Modern Family ist die (un)perfekte Familienserie

Wer die glatt gebügelte, fleckenlose Familien-Werbewelt satt hat, dem sei die Serie Modern Family ans Herz gelegt. Bloggerin Patricia sieht Parallelen zu ihrer eigenen Chaostruppe.

Werbewelt vs. Familienrealität

Die Uhr zeigt zehn Uhr morgens. Am Tisch liegt eine weiße, gebügelte Tischdecke. Es ist ein Brötchenkorb zu sehen und zwei schön dekorierte Teller. Neben den Tellern liegen Stoffservietten, das Besteck ist poliert. Natürlich stehen da auch Blumen. Eine Kanne mit dampfendem Kaffee wartet.

Die Eltern setzen sich fast zeitgleich mit ihren drei Kindern an den Tisch. Brötchen werden selbstständig aufgeschnitten und mit Butter beschmiert. Getränke werden eingegossen. Die Familie spricht: Einer nach dem anderen erzählt, was es Neues gibt.

So sieht die Familienwelt in der Werbung aus. Und in den meisten amerikanischen Serien. Als ich noch keine Kinder hatte, dachte ich, das Leben mit Kindern sei so. Oder zumindest so ähnlich. Ich hatte natürlich gehört, dass das erste Lebensjahr chaotisch sei, man wenig Schlaf bekäme und man sich sorgen würde, weil die Kinder schreien und man gar nicht so genau weiß warum. Natürlich habe ich auch mal ein Kind in der Trotzphase beobachtet. „Schlecht erzogen!“, dachte ich damals. „Wahrscheinlich inkonsequente Eltern.“

Bei anderen Familien geht es auch drunter und drüber

Dann bekam ich selbst Kinder. Und schämte mich für meine wertenden Gedanken und meine grenzenlose Naivität. Beim ersten Kind habe ich noch gekämpft für diese Werbewelt. Das erste Kind, ein Patchworkkind, war schon windelfrei und sehr pflegeleicht, als ich es kennenlernte. Es kam mit meinem Partner in die Familie. Beim zweiten Kind bin ich langsam verzweifelt und beim dritten habe ich schlicht aufgegeben. Also nicht das Kind, sondern den Quatsch mit den gebügelten Tischdecken.

Über meine Erlebnisse und Frustmomente des Familienlebens schreibe ich in meinem Blog und erhalte in den Kommentaren viel Zuspruch. Ich beschönige nichts und das Echo lautet: „Wie schön, bei uns ist es genauso! Ich bin nicht alleine!“

In Wahrheit frühstückt man nämlich nicht um zehn Uhr, sondern um sieben Uhr. Und zwar nachdem man drei- bis viermal in der Nacht aufgestanden ist. Niemand deckt den Tisch, den Kaffee trinkt man direkt aus der Kanne und natürlich schmieren die Kinder sich die Stullen nicht selbst. Und wenn sie das tun, muss man hinterher die Küche renovieren. Oder Pflaster aufkleben.

Familienrealität in Modern Family

Genau diese eigene Familienrealität kann man bei Modern Family sehen. Wenn dort Familienfeste gefeiert werden, dann nicht ohne dass die unterschiedlichsten Vorstellungen aufeinanderprallen. Der eine möchte, dass die ganze Familie zusammen kommt, der andere will endlich mal in Ruhe mit den eigenen Kindern ohne Tanten, Onkels, Nichten, Neffen und Großeltern feiern und die flügge werdenden Kinder haben gar keine Lust auf Familienfeiern mehr. Mir sind solche Situationen jedenfalls aus der Planung sämtlicher Feiertage wie Ostern, Geburtstag oder Weihnachten zu genüge bekannt.

Wenn man also Weihnachten ganz konkrete Vorstellungen hat, wie das Familienfest aussehen soll, ist es sehr heilsam erst Modern Family zu sehen und sich dann entspannt zurückzulehnen und alles auf sich zukommen zu lassen, anstatt sich verzweifelt für die Umsetzung der eigenen, romantischen Feiertagsfantasien abzukämpfen

Es gibt viele gute Argumente Modern Family anzuschauen

Neben der beruhigenden Authentizität der Serie gibt es außerdem noch weitere Argumente, warum Modern Family eine sehr zu empfehlende Familienserie ist.

