Medienkunde als Schulfach? Zehntklässler diskutieren mit Modedesigner Thomas Rath

„In der heutigen Welt verkaufen wir uns die ganze Zeit, aber bitte nur angezogen”, mahnt Thomas Rath – Modedesigner, Ex-Juror von Germany’s Next Topmodel und Heidi Klums „gay husband” – die Schülerinnen und Schülern des Barnim-Gymnasium in Berlin. Rath diskutierte mit den Zehntklässlern, ob Medienkunde als Schulfach eingeführt werden sollte. Denn Facebook und Co. spielen in der Freizeit sowie im Berufsleben eine immer größere Rolle. Doch wissen Jugendliche auch richtig mit den sozialen Medien umzugehen? Eine Diskussionsrunde über Mediennutzung, Privatsphäre und unangebrachte Fotos, die im Internet herumschwirren.

Bevor das Gespräch eröffnet wird, stimmt die Klasse erst einmal ab: Wer ist dafür, dass Medienkunde auf den Stundenplan kommt? Die überwiegende Mehrheit sagt „Ja“, einige enthalten sich ihrer Stimme und nur eine Schülerin ist mutig genug, um dagegenzustimmen. Wir alle verwenden Computer und soziale Netzwerke tagtäglich, da wisse man schon automatisch, wie man sie richtig verwendet, findet sie. Doch Thomas Rath ist anderer Meinung.

Das Internet vergisst nichts

„Erinnert ihr euch an Sara Kulka?”, fragt der Modedesigner in die Runde. Sara war Teilnehmerin bei Germany’s Next Topmodel und wurde deutschlandweit berühmt, als Nacktfotos von ihr veröffentlicht wurden. „Ich kann euch nur raten, nie unpassende Dinge von euch zu veröffentlichen. Es kommt alles raus. Bei Sara ist es passiert”, schärft Rath ein. Sie war schlagfertig und konnte damit umgehen. Trotzdem hätten die veröffentlichten Nacktfotos eine kleine Kerbe in ihrer Seele hinterlassen, erzählt Rath. „Ihr müsst da echt aufpassen. Ich kann euch nur sagen: Halt, denkt darüber nach, bevor ihr etwas postet. Öffnet euch nie komplett, gibt nie zu viel Privates online preis. Was auch immer ihr macht, seid euch bewusst, dass das im Netz ist, und zwar für immer und ewig. Selbst wenn ihr das löscht, das ist nicht gelöscht.”

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Mit welchen Konsequenzen müsse man denn rechnen, wenn man freizügige oder unangebrachte Fotos von sich online stellt, will Maurice wissen, der zusammen mit seiner Mitschülerin Karoline und Lehrer Robert Rauh die Diskussionsrunde leitet. „Das kann dir im schlimmsten Fall deinen Job, deine Karriere oder deinen Ruf kosten‟, erklärt Rath. „Ihr müsst euch im Klaren darüber sein, dass Fotos und Inhalte für immer online bleiben. Ihr denkt euch vielleicht: ,Boah hab ich einen schönen Busen, ihr sollt alle mal gucken’ und postet ein Foto. In 20, zehn oder fünf Jahren wollt ihr dann eine souveräne Karriere einschlagen. Ihr seid gut in dem Job, es gibt aber noch zwei, drei andere Bewerber und dann wird erst mal nachgeschaut. Vielleicht hat er oder sie ja Dreck am Stecken. Das kennen wir ja alle aus der Politik. Und dann sind ganz schnell Karrieren am Ende.”

Medienkunde Aufgabe der Eltern oder Schule?

