Familienstreit: für eine gesunde Streitkultur

Warum streiten wir? Was kann schief laufen – was besser? Kann man gutes Streiten lernen? Und darf man auch mal laut werden?

Streiten: früher und heute

Natürlich rennen wir nicht wie ein Wilder drauf los und schlagen um uns, wenn wir in einen Streit verwickelt sind. Das verdanken wir unserem denkenden Teil des Gehirns, der unsere positiven wie negativen Gefühle lenkt und kontrolliert. Doch vielen Kindern gelingt diese Kontrolle noch nicht, was zu großen Teilen einfach in der Natur der Sache liegt. Denn die menschliche Natur ist nicht von einem „Wir bewegen uns auf einander zu“- Gen gesegnet, nein, das muss man erst erlernen. Daher streiten Kinder auch einfach anders, weil sie noch kein Verständnis von der Perspektive ihres Gegenübers haben. Dieses Hineinversetzen kommt erst mit dem Jugendalter, in dem dann aber auch schon die Pubertät in den Startlöchern sitzt und man sich am liebsten nur auf sich selbst konzentriert.
Doch auch Eltern sind nicht immer unbeteiligt. Denn diese eingeschränkte Impulskontrolle resultiert oft aus einer ambivalenten Haltung dem Kind gegenüber: „Du warst zwar schon draußen, aber…“. Der Belehrbarkeit ist damit nicht gut getan.

Früher war das für Eltern irgendwie „einfacher“, wenn auch sicher nicht die pädagogische Traumlösung und schon gar nichts für die Vertreter der antiautoritären Front: Eltern hatten einfach Recht – da gab es keine Widerrede, kein „Wenn” und „Aber”. Psychologe Malte Mientert erklärt dazu: „An die Stelle der traditionellen Kommandofamilie ist die Verhandlungsfamilie getreten“ (Zeit Schule und Familie 13/14). Das Familienstreitigkeiten heute häufiger und auch heftiger sind, liegt unter anderem auch daran, dass alles etwas emotionaler geworden ist. Und: Konflikte, auch die mit uns selbst, tragen wir am liebsten mit jenen Menschen aus, die uns am nächsten stehen. Mienert nennt das „sozialen Nahraum“, der verletzlich ist, für den wir aber auch unsere Hand ins Feuer legen, denn nirgends kann man sich der Liebe und Zuwendung sicherer sein. Man kennt sich und wird dadurch eben auch schneller persönlich.

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Anlass zu Konflikten in Familien gibt es überall und überall sind es meist die gleichen und schlichtweg auch banalen: fehlende Mithilfe im Haushalt, unaufgeräumtes Zimmer, Ausgehwünsche etc.. Für Eltern sind diese Selbstverständlichkeiten wichtig für das Zusammenleben, für Kinder aber nicht – im Gegenteil: Sie sehen sich eher Angriffen gegenübergestellt, besonders in der Pubertät. Da wird alles auf die eigene Persönlichkeit gemünzt, Gedanken kreisen nur noch um Identitätsfragen und Zweifelattacken.

Streiten ist wichtig – gutes Streiten aber schwer

Gute Streitkultur ist immens wichtig. Für das Verständnis, dass ein ständiges „In-Watte-Packen” nicht gut für die Persönlichkeitsentwicklung und Identitätsfindung ist, brauchen wir keine geschulten Meinungen von Psychologen, auch wenn diese das mannigfach bestätigen.

Aber wann streitet man nun richtig? Menschen neigen dazu, dass sie schnell von der Sache, zu „Ich habe Recht und du Unrecht”, zu Sieg und Niederlage übergehen. Streitet man gut, sucht man diese Einstellung im Vornherein zu vermeiden. Nun sind es aber oft Kinder, die sich gern auflehnen und alle Kraft für einen Sieg im Elternzwist bündeln. Wenn man dann nur noch auf Ab- und Auflehnung stößt, bringt auch der konstruktivste Ansatz nicht mehr viel. Wollen Kinder in einem Streit unbedingt die Oberhand gewinnen, dann zwingen sie Eltern einen Kampf auf, den diese sich am besten zu entziehen haben. Ist man einzig auf Gewinn gepolt, gibt es nur noch den Aus- bzw. Umweg, der Sache und dem uneinsichtigen Streithahn vorerst den Rücken zu kehren. Umweg deshalb, weil es keineswegs förderlich ist, Konflikte einfach fallen zu lassen. Doch tut es manchmal einfach gut, den Dingen etwas Raum zu geben. Eine gute Streitkultur erfordert eben auch überlegtes Handeln und das ist im Affekt natürlich kaum zu leisten.

