ZEIT Konferenz: „Was verändert Schule wirklich?”

„Schule und Bildung. Evolution oder Revolution – Was verändert Schule wirklich?” ist das Thema der vierten ZEIT Konferenz in Kooperation mit der Deutschen Telekom Stiftung, die am 6. Mai in Berlin tagte. Politiker, Pädagogen, Schulleiter und Wissenschaftler stellten sich in Diskussionen, Impulsvorträgen, Streitgesprächen und Workshops an diesem Tag jene Frage, bei der klar war, dass sie in zig Verästelungen weiterer Fragen münden wird. Denn sind es bisweilen leider eben nur Fragen, die weite Teile unseres Bildungsystems dominieren. Wir waren Teilnehmer der Konferenz, haben die Workshops besucht und uns den Bildungswortgewalten schlauer und fähiger Köpfe hingegeben. Auch wenn die Frage- vor den Ausrufezeichen weiterhin die Überhand haben, eröffnete uns die Konferenz auch erhellende Momente und Denkanstöße, die der Stagnation in diesem gesellschaftlich so relevanten Bereich hoffentlich Entwicklungsimpulse verleiht.

„Hungrige Schulen”


Dr. Klaus Kinkel

Dr. Klaus Kinkel ©Sina Görtz

„Schule ist das Herzstück unserer Bildung und es klopft nur, wenn Lehrkräfte es sinnvoll gestalten”, so die einleitenden Worte Dr. Klaus Kinkels, Vorsitzender der Deutschen Telekom Stiftung und ehemaliger Bundesaußenminister (u.a.) zur Eröffnung der Konferenz. Eine Aussage, die gleichzeitig eine Kernfrage der Konferenz beinhaltet. Denn die Frage danach, „was” Schule verändert, bedingt gleichzeitig jene nach dem „Wer” – und das können nicht allein die Lehrkräfte sein. Eine Meinung, die auch alle zu teilen wussten. Von „hungrigen Schulen” und deren Beteiligten war die Rede. Hunger nach eben diesen „revolutionären” – oder „evolutionären” Veränderungen. Eine Antwort Kinkels ist die Wichtigkeit der digitalen Medien, einhergehend mit der Feststellung, wie weit weg wir davon in Deutschland noch sind. Der Traum digitaler Klassenzimmer löse sich im Ist-Zustand unhaltbarer Entwicklungen an Schulen in diesem Bereich auf. Kinkel fordert daher entsprechende Standards ein, um über und mit der digitalen Medienwelt lehren und lernen zu können.

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In dem daran anschließenden Impulsvortrag Sylvia Löhrmanns, Ministerin für Schule und Weiterbildung sowie stellvertretende Ministerpräsidentin von NRW, konstatierte diese gleich zu Anfang die Einigkeit in Bildungszielen neben der ungeklärten Kernfrage nach dem „Wie”. Löhrmann stellt die G8/G9-Debatte in Frage – warum darin nur von Quantität statt Qualität gesprochen werde. Eine Frage des Geldes? Gefragt ist die Gesamtgesellschaft, die Schüler, Schule und die, die Schule machen mehr Vertrauen und Zutrauen zu entgegnen habe, so Löhrmann. Von Inklusion und sozialem Schulsystem sind wir noch weit entfernt. Ihre Antwort auf diese kritische Feststellung: Konsens, Heterogenität und die Verbindung von Individuellem und Gemeinsamen. Und wer bringt den Stein ins Rollen? Alle, denn „Es braucht ein Dorf, um ein Kind zu erziehen”.

