Des Kindes neue Kleider oder „So gehst du mir nicht aus dem Haus!“

Als ich das erste Mal diesen Satz dachte, war das Töchterlein drei Jahre alt. Der Klassiker kleidete sie: rosafarbenes Ballett-Tutu und Gummistiefel.

Auf dem Kopf eine Wollmütze, denn es waren Minusgrade angesagt. Irgendwie mussten die nackten Beinchen ja ausgeglichen werden. Ich muss nicht erwähnen, dass dieses Outfit nicht zu diskutieren war und nur unter Tränenströmen und Schreianfällen geändert werden konnte.

Rückblick

Als werdende Mutter steht man in den Abteilungen für Baby- und Kinderkleidung und hängt seinen Fantasien nach, wie unglaublich niedlich das Kind als kleiner Rockstar in Minijeans und Totenkopfshirt aussehen wird – der Papa ist schließlich Musiker. Oder das wunderschöne französische Kleidchen für die Prinzessin, das so ganz dem Stil der entspannten Working-Mum-Kinder aus Paris entspricht. Oder die coolen Hosenträger. Niemals werden wir unser Kind in kratzige Pullunder, fiese Strickpullis o. Ä. stecken. Wir wollen nicht die Fehler unserer Eltern machen. Cool sollen sie aussehen. Trotzdem sollen die Sachen bequem sein. Unsere Kinder werden so süß aussehen, dass jeder neidisch ist. Selbstverständlich werden sie auch niemals nur in Strumpfhosen bekleidet im Sandkasten sitzen – wir haben ja Niveau.

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Baden im Supermankostüm

Dann kommt der Tag mit den Gummistiefeln und dem Tüllrock. Oder dem Supermankostüm, das nur zum Baden ausgezogen wird. Ich weiß noch, dass ich meine Mutter mit einem original Poncho aus Venezuela, ein Geschenk einer Freundin meines Opas, in den Wahnsinn getrieben habe. Klingt aus heutiger Sicht hip. War es wohl aber nicht. Ich habe das Teil ohne etwas darunter getragen. Völlig indiskutabel, so in den Kindergarten zu gehen! Ich bin mir sowieso sicher, dass die Kleidervorschriften meiner Mutter nie zur Diskussion standen. Das Kind bekam ordentliche Kleidung gekauft und damit ging es aus dem Haus. Nicht in Faschingsverkleidung und nicht in Sportsachen. Neverever.

Wollte ich nicht viel toleranter sein als meine Eltern? Mein Kind niemals gesellschaftlichen Normen unterwerfen, die nicht sein müssen? Hatte ich nicht deshalb den Minirock nach der Abnahme durch die Eltern noch zweimal am Bund umgeschlagen und zerrissene Jeans getragen?

Keine Kontrolle von uncoolen Erwachsenen

Nun ist das Kind nicht mehr drei, sondern zehn Jahre älter. Der Satz im Titel ist so aktuell wie nie – wobei die Vorzeichen sich etwas verschoben haben.

Ich hole etwas aus: Unser Morgen ist familientechnisch entzerrt. Ich stehe als Erste auf, kümmere mich um meine eigene korrekte Bekleidung für den Tag, schmiere Pausenbrote und wecke das muffelige Kind. Dann verlasse ich das Haus, um nicht im allgemeinen Rhein-Main-Verkehrschaos zu versinken. Der Liebste schläft weiter. So kann das Kind sich das um den pubertierenden Körper schlingen, worauf es Lust hat – keine Kontrolle von uncoolen Erwachsenen. Man mag mich blauäugig nennen, aber 30 Minuten Fahrzeit statt 60 schlagen Modekontrolle am Morgen.

