Homeschooling in Deutschland – Pro und Contra

Homeschooling im Sinne eines dauerhaften Schulunterrichts durch die Eltern ist in Deutschland verboten, in vielen anderen Länder aber erlaubt. Auch hierzulande möchten einige Eltern ihre Kinder selbst unterrichten. Welche Argumente gibt es für und welche gegen Homeschooling in Deutschland?

Definition: Was bedeutet Homeschooling?

Kind schreibt Homeschooling an die Tafel

© Elizaveta Galitckaia/shutterstock.com

Seit Corona und dem ersten Lockdown wird der Begriff Homeschooling benutzt, um den temporären Unterricht zu Hause zu benennen. Eigentlich meint Homeschooling jedoch den dauerhaften Unterricht zu Hause: Statt von Lehrkräften in der Schule wird das Kind von den eigenen Eltern daheim unterrichtet.

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Ist Homeschooling in Deutschland erlaubt?

Mutter lernt mit ihrem Sohn

© Trendsetter Images/shutterstock.com

Deutschland gehört in der Europäischen Union zu einem der wenigen Länder, in denen nicht nur eine allgemeine Bildungspflicht herrscht, sondern eine Schulpflicht. Seit 1919 müssen hierzulande alle gemeldeten Kinder eine Schule besuchen. Die Vollzeitschulpflicht ist Ländersache und dauert in Deutschland neun bzw. zehn Jahre. Im Anschluss besteht in Deutschland noch eine Berufsschulpflicht meist bis zum 18. Lebensjahr.

Wenn Eltern (und Kinder) gegen diese Schulpflicht verstoßen und Homeschooling in Deutschland praktizieren, begehen sie eine Schulverweigerung und müssen mit Konsequenzen rechnen. Ein Verstoß gegen die allgemeine Schulpflicht gilt als Ordnungswidrigkeit und wird mit einem Bußgeld geahndet. In manchen Bundesländern, wie z. B. Hessen, Hamburg oder dem Saarland, droht Eltern in solchen Fällen eine strafrechtliche Verfolgung mit Freiheitsstrafen von bis zu sechs Monaten.

Wie viel Bußgeld droht bei Homeschooling in Deutschland?

Gründe für Homeschooling

Kinder lernen mit Vater draußen

© spass/shutterstock.com

Einige Eltern in Deutschland wehren sich gegen die Schulpflicht und die daraus resultierende Art der staatlichen Einflussnahme. Sie befürchten eine Einschränkung der freien Entwicklung und der Lernfreude ihres Kindes. Teilweise wünschen sich Eltern auch aus religiösen, ethischen und pädagogischen Gründen den Heimunterricht. Kritiker des Homeschoolings in Deutschland argumentieren, dass der Unterricht zu Hause die Entstehung einer Parallelgesellschaft fördere. Zudem werde dadurch der Austausch mit Andersdenkenden vermieden. Es gibt keine offiziellen Zahlen dazu, wie viele Kinder in Deutschland im Homeschooling unterrichtet werden, Schätzungen gehen von 500 bis 1000 Kindern aus.

Ausnahmen: Wer darf Homeschooling machen?

Immer wieder kommt es zu gerichtlichen Auseinandersetzungen im Zusammenhang mit Homeschooling in Deutschland. Eine Entbindung von der Schulpflicht ist nur in streng geregelten Sonderfällen möglich, z. B. 

  • bei einer Krankheit, die den Schulbesuch unmöglich macht
  • bei Kindern von Diplomat/-innen
  • bei Kindern von Schausteller/-innen

Gerichtliche Urteile zur Schulpflicht in Deutschland

ein richterlicher Hammer in Nahaufnahme

© nampix/shutterstock.com

Eltern, die ihre Kinder in Deutschland zu Hause unterrichten möchten, begehen eine Ordnungswidrigkeit. Ziehen sie vor Gericht und klagen gegen die verhängten Bußgelder, haben sie kaum eine Chance darauf, diese zu umgehen oder eine Ausnahme von der Schulpflicht zu erwirken. 

So mussten Eltern im Jahr 2009 in Bremen dem Beschluss des Oberverwaltungsgerichts folgen. Zuvor hatten die Eltern ihre beiden Söhne zu Hause unterrichtet, weil diese sich in der Schule nicht wohl gefühlt hätten. Dies sei jedoch keine Argumentation oder eine begründete Ausnahme, um von der allgemeinen Schulpflicht befreit zu werden, argumentierten die Richter.

2011 wies der Europäische Gerichtshof die gemeinschaftliche Klage von fünf deutschen Baptisten-Familien ab. Sie wollten ihre Kinder nicht zum Sexualkunde-Unterricht in die Schule schicken, worauf ein Bußgeld gegen sie verhängt wurde. Die Familien waren der Meinung, dass der Unterricht mit ihren religiösen Wertvorstellungen nicht übereinstimmen würde und damit das Recht auf freie Religionsausübung eingeschränkt sei.

Weitere Urteile zu Homeschooling in Deutschland

Der Schriftzug Justice prangt an einem alten Gebäude

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Mitglieder der christlichen Sekte „Zwölf Stämme“ erhielten 2006 die Zustimmung zur Errichtung einer privaten Ergänzungsschule, die unter strengen Auflagen und nach Lehrplan 32 Kinder unterrichten durfte. Davon ausgenommen waren die Fächer Religion und Sexualkunde. 2013 wurde die Genehmigung entzogen, da die Behörden feststellten, dass es keine geeigneten Lehrer/-innen mehr für die Schule gab. Es wurde berichtet, dass die Eltern ihre Kinder nun selbst unterrichteten. Im September 2013 wurden dann 40 Kinder aus den Familien geholt und dem Jugendamt übergeben. Unter anderem gab es Vorwürfe, die Eltern hätten ihre Kinder geschlagen. Nach einem Bericht Ende April 2015 erhielten ehemalige Mitglieder ihre Kinder wieder, nachdem sie aus der Sekte ausgestiegen waren.

