Rechtschreibprobleme – die Rolle des eigenen Wahrnehmungsstils

Wir Menschen unterscheiden uns sehr in unserer jeweiligen Persönlichkeit, und das ist auch gut so. Dadurch entsteht Vielfalt. Allerdings: Mit jeder Persönlichkeitsstruktur sind Vorlieben und Interessen, aber eben auch Abneigungen und Desinteressen verbunden, mit schwerwiegenden Folgen für die spontane Motivation. So hängt es auch für einen Schüler von seiner Persönlichkeitsstruktur ab, wofür er sich begeistert und in welcher Form, und mit welchem Stoff und welchen Themen er zwangsläufig Schwierigkeiten bekommen muss. Die Persönlichkeitsstruktur wirkt sich aber auch auf den eigenen spontanen Wahrnehmungsstil, also das Herangehen und die Verarbeitung, aus.

Rechtschreibfeler sehen wir, wir hören sie nicht und wir fühlen sie nicht, und wir ahnen bestenfalls die logischen Schreibmuster und –regeln. Damit ist schon klar, welches der wichtigste Wahrnehmungskanal nicht nur für das Erkennen, sondern auch für das Erlernen von Rechtschreibung ist: das Sehen. Wenn Sie den Fehler im ersten Satz nicht gesehen haben, dann sind Sie mit Sicherheit kein Seh-Mensch.

Seh-Menschen haben eine spontan gute Rechtschreibung, denn Seh-Menschen nehmen beim Lesen eines Textes die Wörter buchstabengetreu in ihr fotografisches Gedächtnis auf. Dies ist ein automatischer, intuitiver Prozess, den die Person nicht bemerkt. Aber für die Seh-Menschen stimmt die alte Volksweisheit: „Kind, du musst mehr lesen, dann schreibst du auch besser!“. Allerdings gilt dies nur und ausschließlich für die Seh-Menschen. Hör-Menschen und Gefühls-Menschen bringt das Lesen für die Rechtschreibung spontan wenig, denn Hör-Menschen sprechen beim Lesen innerlich mit und verarbeiten das so Gehörte, während Gefühls-Menschen zwischen den Zeilen lesen und die Gefühle in der Geschichte wahrnehmen, aber nicht das eigentlich Geschriebene. Lediglich logisch orientierte Menschen nehmen durch das Lesen bestimmte Muster auf, z. B. die Konsonantenverdoppelung, Endungen etc..

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Seh-Menschen aber machen sich von jedem Wort ein buchstabengetreues Bild und können die Wörter vor dem „Inneren Auge“ sehen. Wenn ein Seh-Mensch einen Fehler macht, z. B. „felen“ ohne das Dehnnungs-h schreibt, dann stutzt er kurz, betrachtet das Wort und denkt: „Uih, das sieht ja komisch aus!“, schreibt das Dehnungs-h hinein und ist zufrieden: „Ja, das sieht besser aus!“ Seh-Menschen schreiben also auf Sicht, indem sie die Wörter mit ihrem Bildspeicher abgleichen. Deshalb haben Seh-Menschen auch nur Schwierigkeiten bei Wörtern, die sie nie oder selten gelesen haben, und bei grammatikalischen Entscheidungen: „Es ist für dich das Beste!“ – wird „Beste“ groß oder klein geschrieben? Eine grammatikalische Entscheidung – aber der Seh-Lerner schreibt nach Bildern, und er hat beide Bilder im Kopf: das ist also eine faire 1:1-Chance, das Richtige auszuwählen.

Grundsätzlich hat jeder Mensch die Fähigkeit, sich Wörter vor dem Inneren Auge vorzustellen. Das Problem ist: Rund 40% der Bevölkerung nutzen diese Fähigkeit in der Rechtschreibung nicht oder nur unzureichend, weil sie ein anderer Wahrnehmungstyp sind, nämlich starke Hör-Lerner oder starke Gefühls-Lerner. Hör-Lerner schreiben nach Gehör – sie sprechen sich alles, was sie schreiben wollen, innerlich vor, und was sie dann innerlich hören, schreiben sie hin. Wer aber nach Gehör schreibt, hat deutlich mehr Möglichkeiten in der Rechtschreibung.

Andere Menschen sind starke Gefühls-Lerner – sie schreiben nach Gefühl. Das heißt, sie haben noch mehr Möglichkeiten in der Rechtschreibung. Starke Gefühls-Lerner erkennt man daran, dass sie im gleichen Text ein und dasselbe Wort in mehreren Varianten schreiben. Und auch in der Groß-/Kleinschreibung machen sie mehr eine Idealverteilung: „Jetzt könnte mal wieder etwas groß geschrieben werden.“ Gefühlslerner machen sich auch ihre eigenen Regeln. Meine Tochter hatte für sich in der 3. Klasse die Regel beschlossen: „In der Satzmitte wird Alles groß geschrieben!“.
Hörlerner dagegen haben eher Probleme mit stummen Buchstaben wie dem Dehnungs-h oder ie-Lauten sowie mit den (Ex-)Plosiv-Lauten b/p, d/t, g/k: Diese verwechseln sie häufig, weil sie häufig auch nur undeutlich und nicht lautgetreu ausgesprochen werden (Jeder sagt Kin-t und nicht Kin-d).