Streitgespräch großer, erfahrener Köpfe

In dem Streitgespräch über das Hauptthema „Evolution oder Revolution? Was verändert Schule wirklich?” positioniert sich Prof. Dr. Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung, für eine Revolution, um aus dem zweigliedrigen Schulsystem aus Haupt-/Realschule und Gymnasium eine Schule als gemeinsame Basis zu schaffen, auf der dann weitere Entwicklungen angestrebt und Wurzeln geschlagen werden können. Ulrike Kegler, Leiterin der Montessori-Oberschule Potsdam, plädiert für beides, in jedem Fall sei aber ein „Knall” notwendig und das nicht hinsichtlich bestehender Schulgesezte, auf die gut aufgebaut werden könne, sondern eben dieser Ausführung jener – sprich dem „Wie”. Ihre Vorschläge sind u.a. das Präsenzzeitmodell für Lehrkräfte und die Manifestierung der grundlegenden Einstellung gegenüber Schülerinnen und Schüler: „Ihr, die ihr da seid, seid die Richtigen”. Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender des Deutschen Philologenverbandes, sieht das anders. Seiner Meinung nach bringen Revolutionen nur Enttäuschungen mit sich. Den vielen Reformen, die wir schon mannigfach erfahren haben, fehlt es an Kontinuität und Nachaltigkeit. Das Veränderungsbedarf besteht, stellt er jedoch nicht in Frage. Kerngeschäft jener Veränderungen müssen der Unterricht und die Lehrkräfte sein. Dem schließt sich auch Prof. Dr. Olaf Köller, Direktor des Leibnitzinstituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik, an. Revolutionen verändern die Rahmenbedingungen, die seiner Meinung nach Schülerinnen und Schüler nicht fördern müsse. Wer Schule verändern will, müsse bei dem Verhalten der Lehrkräfte und der Professionalisierung des Unterrichts beginnen und die Formung dieser Bausteine beginne bereits in der Ausbildung der zukünftig Lehrenden. Was in der Universität gelernt werde, lerne man nicht wieder, so Köller.


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Heinz-Peter Meidinger, Jutta Allmendinger, Martin Spiewak, Ulrike Kegler und Olaf Köller ©Sina Görtz

Workshop I: Schule entwickeln mit digitalen Medien

Der Referent Dr. Andreas Pallack, Schulleiter des Franz-Stock-Gymnasium Arnsberg, konstatierte zu Beginn, dass die Frage nach der Ausstattung mit digitalen Medien in der Schule nicht die nach Apple oder Samsung ist, sondern: Was wollen wir mit digitalen Medien erreichen? Und warum gibt es bei Lehrkräften solche Hemmschwellen? Bei einer Befragung unter Lehrkräften kam heraus, dass es die persönliche Einstellung ist, die den Einfluss auf den Einsatz bedingt. (Studie Kreijns et al (2013)). Die negative Einstellung ist allerdings beeinflussbar und zwar dadurch, ob Kollegen die digitalen Medien nutzen und ob überhaupt Kompetenzen vorhanden sind. Beides lässt sich durch Fortbildungen beeinflussen. Motivatoren für den Einsatz digitaler Medien im Unterricht können Lehrplanvorschriften, Souveränität im Umgang sowie die persönliche Einstellung mit digitalen Medien sein.

Didaktisch komme es nicht auf die Medien an sich an, sondern auf die Funktionalität. Pallack rät, Kameras, die vorhanden sind (fast alle Schüler haben Handys), für Aufgaben zu nutzen. Allein die Tatsache, dass gefilmt und das Ergebnis dann präsentiert wird, führe dazu, dass Schülerinnen und Schüler mehr auf ihren Arbeitsplatz (Sauberkeit) und die Verständlichkeit ihrer Präsentation achten. Nach der „Theorie der instrumentellen Genese“ beeinflusse das Artefakt das Subjekts (hier also das Handy der Schülerinnen und Schüler).

Tatsache sei, dass das Potenzial digitaler Medien zum Lernen nicht ausgenutzt werde. Dem könne man begegnen, indem man eher auf den Ausbau der technischen Infrastruktur einer Schule setzte, als Klassensätze von Tablets anzuschaffen, die in vier Jahren eh wieder veraltet seien.

Workshop II: Schule entwickeln, indem man Heterogenität und Inklusion erfolgreich umsetzt

Die Offene Schule Köln (OSK) ist noch keine zwei Jahre alt, aber hinsichtlich Inklusion und Heterogenität bereits Vorreiter. An der Offenen Schule ist der Name auch Programm und alle Schülerinnen und Schüler sind willkommen, unabhängig von Begabung, sozialer Herkunft oder Behinderung. Momentan lernen in altersgemischten Gruppen 150 Schülerinnen und Schüler zusammen – davon haben 40 Kinder einen sonderpädagogischen Förderbedarf.

Es gibt selten Frontalunterricht an der OSK, der dort „Inputphase” genannt wird. Stattdessen erarbeiten sich die Schülerinnen und Schüler ihre Themen selbst. Sie bekommen zwar vorgegeben, was sie bis Ende des Halbjahres können müssen, sie dürfen aber selbst wählen, wann sie was lernen möchten. Die individuellen Bildungsziele werden viermal jährlich in einem Gespräch mit den Lehrkräften festgelegt und in einem Logbuch notiert. Dort halten die Schülerinnen und Schüler dann ihren Lernfortschritt fest.