Homeschooling in Österreich und der Schweiz

Österreichische und Schweizer Flagge mit Tafel

© Per Bengtsson/shutterstock.com

In Österreich gibt es eine Unterrichtspflicht aber keine Schulpflicht. Homeschooling in Österreich ist also möglich, wenn die Kinder offiziell dafür angemeldet sind. Es gibt jedoch Regeln: Zum Ende des Schuljahres legen die Schulkinder, die zu Hause unterrichtet werden, externe Prüfungen (Externistenprüfungen) ab. Tun sie das nicht oder bestehen die Prüfung nicht (Wiederholungen sind zulässig), müssen sie im kommenden Schuljahr eine Schule besuchen. Bestehen begründete Zweifel daran, dass der häusliche Unterricht gleichwertig mit dem schulischen Unterricht ist, kann das Homeschooling untersagt werden. 
In der Schweiz ist das Thema Homeschooling von Kanton zu Kanton unterschiedlich geregelt. In manchen Kantonen können Eltern völlig problemlos ihre Kinder zu Hause unterrichten und dies lediglich melden müssen, verbieten andere Kantone das Homeschooling.

In welchen Ländern ist Homeschooling erlaubt?

Ein Globus in Nahaufnahme

© Suwanmalee/shutterstock.com

Die deutsche Schulpflicht ist eine Ausnahme. In vielen Ländern dürfen Eltern ihre Kinder zu Hause unterrichten. Lesen Sie hier, in welchen englischsprachigen Ländern Homeschooling erlaubt ist:

  • Australien
  • Großbritannien
  • Kanada
  • Neuseeland
  • Südafrika
  • USA

Europäische Länder mit der Erlaubnis für Homeschooling

  • Belgien
  • Dänemark
  • Estland
  • Finnland
  • Frankreich
  • Italien
  • Lettland
  • Litauen
  • Luxemburg (für Grundschüler)
  • Norwegen
  • Österreich
  • Polen
  • Portugal
  • Serbien
  • Slowakei
  • Slowenien
  • Tschechien
  • Ungarn

Welche Formen von Unterricht zu Hause oder außerhalb der Schule gibt es?

Wer sich mit dem Thema Homeschooling oder alternativen Bildungsformen beschäftigt, begegnet mitunter folgenden Begrifflichkeiten:

Begriff Erklärung
Homeschooling Auf Wunsch der Eltern wird das Kind zu Hause von den Erziehungsberechtigten selbst unterrichtet.
Hausunterricht Der klassische Hausunterricht meint die pädagogische Betreuung der Kinder durch Lehrerinnen und Lehrer, die ins Haus kommen oder pädagogisch gebildete Eltern
Freilernen Freilerner/-innen verfolgen einen eher philosophischen Ansatz, nachdem Kinder nicht zum Lernen eines bestimmten Stoffes gezwungen und nicht von Erwachsenen beurteilt werden sollten. Stattdessen wollen die Eltern ihre Kinder beim Lernen begleiten und unterstützen.
Unschooling Unschooling entspricht dem Prinzip des Freilernens weitestgehend und ist die englische Bezeichnung dafür.
Deschooling Deschooling beschreibt eine Bewegung, deren Anhänger die klassischen Strukturen und Mechanismen der Schule ablehnen.

Pro und Contra: Was sagen Experten zum Homeschooling in Deutschland?

Würfel zeigen die Worte dafür und dagegen

© FrankHH/shutterstock.com

Herr Prof. Volker Ladenthin, Professor für Bildungswissenschaften der Universität Bonn und Ulrich Pfaff, Berichterstatter der Kultusministerkonferenz für Schulrecht, haben die Frage beantwortet:

„Ist Homeschooling eine sinnvolle Alternative zum klassischen Schulunterricht?“

Prof. Volker Ladenthin, Professor für Historische und Systematische Erziehungswissenschaft der Universität Bonn:

Prof. Ladenthin

„Was geschieht mit Eltern, die ihren Kindern mit eigener Hilfe eine optimale, passende Bildung zukommen lassen möchten? Müsste der Staat diese Eltern nicht unterstützen, weil diese Eltern den Staat entlasten? Das häufigste Argument ist, dass Kinder frühzeitig Gemeinschafts- erfahrungen machen müssten: Was wohl die 500.000 schulischen Mobbingopfer zu diesem Argument sagen? Ein selbstsicherer Staat braucht seine Bürger nicht zum Glück zwingen. Er stellt Möglichkeiten bereit, hilft denen, die sich allein nicht helfen können und vertraut jenen, die nachweisen, dass sie etwas gut können oder gar besser als er.“

Ulrich Pfaff, Berichterstatter der Kultusministerkonferenz (KMK) für Schulrecht:

Ulrich Pfaff

„Ein Kind kann vielleicht auch durch Homeschooling schulisches Wissen erwerben. Was ihm aber entgeht, sind eine qualifizierte Schulbildung und soziale Koedukation (Gemeinschaftserziehung) in der Schule, wie sie in einem Land wie unserem unverzichtbar sind. Eltern, die ihr Kind zuhause unterrichten wollen, gehören meist kleinen religiösen oder weltanschaulichen Gruppen an. Der Staat schützt solche Lebensweisen auch bis zu einem gewissen Maße. Er darf aber verlangen, dass die Kinder in der Schule jungen Menschen anderer Prägung begegnen. Nur so kann gegenseitiger Respekt wachsen.“

Was halten Sie vom Homeschooling? Wir freuen uns auf Ihr Feedback!

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Titelbild: ©antoniodiaz/shutterstock

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