Wenn man sich also im Affekt mal anschreit, danach aber den Konflikt in einem ruhigen und reflektiven Gespräch zu klären sucht, kann so ein Ausraster auch eine Art Entladung sein. Davon abgesehen, ist immer die nachfolgende Analyse, als das Handeln im Affekt entscheidend. Zu klären was, wen, warum verärgert hat und worum es im Kern wirklich ging (ZEIT Schule/Familie 13/14). Schließlich resultieren Konflikte auch aus Problemen und diese erfordern Lösungen, die man nicht durch Deckel drauf zum Ersticken bringt. Die brodeln dann schön weiter und beim nächsten Mal läuft der Konflikteintopf über. Und dann löffelt man nicht mehr nur an dem aktuellen Brei, sondern rührt so richtig in der faulen Suppe herum. Schuldzuweisungen schmecken dann am besten, vor allem die, die schon so richtig gut durchgezogen sind, mit dem der Gegenüber aber nichts anzufangen weiß. Schuld ist sowieso das Letzte, was in einem konstruktiven Streitgespräch etwas zu suchen hat.

Dazwischen reden, ist ebenso ein No-Go. Ausreden lassen, auch wenn es schwer fällt. Wenn man sich missverstanden fühlt, kann man das Gesagte auch nochmal mit eigenen Worten zusammenfassen, um zu reflektieren, was gemeint und ob es richtig verstanden wurde. Ebenso zu vermeiden sind pauschale Vorwürfe, die manch einen Konflikt erst ins Rollen bringen: „Nie hilfst du mir in der Küche!“, „Immer sieht dein Zimmer aus wie Sau!“.

Jungen und Mädchen streiten anders

Jungen sind in der Regel direkter und reagieren heftiger. Mädchen tun sich, was direkte Konfrontationen angeht, oft schwerer. Da sie kommunikativ meist der stärkere Part sind, versuchen sie Konflikte verbal zu lösen, was nicht weniger streitbar wäre, können sie dabei doch sehr verletzend sein. Zudem sind sie „besser“ im Ausschließen und nachtragend sein.
Geraten Mädchen und Jungen gegeneinander, beruht das meist auf Missverständnissen. So fragen Jungs meist nicht, ob sie mitspielen können, sondern sind in der Zeit schon längst am Ball. Und wenn sie ein Mädchen schubsen, erwarten sie eher eine ähnliche Reaktion, als das meist eintretende Weinen oder Petzen. Damit können Jungs aber nicht umgehen. Natürlich lassen sich diese Zuschreibungen nicht pauschalisieren. In einer größeren Gruppe von Mädchen gibt es genauso durchsetzungsstarke und dominante Charaktere und bei Jungen ebenso jene, die sich zurückhalten und nicht stetig die Offensive suchen. Überhaupt stehen hier vorrangig nicht geschlechtsspezifische, sondern gruppendynamische Verhaltensweisen im Mittelpunkt.

Generell kann man viele Konflikte mit der Suche nach der eigenen Rolle erklären sowie auf missglückte Kontaktaufnahme. Will man eingreifen und vermitteln, ist wichtig hervorzuheben, was der eine vom anderen lernen kann.

Streitpotential Nr. 1: Geschwister

Genauso wie Geschwister zusammen lachen, Dummheiten anstellen und füreinander da sind, genauso machen sie sich, mal mehr und mal weniger, das Leben schwer.
Geschwisterliebe prägt, in guten wie in schlechten Zeiten, macht stark und schweißt zusammen, wozu eben auch Streit vonnöten ist. Denn im Streit lernt man Konflikte auszuhalten und mit ihnen umzugehen. Und jeder kann sich glücklich schätzen, der dafür Geschwister hat. Diese stehen einem nicht nur nahe, sondern die Ausgangsbedingungen sind auch in etwa die gleichen. Und – man muss es aushalten und irgendwann ein Ende finden, denn auf ewig aus dem Staub machen, kann man sich bei dieser Konstellation nicht.

