„Homeschooling? Hatte ich noch nie von gehört“- eine Mutter erzählt

Stefanie Mohsennia ist heute eine der bekanntesten Mütter, die ihr Kind zuhause lernen ließ. Dafür wanderten sie mit ihrer Familie sogar nach Kanada aus. In ihrem Erfahrungsbericht erklärt sie, wie sie Homeschooling kennenlernte und erlebte.

Am Anfang war die Unsicherheit: „Braucht mein Kind etwas anderes?“

Als mein Sohn auf die Welt kam, hatte ich keine Vorstellung davon, wie das mit dem Elternsein funktioniert. Ich hatte keine Freundinnen und nahe Verwandtschaft mit Babys oder kleinen Kindern und mir keine besonderen Gedanken gemacht, wie das Zusammenleben mit so einem kleinen Menschen wohl konkret aussehen würde. Ich merkte aber bald, dass die üblichen Erwartungen der Gesellschaft an Kinder irgendwie nicht zu uns zu passen schienen, schlafen im eigenen Gitterbettchen zu festen Zeiten beispielsweise war nicht unser Ding. Als mein Sohn zweieinhalb war, besuchten wir eine Spielgruppe. Noch heute finde ich es unfassbar, wie die anderen Kinder in dem Alter brav um den Tisch herumsaßen, mit der Bastelaktivität beschäftigt, die für den Tag vorbereitet war. Mein Kind saß in der Ecke und hat mit Autos gespielt. Viele Eltern stellen sich an diesem Punkt die Frage: „Was stimmt mit meinem Kind nicht?“ Ich stellte mir aber eher die Frage, ob mein Kind vielleicht etwas anderes brauchte als die Gesellschaft – und mit ihr ich – annahm.

Homeschooling als passender Bildungsweg

Ich las Berge von Büchern über „attachment parenting“ und den respektvollen, gleichwertigen Umgang mit Kindern. In einigen dieser Bücher wurde Homeschooling erwähnt und sozusagen als natürliche Fortsetzung dieser auf Vertrauen basierenden Art des Zusammenlebens mit Kindern beschrieben. Homeschooling? Hatte ich noch nie von gehört. Als gute Bibliothekarin bestellte ich mir also wieder haufenweise Bücher über die Fernleihe, um mich in dieses neue Gebiet einzulesen. Und was ich da las, leuchtete mir ein: „Kinder sind begeisterte Lernende. Sie haben den leidenschaftlichen Wunsch, so viel von der Welt zu verstehen wie möglich.“ (John Holt). Das sah ich bei meinem Sohn jeden Tag. Er eroberte und erschloss sich die Welt, jeden Tag ein Stückchen mehr. Warum sollte da mit sechs Jahren plötzlich ein Schalter umgelegt und es notwendig werden, ihn im Lernen anzuleiten, ihm etwas beizubringen?
Die Überzeugung, dass das selbstbestimmte, informelle Freilernen der zu uns passende Bildungsweg sein könnte, wuchs. Dennoch gingen wir zum Tag der offenen Tür einer Montessori-Schule, weil ich meinem Sohn auch vorstellen wollte, was Schule ist. Seine Entscheidung für das Freilernen war allerdings eindeutig und so trafen wir Vorkehrungen, das Land zu verlassen. Gegen das bestehende Schulpflicht-Gesetz zu verstoßen und wie einige andere in Deutschland zu bleiben, konnten wir uns damals nicht vorstellen. Wir packten unseren gesamten Hausstand in einen Übersee-Container und wanderten nach Kanada aus.

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Kind Frau Toepfern

©Bild: Stefanie Mohsennia

Kanada, das Freilerner-Paradies

Was uns dort erwartete, war für uns als Deutsche das Freilerner-Paradies. Mittwochs traf sich die Homeschooling-Gruppe zum Besuch beim Imker, auf dem Kinder-Verkehrsübungsplatz oder im Sommer auch einfach zum „Beach Day“ am See. An anderen Tagen gab es den Töpferkurs für Freilerner, „Homeschool Gymnastics“, im Winter den Ski- oder Snowboard-Kurs für Freilerner und vieles mehr. Im Supermarkt wurde mein Sohn gefragt, ob er heute schulfrei hat. Auf seine Antwort: „No, I’m homeschooled“, erwiderte die Kassiererin: „Wow, you get to do all the fun stuff! Du kannst all die Sachen machen, die Spaß machen!“ Jeder kannte jemanden, dessen Kinder auch nicht zur Schule gingen – Nachbarn, Cousine, Arbeitskollege … Als sogenannter Unschooler lernte mein Sohn dabei nicht nach Lehrplan, sondern beschäftigt sich mit dem, was ihn gerade interessierte. Ich stand ihm nur als Berater und Mentor zur Seite, wenn es gewünscht war. Wir brauchten uns nicht mehr erklären und auch nicht rechtfertigen für die Wahl dieses Bildungsweges. Da mein Sohn bei der Fernschule „SelfDesign“ eingeschrieben war, bekamen wir sogar pro Jahr umgerechnet rund 800 Euro als finanzielle Unterstützung. Mit diesem Geld konnten wir Bücher, verschiedene Kurse, ein Mikroskop, einen Saison-Pass für das Skigebiet und vieles mehr bezahlen.


Kindergruppe Wald lernen

©Bild: Stefanie Mohsennia

Fazit: Das Vertrauen und der Respekt für die eigenen Kinder wachsen jeden Tag

Zeitsprung und Ortswechsel: Wir sind inzwischen zurück in Deutschland. Seit einigen Wochen wird der Film „Being and Becoming“, in dem Filmemacherin Clara Bellar die Welt des selbstbestimmten Lernens entdeckt, in verschiedenen Kinos im ganzen Bundesgebiet gezeigt. Zum ersten Mal werden wir eingeladen und gebeten, vom Freilerner-Leben zu erzählen. Aber wie erklärt man anderen, wie es ist, wenn man jungen Menschen zutraut, die Verantwortung für ihr Wachsen und Werden selbst in die Hand zu nehmen? Es ist nicht leicht, als Mutter in jedem Moment dieses Vertrauen aufzubringen. Aber es ist eine große Bereicherung mitzuerleben, wie unsere Söhne und Töchter aus eigenem Antrieb ihr Element, ihre Talente, Begabungen und Neigungen entdecken und ihren Platz im Leben finden.

Haben Sie Erfahrungen mit „Homeschooling“ oder freiem Lernen?

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Titelbild: ©legenda/Shutterstock

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