  1. Eine Folge dauert 30 Minuten. D.h., selbst wenn die Kinder wieder nicht pünktlich um acht Uhr abends im Bett sind und man todmüde ist, schafft man es immer, eine Folge zu sehen, bevor man auf dem Sofa einschläft.
  2. Die Familien, die man als Zuschauerin begleitet, sind total chaotisch. Sie durchleben alle Leiden, die man auch durchlebt. Jedes erdenkliche Familienthema kommt vor: Familienbett ja oder nein? Elternzeit oder Berufstätigkeit? Frühförderung ja oder nein? Den Kindern vertrauen oder doch lieber genau kontrollieren?
  3. Es gibt für jede Familiensituation eine Identifikationsfigur. Es gibt den älteren Mann, der nach seiner Scheidung eine temperamentvolle, deutlich jüngere Frau geheiratet hat. Die zwanghafte Mutter mit dem gutmütigen, aber oft ziemlich verplanten Vater und das schwule Pärchen, das ein Kind adoptiert hat.
    Auch für jedes Kindesalter ist ein repräsentatives Kind dabei: Ein Baby, ein sehr wilder, experimentierfreudiger Junge, ein sensibler Junge, der nicht so recht in die vorgegebenen Geschlechterstereotypen passen will, ein handysüchtiges Teenagermädchen und ein hochbegabtes Mädchen.
  4. Die Serie ist wahnsinnig lustig. Ich habe wirklich schon Tränen gelacht.
  5. Am Ende geht es immer gut aus. Modern Family ist unglaublich versöhnlich und mit viel, viel Herzblut und Wärme geschrieben. Ich gestehe es ungern ein, aber ich habe vor Rührung schon geweint. Alle Familienmitglieder mögen ihre Nöte und Sorgen haben, am Ende sind sie aber stets gewillt, einander zu verzeihen. Klingt kitschig, macht aber Mut.

Modern Family ist mit viel Herz geschrieben

Die Familien in Modern Family haben alle erdenklichen Probleme: Die Figuren scheitern, sie müssen improvisieren, ihre Ziele ändern, Kompromisse eingehen usw. All das, was zum echten Familienleben jenseits der polierten Werbewelt gehört. Die Protagonisten wachsen mit ihren Aufgaben und manchmal gibt es schlichtweg keine Lösung, sondern sie müssen mit unerwünschten Situationen umzugehen lernen.

Meine Familienwelt ist chaotisch: Es gibt mit Kindern ständig unplanbare und unerwartete Verstrickungen und ich muss lernen mit diesen umzugehen.
Deswegen hilft es mir Modern Family zu schauen und die Protagonisten stellvertretend jede erdenkliche Situation durchleben zu lassen. Das ermöglicht mir, der tatsächlichen Situation im eigenen Leben mit der nötigen Entspanntheit zu begegnen. Im Idealfall sogar mit Humor. Denn über mich selbst lachen zu können, ist für mich immer wieder sehr befreiend.

Über die Autorin

Gastautorin Patricia

Patricia

Patricia Cammarata (40) lebt mit ihren Kindern in Berlin. Die gelernte Diplom-Psychologin ist hauptberuflich IT-Projektleiterin. Sie bloggt seit über zehn Jahren unter dasnuf.de zu Themen wie Mutter-Sein, Familie, Gesellschaft und Technik und ist damit bekannt geworden. Das liegt nicht zuletzt an ihrem unvergleichlichen Ton, der süffisant und spitz, oft sehr lustig, aber dabei im Kern immer warm­herzig ist. Im August 2015 ist ihr Buch Sehr gerne, Mama, Du Arschbombe erschienen. Bild: © Christine Fiedler


Titelbild: © RTL Nitro