Das „Immunsystem der Seele”: Resilienz und ihre Bedeutung

Resilienz bedeutet Widerstandfähigkeit. Den Begriff findet man in der Psychologie. Es beschreibt die Toleranz gegenüber Störungen. Wir haben mit dem Erziehungswissenschaftler Dr. Albert Wunsch über Selbstwertgefühl und Ich-Stabilisierung gesprochen.

Resilienz ‒ wie ist der Begriff mit einfachen Worten zu umschreiben?

Dr. Wunsch: „Resilienz beschreibt die Kraft, welche es uns ermöglicht, schwierige Situationen schnell zu bewältigen, um mit Stabilität und Kreativität auf die Herausforderungen des Lebens reagieren zu können. Resilienz wird häufig auch als „Immunsystem der Seele“ bezeichnet. Die Psyche ist ebenso wie der Körper vor krankmachenden Erregern zu schützen. Bei medizinischen Impfvorgängen wird die natürliche Reaktion des Immunsystems ausgenutzt, in dem – eigentlich schädliche – Erreger dem Körper gezielt dosiert zugeführt werden, um so die Ausbildung von Antikörpern anzuregen. In der Regel entsteht dann ein lang andauernder Schutz, der den Ausbruch der jeweiligen Krankheit vorbeugt. Diese biologisch-medizinischen Zusammenhänge sind ebenfalls auf den emotionalen Bereich übertragbar. Auch hier sind wohl dosierte Anreger zur Auseinandersetzung mit den im späteren Leben zu erwartenden Reflexion späterer Konfrontationen notwendig. Ob Mangelerfahrungen, Bedürfnisaufschub, Leid oder Schmerz, auch der Umgang damit will gelernt sein. Parallel zur guten gesundheitlichen Verfassung vor medizinischen Impfungen ist hier die emotionale Geborgenheit in einem konfliktfreien Rahmen Voraussetzung. So können Kinder auf der Grundlage von erfahrener Sicherheit immer umfangreicher lernen, mit Unsicherheiten oder Mangel-Situationen umzugehen. Wenn erfahren wird, dass z. B. Hungergefühle oder fehlende Zuwendung zeitlich befristete Zustände sind, braucht keine Panik einzusetzen.”

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Welche Zielgruppe/Generation haben Sie bei diesem Thema der Ich-Stabilisierung besonders im Fokus?

Dr. Wunsch: „Auch wenn es sinnvoll ist, dem Thema ICH-Stabilisierung in der Kleinkindphase größte Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, weil hier die Basis für alles Weitere gelegt wird, so sollten auch Erwachsene bis ins hohe Alter hinein dem eigenen Ich sinnvolle oder notwendige Erweiterungs-Chancen einräumen bzw. zumuten. Somit richtet es sich in erster Linie an Menschen, welche sich für die alltäglichen Herausforderungen des Lebens in Partnerschaft, Familie und Beruf besser wappnen wollen. Darüber hinaus werden die in Politik und Gesellschaft Verantwortlichen angesprochen. Das sind Mandatsträger, große oder weniger große Chefs, Medienverantwortliche, Manager im Gesundheitswesen, Erzieher, Lehrkräfte, Ausbilder und viele andere Funktionsträger in Kirchen, Verbänden und sozialen Initiativen, um negative Entwicklungen im sozialen Miteinander vorzubeugen.”

Was sind die Bedingungen, unter denen Kinder ein gesundes Selbstwertgefühl aufbauen können?

Dr. Wunsch: „In der Säuglings- und Kleinkindphase ist die wichtigste Voraussetzung eine sichere Mutter-Kind-Bindung. Denn alle Körperkontakte zur Mutter vermitteln ein großes Sicherheitsgefühl, nicht zuletzt durch die Anknüpfung an die Nähe in der vorgeburtlichen Zeit. Dem Vater kommt selbstverständlich auch ein immer größer werdender Einfluss auf die Entwicklung eines stabilen Selbstwertgefühls des Kindes bei. Die elterliche Zuwendung löst beim Kind das tiefe Gefühl aus, gemocht zu werden und einen wichtigen Platz in der Welt einzunehmen.”

Lässt sich Resilienz nur im Kindesalter oder auch noch als Erwachsener erlernen?

Dr. Wunsch: „In meinem Buch lade ich Erwachsene zu einer ganz einfach umzusetzenden Selbstvergewisserung ein, die als Voraussetzung für eine bessere Krisenbewältigung zu verstehen ist. Schlüsselfragen, um in Familie, Partnerschaft und Beruf mit Herausforderungen angemessener umzugehen, sind: Was kann ich? Was kann ich nicht oder eher nicht? Was könnte oder sollte ich noch können? Ergänzend werden weitere, praktische Hilfen auf dem Weg der Selbsterkundung angeboten. Sind dann genügend Anhaltspunkte vorhanden, kann mit der ICH-Stabilisierung begonnen werden. Selbsterkenntnis und die Notwendigkeit zu handeln, ergeben die Basis, mit Belastungen besser umzugehen. Die Vermeidung von Konflikten steht dabei im Zentrum. Das ist auch die Basis dafür, Stress zu verhindern.”

Erlernt man Resilienz oder ist sie angeboren?

Dr. Wunsch: „Unter dem Aspekt, dass mit angeboren genetische Faktoren gemeint sind, erachte ich die vorgegebenen Anlagen diesbezüglich eher als gering. Wird die Prägezeit der – nicht genetisch bedingten – vorgeburtlichen Phase hinzu genommen, dann sind bei der Geburt schon viele Anlagen recht ausgeprägt. Ist eine Mutter z. B. in der Schwangerschaft gestresst oder lebt sie in einer unsicheren Partnerschaft, wird der Wachstumsprozess des werdenden Babys gestört, was sich später in Hyperaktivität äußern kann. Ist eine Mutter aber generell zufrieden während der Schwangerschaft, kommen in der Regel ausgeglichenere Kinder zur Welt. Ab der frühen Kindheit führen dann weitere Lebensbedingungen zur Stabilität bzw. Instabilität.”

Hat die Ernährung Auswirkungen auf unser psychisches Wohlbefinden?

Dr. Wunsch: „Ein gesunder Körper ist eine wichtige Voraussetzung für die Entwicklung eines starken Selbst. Gesunde Ernährung gibt dem Körper Kraft und Ausdauer und damit Voraussetzungen für körperliche und emotionale Leistungsfähigkeit sind. Sind diese eher gering ausgeprägt, kann das Selbstwertgefühl große Mängel aufweisen. Bei Übergewicht beispielsweise reduziert sich der Kräftehaushalt und damit der Bewegungseinsatz für wichtige Aufgaben, unabhängig von den psychischen Folgen, denn abgeschlafft kann niemand die alltäglichen Herausforderungen angemessen bewerkstelligen.”

Nähere Informationen zum Buch „Mit mehr Selbst zum stabilen ICH! Resilienz als Basis der Persönlichkeitsbildung” finden Sie im Anhang des Artikels über die Generartion Y, eine Generation, für die der Begriff der Resilienz kein unbedeutender ist.

Titelbild: ©yang na/Shutterstock.com.

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