Zentralabitur – das neue alte Abitur?

Die Hochschulreife wird in Deutschland seit Jahren kritisiert. Zu unterschiedlich seien die Bewertungen zwischen den Ländern, Leistungen ließen sich nicht vergleichen. Das soll sich nun ändern. Ab dem Schuljahr 2016/2017 schreiben alle 16 Bundesländer vergleichbar schwere Abiturprüfungen. Nächstes Jahr starten schon die ersten sechs Länder mit dem bundesweiten Zentralabitur. Was ist neu daran und wird jetzt wirklich alles fairer?

Seit Jahren geht das Gerücht um, dass in einigen Bundesländern das Abitur einfacher sei als anderswo. Dafür gibt es keine wissenschaftliche Belege, doch Sätze von Schülern wie „Kniet nieder, wir haben Abitur in Bayern gemacht“ halten sich hartnäckig. Dass Schüler in Deutschland aber ein unterschiedliches Niveau hätten, davor könne man nicht die Augen verschließen, sagte der Präsident der Kultusministerkonferenz Ties Rabe der Süddeutschen Zeitung. Abitur ist nicht gleich Abitur fand auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung in einem Vergleichstest von 2010. Demnach lag der Wissenstand der Abiturienten in Hamburg im Fach Mathematik um rund ein bis zwei Schuljahre hinter dem der Abiturienten in Baden-Württemberg.

Vergleichbar, aber nicht einheitlich

Ab 2017 soll sich das ändern. Dann werden alle Bundesländer vergleichbar schwere Abiturprüfungen in den Fächern Mathe, Deutsch, Englisch und Französisch schreiben. Es wird kein nationales Zentralabitur geben, wie etwa in Frankreich, wo einheitliche Prüfungen an einem Tag erfolgen. Das würde allein schon wegen den unterschiedlichen Ferienregelungen in den 16 Bundesländern nicht gehen. Stattdessen sollen sich die Länder aus einem Aufgaben-Pool mit beigefügten Benotungskriterien bedienen können. Jedes Land kann sich also die Prüfungen selbst zusammenstellen. Kritiker des Zentralabis fürchten, dass aus dem Aufgaben-Pool eine Mogelpackung wird. So könnten sich Länder nur die Aufgaben herauspicken, die sie selbst zuvor in den Pool eingespeist haben.

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Des Weiteren führen gleiche bzw. vergleichbare Prüfungsaufgaben nicht zu gleichen Abiturnoten. Denn jedes Land regelt die gymnasiale Oberstufe anders. In Berlin gibt es z. B. ein System aus Grund- und Leistungskursen, in Sachsen-Anhalt wiederum nur verbindliche Kernfächer. Einzelne Noten werden von Land zu Land anders gewichtet, mal zählen sie einfach, mal doppelt. Am Ende kann also bei gleichen Noten ein anderer Abi-Schnitt stehen.

Vorreiter

Bayern, Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern sowie Hamburg starten schon 2014 mit dem Zentralabitur. Die sechs Bundesländer werden zum ersten Mal die Prüfungen in Mathe, Deutsch und Englisch mit Aufgaben aus einem eigenen Pool erstellen. Doch auch hier gibt es wieder Unterschiede. Denn nur Teile der Abituraufgaben werden identisch sein, andere Teile werden von jedem Land nach Lehrplan gestaltet.

Im Englischen findet ein einheitlicher Hörverstehenstest statt. In Mathematik ist nur der Eingangsaufgabenteil für alle sechs Länder gleich. Dieser Teil muss ohne Taschenrechner bearbeitet werden. Über die Taschenrechnerfrage wurde lange innerhalb der Kultusministerien diskutiert, bis man sich darauf einigen konnte, dass nur ein Teil ohne Taschenrechner gelöst werden muss.

Um die Schüler auf das Zentralabitur vorzubereiten, schreiben die sechs Bundesländer bis zum Ende des Jahres gemeinsame Test-Klausuren in den drei Prüfungsfächern. Doch auch mit dem Probedurchlauf gehen die Länder sehr unterschiedlich um. In Bayern werden die Testaufgaben zusätzlich zu den normalen Klausuren gestellt, in anderen Ländern ersetzen sie diese.

Das „Zentralabitur‟

Die große Bildungsrevolution ist das neue Zentralabitur nicht. Denn bei genauerem Hinsehen ist es gar nicht mehr so zentral wie der Name verheißt. Länder können sich die Aufgaben selbst aussuchen und gegebenenfalls die eigenen Aufgabenstellungen verwenden. Des Weiteren gibt es noch zu viele Unterschiede in der Benotung, dass man die Zensuren von Schülern länderübergreifend vergleichen könnte. Es hat also mehr vom Altem als vom Neuen.

Die Idee hinter zentralen Prüfungen ist gut. Abiture sollten vergleichbar, Schüler deutschlandweit auf gleichem Niveau sein. Ob man das mit dem Zentralabitur, an dem 16 Bundesländer herumwerkeln können, erreichen kann, ist fraglich. Vielleicht aber kann man von den Erfahrungen der sechs Vorreiterländern lernen und findet eine sinnvollere Lösung bis zum Schuljahr 2016/2017.

Titelbild: ©iStock.com/Baloncici