Zeitreise: Klassenfahrt wie früher …

Franziska reist 20 Jahre nach ihrer ersten eigenen Klassenfahrt in die gleiche Herberge – nun als Referendarin. Es hat sich einiges geändert. Anderes überhaupt nicht.

Als meine Klassenleitung mir erzählt, wo die Reise mit unserer Achten hingeht, macht mein Herz einen Sprung. Diesen Herbergsort kenne ich: In dieses kleine, versunkene Nest bin ich vor zwei Jahrzehnten selbst mit Teddy im Rucksack gefahren und erlebte eine ereignisreiche Woche. Die Erste ohne Eltern. Ich erinnere mich an Fünf-Mann-Zimmer, baufällige Waschräume, eine Nachtwanderung und Lagerfeuer. Bevor wir losreisen, schaue ich mir die Bilder von damals noch einmal an. Ich bin gespannt, wie die kleine Reise in die Vergangenheit für mich wird.

Matratzentauschrunde

Wir kommen mit dem Bus an und besichtigen als erstes unser Nachtquartier. Meine Klassenleiterin stöhnt: „Willkommen im Osten! Als wäre es gestern gewesen.“ Obgleich ich von der DDR nichts aktiv mitbekommen habe: Sie hat recht. Die Räume sind zwar sauber, aber das Mobiliar steht hier schon sehr lange. Es riecht muffig und die Matratzen sind komplett durchgelegen. Da wir weniger Schüler und Schülerinnen als Betten haben, beginnen wir mit einer heiteren Matratzentauschrunde, die uns schlaflose Nächte und Rückenschmerzen ersparen soll. Nachdem sich die Jugendlichen endgültig für ihre Zimmeraufteilung entschieden haben, erkunden wir das Gelände. Das Forum für Jugend und Freizeit (so möchte ich es an dieser Stelle beschreiben) hat wirklich alles, was nicht WLAN ist und was man sich für die technikferne Einöde stattdessen wünschen kann: Fußballplatz, Tischtennisplatten, See, Kiosk und Lagerfeuerplatz. Genau so habe ich es in Erinnerung. Und irgendwie finde ich schön, dass meine Schülerschaft eine ähnliche Klassenfahrt vor sich hat wie ich damals.

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Kontrastprogramm

Doch die Jugend ist nicht mehr die gleiche. Irgendwas hat sich geändert. Statt wie ich damals mit einem Teddybären ist Sebastian mit einem T-Shirt angereist, auf dem steht: „Sex is a drug and everybody is addicted“. Niemand hat sich ein Karten- oder Würfelspiel mitgebracht. Stattdessen jagen meine Schüler über das Gelände und suchen entweder den Internetempfang oder Pokémons oder beides im Wechsel. Die Klassenreise verstehen die meisten von ihnen nicht als große Freiheit, sondern viel eher als Einschränkung ihrer Möglichkeiten. Natürlich: Viele meiner Schülerinnen und Schüler haben zu Hause einen Späti in ihrem Wohnblock. Hier sind sie auf die einstündige Öffnungszeit des Herbergskiosks angewiesen. Daheim bleiben meine Schützlinge oft bis spät in die Nacht wach. Tagsüber sind sie viel allein, können oft machen, was sie wollen. Hier gibt es eine Mittagsruhe, in der wir sie bitten müssen, leise zu sein. Das alles befremdet, aber ich merke auch, wie gut allen die Abwechslung tut.

Transferleistungen im Wald

Weil wir am Abend ein Lagerfeuer mit Knüppelbrot geplant haben, gehen wir am Nachmittag in den Wald, um Brennholz zu suchen. Die Schülerinnen und Schüler haben den Auftrag, tote Stämme zum Sammelplatz zu tragen und zu zersägen. Außerdem soll sich jeder Jugendliche einen Stockbrotstock suchen. Nachdem wir dünne Äste und 15 Zentimeter lange Auswüchse abgelehnt haben, sammeln die Schüler und Schülerinnen endlich brauchbares Holz. Mustafa, mit Abstand unser größter und stärkster Schützling, hält am längsten an der Säge durch und lässt sich dementsprechend feiern. Als auch seine Muskeln langsam schwach werden, lässt er sich anfeuern. Seinem Kumpel Fiete gibt er sein Smartphone in die Hand. Laut befiehlt er: „Mach Versace an, Digga! Komm, gib mir n Beat!“ Zum Rhythmus der Hip-Hop-Musik hält er tatsächlich noch eine Weile durch und bewegt seinen Arm schnell hin und her. Fiete schaut ihn bewundernd an und seufzt ein bisschen nachdenklich – und offenbar ohne, dass ihm meine Anwesenheit auffällt: „Mensch, Musta, hier macht sich die Wichserfahrung endlich bezahlt, was?“

Plauderlaune

Am Abend sitzen wir in gemütlicher Runde um das große Lagerfeuer herum. Die Schülerinnen und Schüler sind sichtlich stolz, durch ihr unermüdliches Suchen und Finden zu diesem Abendspektakel beigetragen zu haben. In der behaglichen Runde singen wir und viele Jugendliche kommen richtig in Plauderlaune. Anna hat seit Kurzem einen Freund. Sie ist die erste von allen und dementsprechend neugierig sind ihre Klassenkameraden und -kameradinnen. Zunächst sträubt sie sich etwas, irgendwann gesteht sie aber auch vor uns Lehrkräften, dass ihr Freund bereits 18 Jahre alt sei. Wir erlauben uns kein Urteil. Tim allerdings schüttelt den Kopf und sagt: „Anna, Anna, Anna … weißt du, was Achtzehnjährige heutzutage wollen und machen?“ Anna blickt ihn an und schüttelt den Kopf. Tim schaut tiefsinnig ins Feuer und gibt kleinlaut zu: „Tja … ich auch nicht.“ Wir lachen. Die Stimmung ist gelöst. Je später der Abend wird, desto ruhiger werden auch die Schülerinnen und Schüler. Das Feuer macht besinnlich. Auf einmal vernehme ich einen Schrei, ungefähr einhundert Meter vom Lagerfeuer entfernt: „FRAU F.! FRAU F.!“, kommt Mustafa rufend angerannt. Ich stehe vor Schreck auf. Der Junge ruft mir noch im Laufen zu: „DANIEL HAT 4G!“ Noch während ich erleichtert auf meinen Holzstamm zurücksinke, kommt Daniel langsam und mit gen Himmel gerichteten Handy auf uns zugelaufen und sagt leise: „Schon wieder weg …!“

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Gastautorin Franzi

Franziska studierte Sonderpädagogik und Deutsch auf Lehramt an der Humboldt-Universität zu Berlin. Nun ist sie Referendarin an einer Integrierten Sekundarschule (ISS) im Berliner Zentrum. In den selten gewordenen Nächten mit etwas Schlaf träumt sie davon, selbsternannte Berufsexperten, die den Spruch „Lehrer haben vormittags recht und nachmittags frei“ proklamieren, mit dem Rohrstock über den Sportplatz zu jagen.




Titelbild: © XiXinXing/shutterstock.com