Etwas anders ticken die stark logischen Lerner: Sie sind auf der Suche nach Schreibmustern und entdecken so intuitiv die Regelhaftigkeit an vielen Stellen. Bei Setzungen, z.B. dass „Adler“ mit „d“ geschrieben wird, stehen sie allerdings auch auf dem Schlauch. Und bei logischen Menschen kommt noch hinzu, dass diese häufig sehr dominant und egozentrisch sind. Das heißt, es ist ihnen egal, ob jemand ihre Schrift lesen kann oder ob die Wörter richtig geschrieben worden sind. Das hat übrigens nichts mit Legasthenie zu tun. Legastheniker haben eine Wahrnehmungsstörung entweder in den Sinnesorganen oder in den Verarbeitungszentren im Gehirn. Was hier beschrieben wurde, ist bestenfalls eine Rechtschreibschwäche, die aus dem persönlichen Wahrnehmungsstil des Kindes kommt und die man recht schnell mildern kann, wenn man mit dem Kind konsequent trainiert, die Wörter innerlich zu sehen. Denn wie gesagt, jeder hat diese Fähigkeit, sie wird nur nicht aufgrund der persönlichen Wahrnehmungsstruktur spontan genutzt. Entsprechend muss die Methode bewusst trainiert werden, um das Sehen in den Vordergrund der Wahrnehmung und Verarbeitung zu stellen.

Grundschullehrerinnen, die diese Methode anwenden, berichten durchgängig von Erfolgen. Spätestens am Ende der 2. Klasse sollte mit den Kindern das bewusste Sehen und Wahrnehmen der Wörter trainiert werden. Mit meiner eigenen Tochter habe ich die Methode in der 5. Klasse trainiert, als sie in einem Diktat mit 63 Fehlern (!) nach Hause gekommen war. Und was ist mit der Methode „Lesen durch Schreiben“? Müssten die Wörter nicht erst gelesen und in richtiger Schreibweise wahrgenommen werden, bevor das Kind sie selbst schreibt? Nun, den Hör- und Gefühls-Menschen schadet die Methode nicht mehr als andere Leselern- und Schreiblernstrategien. Tatsächlich sind aber negative Auswirkungen auf die Seh-Lerner zu beobachten. Sie entwickeln in der Tat eine zunächst schlechtere Rechtschreibung, weil sie ständig mit falsch geschriebenen Wörtern konfrontiert sind. Dies wächst sich aber nach ein bis eineinhalb Jahren aus.

Andererseits entwickeln die Seh-Lerner, die zu Hause beim Vorlesen von Geschichten Mama und Papa über die Schulter gucken dürfen und dabei schon Wörter unbewusst sehen, diese Schwierigkeiten nicht.
Der Fehler ist nicht die Methode „Lesen durch Schreiben“ selbst (auch wenn sie absolut nicht hilfreich ist), sondern das Versäumnis, mit den Kindern spätestens am Ende der 2. Klasse zu beginnen, konsequent Seh-Wahrnehmung zu trainieren. Dies ist übrigens auch immens wichtig für das Kopfrechnen! Ohne bildliche Vorstellung kein guter Kopfrechner und damit ein frustriertes Mathe-Kind.

Und noch drei Dinge sind wichtig:

1. Kinder müssen konsequent dazu angehalten werden, die Wörter, die sie im Unterricht kennengelernt haben, richtig zu schreiben. Hier darf es keine Nachlässigkeit geben.
2. Kinder sollten mit den Rechtschreibregeln vertraut gemacht werden; langsam, behutsam, in kleinen Schritten, aber konsequent. Wer die Regeln gelernt hat, schreibt deutlich besser! Wegweisend ist hier das „Marburger Rechtschreibtraining“, das wissenschaftlich validiert ist.
3. Kinder sollten lautgetreu sprechen üben, d.h., die Buchstaben entsprechend ihrem Lautwert auszusprechen, in „Kind“ also tatsächlich hinten ein „d“ sprechen und kein „t“.

Mit meiner älteren Tochter habe ich die Visualisierung erst in der 5. Klasse begonnen, als sie wie erwähnt mit 63 Fehlern im Diktat nach Hause kam. Ihre Rechtschreibung verbesserte sich schnell. Sie war dann übrigens im Abitur die Einzige, die ihre Klausuren orthografisch fehlerfrei geschrieben hat. Das hat sie geschafft, weil sie bei jeder Klausur bewusst auf Seh-Wahrnehmung umgeschaltet und sich gesagt hat: „Ich achte darauf, dass alle Wörter gut aussehen“. Wenn sie mir aber gelegentlich aus Stuttgart einen Brief schreibt, dann steckt der wieder voller Fehler. Denn wenn sie Briefe schreibt, ist meine Tochter ganz sie selbst als Gefühls-Mensch.

Titelbild: ©iStock.com/igorovski

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