Eine „geheime” Toilette für mehr Bildung in Somalia

In Somalia dürfen Mädchen auf keine öffentlichen Toiletten gehen. Viele Schülerinnen bleiben deswegen der Schule fern. Nun ermöglicht ein Lernraum mit „geheimer” Toilette, den Mädchen am Unterricht teilzunehmen.

Die 15-jährige Fadumo muss dringend aufs Klo, versucht aber, den Ruf der Natur so lange wie möglich zu ignorieren. Denn sie darf die Schultoilette nicht benutzen. Stattdessen muss sie nach Hause oder zu einem Nachbarn eilen. „In Somalia ist es Mädchen und Frauen verboten, auf öffentliche Toiletten zu gehen oder auch nur gesehen zu werden, wie sie eine betreten‟, erklärt uns Bildungsberaterin Nimo Abdilahi.

Das Plumpsklo der Schule Ga’an Libah Secondary School in Hargeisa, Somaliland,
befindet sich auf dem Schulhof. Es bietet wenig Sichtschutz und keine Privatsphäre. Deswegen müssen Schülerinnen nach Hause gehen, wenn sie sich erleichtern wollen. Da dies vielen unangenehm ist, bleiben sie der Schule komplett fern.

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Bildung für Mädchen in somalischer Kultur nicht wichtig


Schulerinnen in Somalia

Schülerinnen der Ga’an Libah Secondary School

Nach einer Erhebung des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen Unicef in 2012 geht nur jedes zweite Kind in Somalia in eine Grundschule. Und nur ein Viertel der Mädchen geht auf eine weiterführende Schule, verglichen mit 42 Prozent der Jungen.

Armut und Krieg sind die Hauptgründe dafür, dass nur die Hälfte aller Kinder in die Grundschule gehen. Doch das allein erklärt nicht, warum fast doppelt so viele Jungen wie Mädchen Lesen und Schreiben lernen. Dazu muss man sich die Kultur anschauen. In der somalischen Gesellschaft spielt Bildung für Mädchen keine Rolle. „Auf dem Schulweg werden die Schülerinnen oft gefragt, warum sie ihre Zeit verschwenden,” sagt Bildungsberaterin Abdilahi. „Die Nachbarn rufen oft: ‚Du heiratest doch eh bald und bleibst dann Zuhause, um dich um deine Familie zu kümmern‛.” Wenn die Mädchen es in die Schule schaffen, stellen sie die öffentliche Toiletten vor ein scheinbar unlösbares Problem.

Gebildete Frauen = höheres Einkommen & niedrigere Kindersterblichkeit

Wie wichtig Bildung nicht nur für die persönliche Entwicklung, sondern auch für die Entwicklung eines Landes ist, zeigen Statistiken: Mit jedem zusätzlichen Schuljahr verdienen Frauen im Durchschnitt 10 bis 20 Prozent mehr. Gleichzeitig sinkt die Kindersterblichkeit um fünf bis zehn Prozent. Denn gebildete Mütter können sich besser über Hygiene, Krankheiten und Ernährung informieren als Analphabetinnen.

In einer weltweiten Bildungsstudie haben die Vereinten Nationen herausgefunden, dass manche Länder bis zu einer Milliarden Euro verlieren, weil sie Mädchen nicht die gleiche Bildung wie Jungen bieten. Denn ungebildete Frauen arbeiten weniger oft und für ein geringeres Einkommen ‒ sie tragen weniger zur Wirtschaft bei. Wenn alle Kinder lesen könnten, würde die Armut weltweit um zwölf Prozent sinken.

„Mädchenfreundliche Räume” mit „geheimer” Toilette


Mädchenfreundliche Räume

Mädchenfreundlicher Raum der Ga’an Libah School

Zwei autonome Regierungen im Norden Somalias ‒ Puntland und Somaliland ‒ haben erkannt, wie wichtig Bildung auch für Mädchen ist und haben zusammen mit der Organisation Africa Educational Trust sogenannte „Mädchenfreundliche Räume‟ entwickelt. In einem Anbau an das Schulgebäude können Schülerinnen lernen, Hausaufgaben machen, sich unterhalten und, da es moderne Toiletten gibt, ohne Scham aufs stille Örtchen gehen. „Weil die WCs vom Lernbereich weggehen, in dem sich nur Mädchen und Lehrerinnen aufhalten, muss es uns nicht mehr peinlich sein, die Toilette zu benutzen. Wir können jetzt viel entspannter sein und uns auf den Unterricht konzentrieren”, sagt Fadumo, eine Schülerin der Ga’an Libah Secondary School.

Die Mädchen organisieren sich mit Schülerinnen verschiedener Altersstufen und lernen klassenübergreifend. Sie sind selbstbewusster geworden, beteiligen sich mehr am Unterricht und schneiden besser ab. 2009, zwei Jahre bevor die Mädchenfreundlichen Räume gebaut wurden, erhielt nur ein Viertel der Mädchen Noten zwischen eins und drei. Zwei Jahre später ist es schon jede Dritte, berichtet Bildungsberaterin Abdilahi. Es gehen nun mehr Mädchen in die Schule und brechen weniger oft ab. Schülerinnen suchen sich aktiv Schulen mit Mädchenfreundlichen Räumen und „geheimen” Toiletten, wie die 18-jährige Nimco, die sagt: „Es ist eine fantastische Einrichtung für uns. Es war einer der Gründe, warum ich mich entschieden habe, zu dieser Schule zu kommen.”

Mehr Mädchen wollen studieren

Die Regierungen von Puntland und Somaliland haben mit finanzieller Unterstützung der Europäischen Union inzwischen in 30 der 103 weiterführenden Schulen solche Mädchenfreundlichen Räume gebaut und planen, das Projekt auf das ganze Land auszuweiten. „Der größte Erfolg der Initiative ist, dass es Mädchen ermutigt, bis zur Universität in die Schule zu gehen,” sagt Abdilahi. Die Bildungsberaterin wurde in Somaliland geboren, ist aber in England aufgewachsen. Vor fünf Jahren kehrte sie nach Somalia zurück, um Lehrerinnen auszubilden und junge Frauen aus ärmeren Familien zu unterstützen, die gerne studieren würden. Nimco möchte z. B. Bildungsministerin werden und Fadumo hat vor, Medizin zu studieren. Bevor die Mädchenfreundlichen Räume eingeführt wurden, hat keiner der zwei Mädchen auch nur davon geträumt, mal zur Universität zu gehen.

Bilder: © Africa Educational Trust

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