Es erfordert ein hohes Maß an Selbständigkeit und Organisation und das ist nicht immer leicht. Die Pädagogen und Pädagoginnen der OSK wollen weg vom Belehren und hin zu mehr 1:1-Situationen. „Im Vordergrund steht, was das Kind kann und nicht, was es nicht kann‟, sagte Schulleiter Hans Flinkerbusch. „Wir wollen ALLE Schülerinnen und Schüler zum höchstmöglichen Schulabschluss begleiten.” Die OSK soll eine Schule des Stadtteils werden und die gesellschaftliche Struktur und soziale Herkunft der hiesigen Bevölkerung widerspiegeln. Um zu garantieren, dass niemand ausgeschlossen wird, erhebt die OSK keine Schulgebühr.

Workshop III: Schule entwickeln am Beispiel Gymnasium

Referent Wilfried Bock, Schulleiter am Gymnasium Alsdorf, ist der Meinung, dass nicht immer nur über Schulen und das Bildungssystem gejammert werden sollte, sondern dass die Schulen aktiv werden müssen. Er hat an seiner Schule die aus den USA stammende und in den Niederlanden sehr verbreitete Dalton-Pädagogik vor zehn Jahren an seinem Gymnasium eingeführt. Damit war seine Schule die erste in Deutschland, die dieses reformpädagogische Lernkonzept praktiziert.

Zunächst wurde im Workshop die Frage zur Diskussion gestellt, wer Schuld daran sei, dass Schülerinnen und Schüler nichts lernen. Der Unterricht sei traditionell so gestaltet, dass die Lehrkraft über die Richtigkeit und Wichtigkeit von Lerninhalten entscheide, die Unterrichtskommunikation und das Lerntempo steuere und die Lernprozesse verantworte. Daraus folge für Schülerinnen und Schüler, dass sie die Verantwortung für ihre Lernprozesse abgeben, in jene selbst nicht mehr eingreifen, damit uneffektiv arbeiten und nicht gezielt gefördert würden.

Fazit: Der Referent ist sich sicher, dass das erste Ziel einer Schule darin liegen müsse, den Lernenden zu signalisieren, dass sie allein für ihren Lernerfolg verantwortlich seien und aktiv werden müssen. Ein neues Schulkonzept müsse laut Bock daher differenziertes Unterrichten sowie differenzierte Ansprechpartner und Anforderungen beinhalten. Für ihn sei all dieses in der Dalton-Pädagogik vorhanden.

Workshop IV: Schulentwicklung am Beispiel Brennpunktschule

Die Heinrich-von-Stephan Gemeinschaftsschule, an der Referent Jens Großpietsch seit 1985 Rektor ist, befand sich vor 30 Jahren in einem unhaltbarem Zustand. Ein Zeitraum, der auch aufzeigt, wie lange Veränderungen brauchen. Auf der Grundlage von Fragen wurden Diskussionen angeregt, die Großpietsch jeweils mit entsprechenden Entwicklungen an seiner Schule abrundete. An der Heinrich-von-Stephan Gemeinschaftsschule sah das dann wie folgt aus: Die Schulleitung wurde abgesetzt und durch die Wahl von vier Kollegen ersetzt, die für vier Jahre zusammen die Leitung übernahmen. Zudem folgten feste Beschlüsse, die für viele banal erscheinen mögen: Der Unterricht beginnt und endet pünktlich, die Umgebung ist zu achten (wie hinterlasse ich den Klassenraum) und Mehrheitsbeschlüssen zu tätigen.

Großpietsch sieht zudem einen weiteren Kerngedanken in dem vernünftigen Umgang mit solchen Beschlüssen und prägte in diesem Zusammenhang den Begriff des „BBM“, der „Berliner Boykott Methode“. Zu „BBM“- Faktoren zählte er: Empörung, Aufregung, Angst, das Suchen und Schaffen negativer Elemente, Dramatisierung und Formalisierung – die es allesamt abzustellen gelte. Es solle mehr Gelassenheit in solchen Umbruchsituationen an den Tag gelegt werden: Denn, wer unter Leistungsdruck stehe, so Großpietsch, habe auch keine Visionen mehr.

Weiterhin konstatierte er die Voraussetzung, dass stets der Unterricht in den Fokus zu nehmen sei, nicht in großen sondern in kleinen Schritten Veränderungen vorzunehmen und diese bewusst zu fühlen, sowie zu messen seien.

ZEIT Konferenzen

Titelbild und Fotos: ©Sina Görtz