Jahrezeiten gibt es bei Kleidung nicht

Was noch immer nicht funktioniert, ist die Anpassung der gewählten Kleidung an die Jahreszeiten. Zu Beginn des Winters wird eine schicke (nicht unerheblich teure) Winterjacke angeschafft. Die sieht im Frühling noch aus wie neu, da sie ein- oder zweimal ausgeführt wurde. Den Rest der kalten Monate kleidet mein Tochterkind ein grüner Parka. Ungefüttert. Bei Eisregen und Schnee. Dazu Chucks oder andere Sneaker, die ja bekannt dafür sind, dass sie unglaublich wärmen. Dafür sind auch die Winterstiefel unberührt und können direkt in die nächste ebay-Auktion wandern. Die Panik trifft mich dann nachmittags, wenn sie mit nassen Haaren (Nein, der Parka hat keine Kapuze!) und in Knöchelsöckchen in Sneakern bei Minusgraden von der Schule kommt. Den Satz „So gehst du mir nicht aus dem Haus!“ variiere ich dann mit „So bist du aber nicht aus dem Haus, oder?!“, gefolgt von der Ausmalung diverser Horrorszenarien, die mindestens eine Lungenentzündung enthalten.

Wir drehen die Zeit sechs Monate zurück (oder vor). Es ist warm. Mein Kind war schon immer praktisch veranlagt und mag keine Röcke oder Kleider. Die stören ja beim Klettern und Rennen. Geklettert und gerannt wird jetzt weniger, die Abneigung bleibt. Gut so, denn ich muss mir keine Gedanken über zu kurz geratene Röcke machen. Was ich nicht einkalkuliert habe, sind Hotpants. Ihr kennt die Variante, die kaum die Pobacken bedeckt?! Ich verkneife mir den Satz und versuche ihr zu erklären, dass man damit sicherlich bei der Hitze am Schulstuhl kleben bleibt. Funktioniert mittelgut.

Mein Mini-Me

Über Kleidung definiert sich das pubertierende Kind. Es fühlt sich Gruppen zugehörig und probiert sich aus. Es ist die Zeit, in der es zwischen Anpassung an andere schwankt und der Entwicklung eines eigenen Stils. Das ist gut und richtig so. Und was das Wichtigste ist: Sie grenzen sich gegenüber den Eltern ab. Das ist auch gut und wichtig, aber etwas nervig.

Deswegen verstehe ich Folgendes nicht: Die Tochter steht vor mir in einer Jeans und einen Schluppenbluse mit einem schicken Schal. Das Outfit entspricht den Außentemperaturen und ist auch nicht zu offenherzig. Was mir mein „So gehst du mir nicht aus dem Haus!“ entlockt, ist die Tatsache, dass es MEINE Bluse aus Seide ist, die man nur reinigen lassen kann. Der Schal aus Kaschmir gehört ebenfalls MIR. Beides keineswegs schulhoftauglich. Ich stelle mir vor, wie meine edlen Teile in der Umkleide der Turnhalle herumfliegen.

Ich krame in meinem pädagogischen Halbwissen nach, finde aber nichts Passendes. Keine Abgrenzung (Sie sieht aus wie ein Mini-Me!), kein Aufbegehren und ich kenne auch keine Freundin, die so herumläuft. Vielleicht eigener Stil? Nein, das ist ja MEIN Stil. Ich bin ratlos und mache Nächstliegendes: Ich frage sie, wieso sie sich für dieses Outfit entschieden hat. Die Antwort: „Liebe Mama! Du bloggst doch immer, dass man gute Qualität vorziehen soll und predigst gegen das Unrecht in der Textilproduktion. Jetzt trage ich schon die gut geschnittene Bluse und einen Schal, der nicht von Kinderhänden produziert wurde und nix vom Textilschweden und du bist immer noch nicht zufrieden?!“

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Über die Autorin

Gastautorin Sabine

Sabine

Sabine (44) schreibt. Online könnt ihr ihrem Patchwork-Familienleben mit ihrer Teenie-Tochter „Pippi“ und dem „Popstar“ unter bebusybee folgen – oft chaotisch und manchmal ein bisschen bissig. Wer immer noch nicht genug zu lesen hat, der schaut bei Ordnungsliebe vorbei – noch so eine Leidenschaft von ihr: Das Organisieren.



Titelbild: © John Kroetch/shutterstock.com

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