Welchen Beitrag sollen und können eigentlich die Eltern in der Medienerziehung leisten, fragt nun Karoline. „Die Eltern spielen eigentlich die wichtigste Rolle dabei. Aber ich glaube, viele Eltern kennen Facebook und andere sozialen Medien gar nicht, da sie nicht damit groß geworden sind. Sie sollten trotzdem ihre Kinder darauf hinweisen, was man macht und was nicht. Das gilt z. B. auch für Mobbing”, sagt Rath, der in der Schule oft wegen seiner modischen Kleidung gehänselt wurde.„ Ein Klick ist schnell gemacht, auch wenn es nur Spaß war. Das Bewusstsein dafür muss geschärft werden. Jeder sollte an sich selbst appellieren und bewusst bei Cybermobbing und anderen Trends wie z. B. der Biernominierung nicht mitmachen.”

Privatsphäre, Informationsflut und Networking

Die Jugendlichen wollen von dem ehemaligen Juror von Germany’s Next Topmodel natürlich auch wissen, wie es denn so war, mit Heidi Klum zusammenzuarbeiten. „Wir kannten uns vor der Show nicht, aber mittlerweile sind wir sehr, sehr eng. Sie nennt mich ihren ‚gay husband‛”, schmunzelt Rath. Er erzählt aber auch, wie anstrengend es sei, in der Öffentlichkeit zu stehen, wenn die Medien die ganze Zeit im Privatleben herumschnüffeln. Allerdings bieten Medien, vor allem die neuen Medien, viele Möglichkeiten. „Man hat die Chance, sich darzustellen. Aber alles was man von sich online stellt, kann auch gegen einem verwendet werden”, weiß der Modedesigner.

„Welche weitere Themen sollten in dem Fach abgedeckt werden?”, fragt Maurice. Die Schülerinnen und Schüler sollten über Privatsphäre und Datenschutz aufgeklärt werden. Das Fach Medienkunde umfasse aber alle Medien, auch Zeitung, Radio und Fernsehen. „Man sollte den Jugendlichen beibringen, mit den Medien richtig umzugehen. Die Informationsflut wird noch mehr werden. Deswegen müsst ihr lernen, die Information zu kanalisieren und zu verstehen. Gerade durch die schnelle Kommunikation, die soziale Medien und Smartphones ermöglichen, muss man lernen, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen”, sagt Rath, der Zuhause regelmäßig offline geht und Handy, Laptop und Fernseher einfach mal für ein paar Stunden ausmacht.

Noch ein Schulfach mehr?

Nach einer halben Stunde Diskussion stimmen alle Schülerinnen und Schüler Thomas Raths Vorschlag zu. Doch wie kann es in der Praxis aussehen? „Wir haben in der zehnten Klasse bereits 16 Fächer. Wenn Medienkunde eingeführt werden soll, wohin damit?”, fragt Jan. „Ja, dann muss ein Fach gehen”, schmunzelt Rath. „Welches wollt ihr abwählen?” „Physik, Chemie, Mathe”, rufen die Schülerinnen und Schüler durcheinander. „Das hab ich mir schon gedacht, dass jetzt so etwas kommt. War ja auch nur ein Witz, meine Frage. Physik, Mathe und Chemie sind essenzielle Fächer”, meint der Modedesigner, der selbst Mathe als Leistungskurs hatte. „Aber die Frage ist berechtigt. 17 Fächer sind zu viel.”

Rath überlegt, ob Medienkunde als Wahlfach eingeführt werden könnte. Dann könnte man die Resonanz abwarten und schauen, ob die Schülerinnen und Schüler überhaupt Interesse daran haben. Allerdings würde dieser Vorschlag das Problem mit dem vollen Stundenplan nicht lösen. „Wie wäre es, wenn man bestimmte medienkundespezifischen Themen auf andere Fächer aufteilt? Dann würde z. B. in der siebten Klasse Privatsphäre in Ethik besprochen werden, Mediennutzung in Sozialkunde in der achten Klasse usw.”, gibt Lehrer Rauh zu Bedenken. Diese Lösung finden sowohl Thomas Rath als auch die Jugendlichen super.

Was denkt ihr? Sollte Medienkunde als Schulfach eingeführt werden? Und wenn ja, wie könnte das aussehen?


Titelbild: ©sofatutor

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