Treppe weiter unten ist, und sucht aufgelöst nach Taschentüchern. Ein Meerschweinchen hat sie angepinkelt. Hakan platzt mitten in ein Elterngespräch und plärrt quer durch den ganzen Raum: „FRAU F.! Können wir Ihnen helfen? Sollen wir die Schule empfehlen?“ Ohne eine Antwort von mir abzuwarten, geht er auf eine Mutter zu, schüttelt ihr die Hand und sagt: „Gute Frau! Ist beste Schule von Welt! Besser können Sie’s nicht treffen!“ Er meint es gut. Jordan und Ermin verzweifeln derweil an einem, zugegeben, sehr einfachen Lernspiel und machen Hakans Behauptung damit ein wenig zunichte.
Meine Hauptaufgabe an diesem Tag ist natürlich nicht, wie sonst, die Bespaßung der Jugendlichen. Ich berate Eltern und bemühe mich, dass sich die angehenden Sekundarschüler und -schülerinnen wohlfühlen. Selbstverständlich werden letztere ihre Schule nach dem Wohlfühlfaktor präferieren und nicht nach dem Schulprogramm. Die Sorgen der Eltern dagegen sind weitläufig die gleichen: Neben konkrete Fragen zum Stundenplan, Nachhilfe sowie Förderoptionen, sind sie besonders um das soziale Klima an der Schule besorgt. So versuche ich zu beruhigen, zu informieren und ja, auch zu werben.

Am Ende des Tages hat sich meine Schule von einer wirklich guten Seite gezeigt und ich bin stolz, hier zu arbeiten. Der Tag der offenen Tür hat mir selbst noch einmal gezeigt, wie viel wir zu bieten haben und wie intensiv alle Kolleginnen und Kollegen an ihren Herzensprojekten für unsere Schülerschaft arbeiten. Ich selbst bin überzeugt. Ich würde dieses Auto kaufen.

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Gastautorin Franzi

Franziska studierte Sonderpädagogik und Deutsch auf Lehramt an der Humboldt-Universität zu Berlin. Nun ist sie Lehrerin an einer Integrierten Sekundarschule (ISS) im Berliner Zentrum. In den selten gewordenen Nächten mit etwas Schlaf träumt sie davon, selbsternannte Berufsexperten, die den Spruch „Lehrer haben vormittags recht und nachmittags frei“ proklamieren, mit dem Rohrstock über den Sportplatz zu jagen.




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