Gründe für geschwisterlichen Streit sind oft banaler als man in jenen Momenten, wo Türen geknallt, sich angeschrien und mit Gegenständen um sich geworfen wird, glaubt: Eifersucht, Langeweile, Aufmerksamkeit, Müdigkeit – Dinge, die völlig normal sind und meist mit Konkurrenzdenken einhergehen. Denn Kinder, die Geschwister haben, scheinen einem „Zu-kurz-komm-Modus“ zu unterliegen. Obwohl Eltern stets versuchen, dem nicht Rechnung zu tragen, lassen sich solche Eifersuchtskonflikte kaum verhindern, kommt man doch kaum hinterher, bei dem, was da zusammengereimt wird.

Eltern sollten sich prinzipiell aus Geschwisterstreitigkeiten heraus halten. Intervention ist, wenn überhaupt, nur nötig, um der ganzen Angelegenheit Ruhe zu verleihen und Kinder darin zu erziehen, besonnener mit manchen Dingen umzugehen. Keinesfalls in der Position eines Richters sollten Eltern vielmehr allen Beteiligten zuhören und Raum für ausgewogene Stellungnahmen einräumen. Bei Kindern geht es dann meist darum, wer angefangen hat zu streiten, was aber völlig egal ist. Wichtig ist hingegen, ihnen zu zeigen, dass sie nicht Ping-Pong mit Schuldzuweisungen spielen, sondern herausfinden sollen, wie der Streit geklärt und beendet werden kann. Wenn natürlich Gewalt im Spiel ist, müssen Eltern eingreifen und auch die Konsequenzen eines solchen, nicht gemeinschaftsfähigen Verhaltens aufzeigen.

Da Kinder, vor allem jene mit Geschwistern, sehr viel Wert auf ihr Eigentum legen, kann man daraus resultierende Zusammenstöße vorweg nehmen, indem man klare Grenzen zieht. Jeder hat ein Recht auf persönliche Dinge, die andere zu achten und in Ruhe zu lassen haben. In vielen Fällen ist es aber am angebrachtesten, die Sache weitestgehend zu ignorieren und gelassen daran vorbeizuschauen. So merken Kinder nämlich auch, dass es nicht schlimm ist, wenn man mal nachgibt. „Der Klügere gibt nach” – spätestens in ein paar Jahren werden sie diese Handlungsweise zu schätzen wissen. Je früher, desto besser.

Der Umgang mit dem „Weltuntergang”

Gute Streitgespräche gelingen nicht immer und müssen überhaupt auch erstmal erlernt werden. Und wie so oft ist die Theorie oft leichter als die Praxis und gerade in Momenten, in denen der Impuls, der sich ja so ungern kontrollieren lässt, dominiert, ist die Beherrschung und korrekte Abfolge sinnvoller Streitschlichterpunkte schwer geradlinig zu befolgen. Zudem sollte man auch nicht alle Energie darin verschwenden, Fehler zu vermeiden. Denn es kann und muss letztlich auch der Produktivität eigener Entwicklungsstränge dienen, sich gegenseitig zu akzeptieren. Vor allem bei Kindern darf man nicht vergessen, dass sie erst lernen müssen, mit negativen Gefühlen umzugehen und diese auch mal auszuhalten. Denn läuft bei denen mal was nicht so wie erwünscht, bricht eben gleich ein ganze Welt zusammen. Zu guter Letzt ist eines am wichtigsten: Dass man den Scherbenhaufen nicht mit ins Bett nimmt.

Einige der Hinweise sind dem Buch von Xenia Frenkel „Kinder erziehen. Die 101 wichtigsten Fragen und Antworten“ entnommen.

Titelbild:©Everett Collection/shutterstock.com

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