ZuBaKa: Gemeinsam an der Zukunft bauen

Kinder und Jugendliche, die neu in Deutschland ankommen, müssen nicht nur für die Schule lernen. Auch grundlegende Kenntnisse über ihre Nachbarschaft oder das Pflichtpraktikum sind für sie zukunftsentscheidend. In Frankfurt und Umgebung hilft seit zwei Jahren das Projekt Zukunftsbaukasten – kurz ZuBaKa.

Anna_Meister-ZuBaKaFrau Meister, Sie sind Geschäftsführerin des Zukunftsbaukastens, kurz ZuBaKa. Mit Ihrem gemeinnützigen Unternehmen helfen Sie neuankommenden Jugendlichen, sich zurechtzufinden. Wie kamen Sie auf die Idee?
Anna Meister: „Ich komme selbst nicht aus dem pädagogischen Bereich, sondern habe Politik studiert. Danach habe ich bei der Bosch-Stiftung die Bildungsprogramme betreut. Über das Teach First-Programm bin ich dann irgendwann in Frankfurt an die Hastatoschule gekommen. An dieser Hauptschule kam ich das erste Mal mit Intensivklassen in Berührung. Ich merkte schnell, dass diese Schule sehr engagiert ist. Jedoch hatte sie gar nicht genügend Ressourcen, um neu zugewanderten Kindern und Jugendlichen optimal in ihrer Startphase zu helfen.

Gemeinsam mit den Lehrkräften, der Schulleitung und den Schülerinnen und Schülern habe ich überlegt, welche ‚Zusatzbausteine‘ wir für die Intensivklassen bräuchten. Und das war mehr oder weniger die Geburtsstunde des Zukunftsbaukasten. Damals hatte ich aber überhaupt nicht die Absicht, ein Unternehmen zu gründen. Ich wollte vielmehr ein Projekt an dieser Schule initiieren.“

Wie ging es weiter?
Anna Meister: „Ich habe in meiner Zeit als Teach First Fellow ein Pilotprojekt umgesetzt und geschaut, welche Möglichkeiten sich daraus ergeben. Nach und nach kamen auch andere Schulen auf mich zu. ZuBaKa entstand also aus dem Praxisbedarf heraus und wuchs immer weiter. “

Sind Sie heute noch an Ihrer Pilotschule unterwegs?
Anna Meister: „Ja, ich habe an der Hostatoschule begonnen, dann kamen zwei weitere Schulen dazu und mittlerweile arbeiten wir an acht Schulen in Frankfurt am Main und an drei Schulen in Darmstadt. Aber wir unterstützen immer noch die Pilotschule – wenn natürlich mittlerweile viel professioneller. “

Wie läuft der Unterricht in einer ZuBaKa-Klasse ab?
Anna Meister: „Wir arbeiten mit jeder ZuBaKa-Klasse sehr individuell. Zu Beginn erstellen wir gemeinsam mit den Lehrkräften eine Bedarfsanalyse und schauen, was sie brauchen bzw. welche Strukturen an der Schule bereits vorhanden sind. Wir wollen nämlich keine Strukturen ersetzen oder Parallelgesellschaften innerhalb der Schulen fördern! Es geht mehr darum herauszufinden, was vielleicht noch fehlt. Dann machen wir Vorschläge, welcher unserer Bausteine dazu passen könnte.

Die vier Bausteine des Zukunftsbaukastens sind:

  1. „Ankommen in Schule & Stadt“
  2. „Vorbereitung auf Praktikum & Beruf“
  3. „Kennenlernen & Vernetzen“
  4. „Übergang in die Regelklasse“
  5. Innerhalb dieser Bausteine machen wir ganz unterschiedliche Projekte. Dazu bilden wir Studierende pädagogischer Fachrichtungen aus, schulen sie z. B. im sprachsensiblen Unterricht und schicken sie dann als Scout ein Schuljahr lang für fünf Stunden pro Woche an die jeweilige Schule. Dort setzen sie gemeinsam mit den Lehrkräften vorbereitete Konzepte zu bestimmten Themen um.

