Wie der Staat Lehrer in die Burnout-Falle laufen lässt

30 Prozent der Lehrer und Erzieher leiden laut einer Studie unter Burnout und Erschöpfung. Der Aktionsrat Bildung will mit einem Präventionsprogramm helfen – doch statt Ursachenbeseitigung empfiehlt er Symptom-Aktionismus!

„Die Analysen sind besorgniserregend“, sagte Dieter Lenzen, Vorsitzender des Aktionsrates, in München und rief „Politik und Hochschulen zu Maßnahmen auf, um Burnout und Erschöpfung bei Lehrern und Erziehern zu vermeiden. Andernfalls leide das Bildungsniveau der ganzen Gesellschaft darunter”. Neben Lenzen, der Präsident der Universität Hamburg ist, gehören dem Aktionsrat Bildung weitere renommierte Bildungsforscher an, wie der Pisa-Experte Manfred Prenzel, der Volkswirt Ludger Wößmann und Bettina Hannover, Expertin für Schul- und Unterrichtsforschung an der Freien Universität Berlin. Letztere erklärt, dass Burnout zwar keine eigenständige Diagnose sei, sondern ein Zusammenspiel von mehreren, auch privaten Risikofaktoren. Auch hätten die zunehmenden Krankmeldungen damit zu tun, dass heute psychische Erkrankungen nicht mehr so tabuisiert würden wie noch vor fünfzehn Jahren. Dennoch sei die Zunahme an psychischen Belastungen alarmierend. Die Zahl der Krankheitstage habe sich seit dem Jahr 2000 fast verdoppelt.

Wunderliche Therapie-Empfehlungen

Was jedoch stark verwundert, ist, dass die Handlungsempfehlungen des Aktionsrates vorrangig eine Reduzierung der Symptome bei den Lehrkräften zum Ziel haben. Ein adäquater Umgang mit den die Belastungen auslösenden Bedingungen wird ausgeblendet. So werden „Entspannungs- und Meditationsverfahren” beziehungsweise „achtsamkeitsbasierte Verfahren“ als „bewährt“ offeriert. Weiterhin „haben sich regelmäßige Auffrischungs-Sitzungen als hilfreich erwiesen, ebenso die Beratung und Besprechung von Situationen, in denen das Erlernte eingesetzt, beziehungsweise geübt werden kann. Verhältnispräventive und umgebungs- bzw. organisationsbezogene Strategien wurden beim Stressmanagement und in der Burnout-Prophylaxe bisher eher weniger eingesetzt und evaluiert. Unter primär-präventivem Aspekt bieten sie bei vertretbarem Aufwand jedoch die Chance, Stressoren zu vermeiden oder zu reduzieren; sie sollten deshalb stets Ziel institutionsbezogener Stressmanagement- und Burnout-Prophylaxe-Programme sein, vor allem in der Arbeitswelt.“ Der Aktionsrat Bildung stellt weiter fest, „[ … ] dass Entspannungsverfahren, kognitiv-behavioral ausgerichtete Interventionen, aber auch Kombinationen aus beidem in besonderem Maß geeignet sind, Burnout zu reduzieren. Gleiches gilt für Stressmanagementprogramme. Auch wenn über Langzeiteffekte und die differenzielle Wirksamkeit solcher Maßnahmen auf die Teildimensionen des Burnout-Konstrukts noch keine abschließenden Aussagen möglich sind, empfiehlt der Aktionsrat Bildung, für von Burnout betroffene Personen und Arbeitsteams entsprechende Angebote regional verfügbar zu halten.“ Ergänzend werden „Good Practice“-Ansätze zur Stärkung der psychischen Gesundheit in Bildungsinstitutionen empfohlen. Stress soll also hier unter Ausklammerung der auslösenden Faktoren vermieden werden.

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‚Händchenhalten und Trostpflaster verteilen’ auf hohem Niveau

Aber welcher seriöse Gutachter käme auf die Idee, bei einem – über Jahrzehnte – großflächig undicht gewordenen Dach, die Bewohner als Dauer-Handlungsempfehlung auf den Einsatz von wasserfester Kleidung, Regenschirmen und Auffangwannen zu trimmen, feuchte Kleidungstücke und „Auffrischungs-Sitzungen“ zu organisieren, auf Muskelverhärtungen mit „Entspannungs- und Meditations-Verfahren“ zu reagieren, einer depressiven Stimmung mit „achtsamkeitsbasierten Verfahren“ zu begegnen und für alle damit einhergehenden „gesundheitlichen Beeinträchtigungen ein flächendeckendes Angebot an Arbeitsmedizinern und Psychologen“ aufbauen zu sollen. Rheinländer würden auf solch irrwitzige Gedankenspiele innerhalb einer karnevalistischen Büttenrede mit frenetischem Applaus reagieren. Ein Gesamteindruck: Der Aktionsrat grenzt die Lebenserfahrung „Der Fisch stinkt vom Kopf“ weitestgehend aus und setzt stattdessen auf Empfehlungen zur Linderung von psychischen Belastungen: ‚Händchenhalten und Trostpflaster verteilen’ auf hohem Niveau.

Wurzelbehandlung ist anstelle von Symptom-Aktionismus erforderlich

Ja, es gibt zuhauf „strukturelle Defizite“, welche von den Schulträgern und Bildungspolitikern gezielt reduziert werden müssen. Alle Unterrichtskonzepte, welche Schüler nicht alters- bzw. reifeadäquat in den schulischen Lehrplan einbeziehen, alle Lehrkräfte, welche sich als Stoffvermittler und nicht mehr als Pädagogen bzw. Erzieher betrachten, konterkarieren den Auftrag von Schule in der heutigen Zeit. Weiterhin fehlt es an geeigneten Maßnahmen zur Verbesserung der Lernbedingungen im Unterricht und zur Optimierung bzw. Qualifizierung der Zusammenarbeit mit den Eltern. Und wenn sich Schüler und Schülerinnen respekt- und folgenlos gegenüber Lehrkräften verhalten können, Lernverweigerung und Herumhängen zum Schulsport wird, auf Dauerquatschen und anderen Störaktionen keine wirksamen Reaktionen erfolgen, dann offenbart sich Schule als ‚Brutstätte des Unvermögens’. Wenn dann Schulleitungen grobe ethische Verstöße von Fast-Abiturienten im Rahmen von Sexting-Aktionen, welche das Schamgefühl von Mitschülern und Mitschülerinnen aufs Gröbste verletzten, durch einen markig ausgesprochen ‚zweiwöchigen Schulverweis’ meinen ahnden zu können, wenn als Reaktion auf Lehrkräfte-Mobbing in sogenannten sozialen Netzwerken von einer Anzeige abgeraten wird, um den Schulfrieden nicht zu stören, dann haben solche Maßnahmen die Qualität einer traurigen Lachnummer. Ein unmittelbarer Ausschluss von der Schule wäre in beiden Fällen eine angemessene Reaktion.

Etliche bei den Lehrkräften auftretende Belastungen sind ergänzend aber auch dahingehend zu überprüfen, in welchem Umfang sie hausgemacht sind, weil es an Selbstdisziplin im Umgang mit Ruhephasen oder Schlafzeiten, gesundem Essen und ausreichender Bewegung an der frischen Luft fehlt. Auch ein zu schwaches Selbst, eine mangelhafte Professionalität, ein durch Laschheit, Wegsehen, Gefälligkeit und Inkonsequenz geprägter Unterricht wird den Nachwuchs dazu führen, Lehrkräfte nur bedingt ernst zu nehmen. Ebenso minimieren ungeordnete oder konflikthafte private Lebensbedingungen das eigene Kräftepotential mit der Folge, über die notwendige Stabilität oder Gelassenheit in Anspannungs- bzw. Konfliktsituationen nicht im notwendigen Maße verfügen zu können. Denn selbst für relativ normale Unterrichtsbedingungen, erst recht innerhalb chaotischer Situationen im Umgang mit dem pubertären Nachwuchs, ist eine kräftige Portion Resilienz notwendig. Und den Schülern ist vom ersten Tag durch das Elternhaus und per Unterricht nahezubringen, dass die Antwort auf das Teilhaberecht an einem öffentlich finanzierten und garantierten Schulwesen die eigene Lernpflicht ist.

Respekt, Achtsamkeit und Resilienz als Wege zur Qualitätsverbesserung

‚Wenn nichts mehr geht, ist vorher vieles schief gegangen’ – aber das Ignorieren wichtiger Warnsignale hat immer einen hohen Preis. So haben Schulaufsichtsbehörden mehr Achtsamkeit im Umgang mit Lehrkräften zu üben, mindestens alle zehn Jahre ein Sabbatjahr als Angebot bereitzuhalten, Gruppen-Supervisions-Angebote zu finanzieren und durch klare und konsequent einzuhaltende Umgangsregelungen für einen effektiven und effizienten Unterrichtsablauf zu sorgen. Kollegien sollten sich wieder umfassender als Solidargemeinschaft verstehen, an einem Strang ziehen und gemeinsam Problemlösungen erarbeiten. Eltern sind aus der Sicht der Schule keine Störfaktoren (wirklich störenden Eltern sollte dies dann aber mitgeteilt werden) ebenso wenig wie Lehrkräfte aus der Sicht der Eltern. Lehrkräfte müssen sich in Schüler hineinversetzen können, ohne in Empathie unterzugehen, sodass sie mit ihnen gemeinsam Projekte, Unterrichtsziele und auftretende Störungen adäquat angehen können.
Und Schülerinnen und Schüler müssen lernen, dass Schule nicht Spaß machen muss, aber Lernerfolge die Basis von Zufriedenheit, guten Noten und Lebenserfolg sind.

Copyright: Dr. Albert Wunsch, 41470 Neuss, Im Hawisch 17

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