    Was meint „sprachsensibler Unterricht“?
    Anna Meister: „Ein Teil des sprachsensiblen Unterrichts besteht in der Vermittlung des nötigen Vokabulars und der interkulturellen Praktiken. Aber wichtiger ist, dass die Kriterien des DaZ-Unterrichts erfüllt werden. Das heißt, man muss viel visualisieren und die Aufgaben sehr kleinschrittig gestalten.“

    Findet der Unterricht ausschließlich in der Schule statt?
    Anna Meister: „Meistens gibt es je Themeneinheit auch einen Praxisteil, der außerhalb der Schule stattfindet. Dann machen die Jugendlichen Exkursionen.

    Als Beispiel: Wir arbeiten viel mit Vernetzungen im Stadtteil. Dazu klären wir vorab im Unterricht, was ein Jugendhaus ist, üben die passenden Vokabeln und schauen uns das Ganze dann vor Ort an. Ähnliche Exkursionen machen wir auch zur Berufsvorbereitung an Betrieben.“

    Wie alt sind die Jugendlichen, mit denen sie arbeiten?
    Anna Meister: „Wir haben eine große Bandbreite von zehn bis 21 Jahren, das heißt bisher sind wir an weiterführenden und beruflichen Schulen. Zukünftig wollen wir auch in die Grundschulen gehen, da dort ebenfalls ein großer Bedarf herrscht. Je nach Niveau differenzieren wir unsere Einheiten für die Jugendlichen darauf, ob sie z. B. neu angekommen sind oder bereits einen gewissen Sprachschatz mitbringen.“

    ZuBaKa existiert seit zwei Jahren und hat sich bisher auf Frankfurt und Darmstadt konzentriert. Planen Sie, auch andere Regionen oder Städte einzubeziehen?
    Anna Meister: „Wir wollen auf jeden Fall möglichst viele Schulen erreichen, dabei denken wir zuerst an die Rhein-Main-Region und Hessen. Natürlich können wir uns vorstellen, deutschlandweit zu agieren. Gleichzeitig wollen wir aber auch gesund wachsen und uns daher ausreichend Zeit nehmen.“

    Ich habe gesehen, dass Sie Feriencamps organisieren. Ist das ein neues Programm?
    Anna Meister: „Im Auftrag des hessischen Kultusministeriums und der jeweiligen Regionen setzen wir erstmals ein ZuBaKa-Feriencamp um. Nächste Woche geht es los! Kinder und Jugendlichen sollen dort intensiv Deutsch lernen, aber auch Spaß haben.“

    ZuBaKa-Klassen-Frankfurt-2

    Wie kann man sich als Lehrkraft bzw. Lehrkraft im Vorbereitungsdienst bei Ihnen engagieren?
    Anna Meister: „Nehmen Sie am besten einfach Kontakt zu mir oder meiner Kollegin Frederike auf. Wir schauen dann, was realistisch für uns ist bzw. wo wir Unterstützung brauchen. Wir freuen uns auf jeden Fall auf Personen, die Lust haben, mit uns zu kooperieren!“

    Wer kommt auf Sie zu: Die Stadt oder die Schulleitung?
    Anna Meister: „Häufig sind es tatsächlich die Lehrkräfte und die Schulen selbst, was ich sehr schön finde. Denn durch diesen Bottom-up-Ansatz haben sie Lust, sich zu engagieren und arbeiten eng mit uns zusammen. Es wäre aber natürlich auch wünschenswert, wenn die Städte auf uns zukämen.“

    Was muss sich an Schulen verbessern, damit neu ankommende Schülerinnen und Schüler eine gute Chance auf eine selbstständige und erfüllende Zukunft bekommen?
    Anna Meister: „Es sind einfach zu wenig Leute aktiv bzw. zu wenig personelle Ressourcen vorhanden. Ich finde es schön, dass es Gelder für Bücher und Ähnliches gibt, aber das Personal fehlt. Deswegen schicken wir die Scouts an die Schulen.

    Generell würde ich mir wünschen, dass man sich mehr an den Potenzialen und Stärken der Jugendlichen orientiert. Es gibt so viele motivierte und coole Jugendliche, die zu uns kommen. Man sollte weniger danach gehen, dass sie noch nicht so gut Deutsch können. Sondern stärker auf das achten, was sie schon mitbringen.“

    Alle Fotos und das Titelbild: ZuBaKa gGmbH