Die Googlifizierung der Klassenzimmer

Die New York Times schaut auf US-Klassenzimmer: Wie gelang es Google, so eine bedeutende Stellung an öffentlichen Schulen zu erlangen? Wir betrachten ergänzend die Entwicklung in Deutschland.

Google ist ein digitales Schweizer Taschenmesser: Wir bekommen Informationen über die Suche, nutzen Maps, um den richtigen Weg zu finden oder schauen Videos auf YouTube. Wir installieren unsere Apps auf vielen Android betriebenen Smartphones über den GoogleApp-Store und nutzen Chrome als Betriebssystem und Browser. Wir verwenden kostenlose E-Mail-Adressen und Clouds und das meist ganz selbstverständlich.

Und jetzt stellen Sie sich vor, dass mehr als die Hälfte der US-amerikanischen Schülerinnen und -schüler – immerhin 30 Millionen Kinder – mit Google-Laptops und Google-Apps im Klassenzimmer arbeitet. Merkwürdig oder ganz selbstverständlich?

Laptopklassen in den USA

Die New York Times berichtet in einem Artikel vom Mai 2017 darüber, „wie Google das Klassenzimmer übernahm“. Es wird beschrieben, wie es Google innerhalb von fünf Jahren schaffte, mithilfe von Lehrkräften und Pädagoginnen und Pädagogen, die US-Bildungslandschaft zu revolutionieren. Der Grund, warum in den meisten US-Klassenzimmern Google und nicht etwa Apple oder Microsoft verwendet werden, seien die günstigen Google-Laptops, auch Chromebooks genannt, und die kostenlosen Apps, mit denen Schülerinnen und Schüler sowie deren Lehrkräfte im Unterricht arbeiten könnten. Der ehemalige Pressesprecher des New Yorker Bildungsministeriums, Hal Friedlander, sagt dazu, dass „Google sich als Faktum an den Schulen etabliert hat“.

Googles Strategie

Google strebt einen gesellschaftlichen Umbruch der öffentlichen Bildung an. Man wolle soziale Kompetenzen bei den Lernenden fördern, statt sich auf rein akademisches Können zu konzentrieren: Teamarbeit statt Tafelwerk, Problemorientierung statt Pauken. Dazu wird der Geschäftsführer des Bereichs Education Apps bei Google, Jonathan Rochelle, auf einer Konferenz zitiert: „Ich kann meinen Kindern nicht erklären, was sie mit einer quadratischen Funktionen machen werden. Ich weiß nicht, warum sie das lernen. Und ich weiß nicht, warum sie nicht Google fragen können, wenn die Antwort direkt verfügbar ist.“ (Original-Zitat: „I cannot answer for them what they are going to do with the quadratic equation. I don’t know why they are learning it. And I don’t know why they can’t ask Google for the answer if the answer is right there.“)

Dadurch, dass Google-Produkte an Schulen eingesetzt werden, wird eine enorme Menge an potenziellen zukünftigen Kundinnen und Kunden gewonnen. Die frühzeitige „Gewöhnung“ und die Handhabung führe dazu, dass die Schülerinnen und Schüler auch im späteren Leben nahtlos weiter Google nutzen. So würden die gespeicherten Inhalte und E-Mails von Schul-Accounts mit dem Schulabschluss direkt auf den privaten Gmail-Account überführt, berichten Schulen in den USA. Dies sei sogar angestrebt und gewünscht von den Schulen. Selbst wenn die Daten der Kinder im Schul-Account noch geschützt sein sollten, sind sie es bei der Überführung in das private Mailkonto nicht mehr. Google gibt selbst zu, die Inhalte von privaten Gmail-Accounts zu Werbezwecken mithilfe von Algorithmen aufzuarbeiten.

Um diesen Status vor anderen Tech-Konkurrenten, z. B. Apple oder Microsoft, zu erreichen, ging Google unkonventionelle Marketing-Wege. Statt wie bisher Geräte und Anwendungen an die Schulen zu verkaufen, holte man die Lehrkräfte ins Boot. Diese hätten dank kreativer Ideen und Unterrichtsszenarien die Anwendung von Google-Apps im Unterricht stark angeschoben, wird ein Mitarbeiter der Chicagoer Schulbehörden zitiert. Und da es bei Google nicht vorrangig darum ginge, Umsatz über den Verkauf von Endgeräten, sondern mithilfe von Werbung zu erzielen, die das Google-Netzwerk ausstrahlt, bleibt die Frage, wie das Unternehmen mit den Daten der Lernenden umgeht. Das Unternehmen erklärt, dass es die Daten aus den Bildungsapps nur dazu verwende, die Angebote für die Schülerinnen und Schüler bereitzustellen, etwa um E-Mails zu schreiben. Sie würden nicht für werbliche Zwecke genutzt. Das regeln auch die Policy-Vereinbarungen der einzelnen Schulbezirke. Eltern, Schulleiter und Datenschützer fordern dennoch von Google offenzulegen, welche Daten warum gesammelt und wie weiterverwendet würden. Google lehnt dies bislang ab.

Deutsche Verhältnisse

Insgesamt geht der Konzern hierzulande wesentlich zurückhaltender vor. Das hängt auch mit dem Werbeverbot an Schulen zusammen. Daher sucht sich Google renommierte wissenschaftliche Partner, etwa das Fraunhofer-Institut, mit dem es das Open Roberta Lab anbietet, um Angebote für Schulen machen zu können. Ein weiteres virtuelles Angebot für deutsche Schülerinnen und Schüler ist Google Expeditions, mit dem man mit einer VR-Brille ferne Orte, wie Burj Khalifa, besuchen kann. Diese Brillen und ein Kontroll-Tablet für die Lehrkraft werden von Google für interessierte Schulen bereitgestellt.

Seit 2014 ist die Anwendung Google Classroom auch auf Deutsch und in Deutschland verfügbar. Diese App erstellt ein virtuelles Klassenzimmer, in dem Lehrerinnen und Lehrer ihrer Klasse Hausaufgaben geben oder Quizze erstellen können. Gleichzeitig können Lehrkräfte sehen, welches Kind die Hausaufgaben gemacht  und wie viel Zeit es dafür aufgewendet hat. Mithilfe eines Erwartungshorizonts können die Arbeiten auch bewertet werden. In den USA sind mittlerweile 15 Millionen Kinder in Google Classroom eingetragen. Auch in der Bundesrepublik haben sich einige Lehrkräfte an die App gewagt und berichten Positives. Lehrer-Blogger Mac Blade gibt an, dass es auch für Menschen, die keine hohe Affinität zum Digitalen besäßen, sehr einfach sei, Übungen und Hausaufgaben einzustellen oder Google zum kollaborativen Arbeiten einzusetzen. Er stellt auch dar, wie er die Daten seiner Schülerinnen und Schüler durch anonymisierte Google-Konten und vereinzelt gesperrte Zugänge, etwa zu Google+, schützt.

Ein Ausblick

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka erregte im Frühjahr 2017 damit Aufsehen, dass sie fünf Milliarden Euro für die Digitalisierung der Schulen bereitstellen möchte. Entgegen des Kooperationsverbots von Bund und Ländern in Bildungsfragen möchte sie die Infrastruktur ausbauen lassen, die benötigt wird, um Schulen digitaler zu machen. Damit einhergeht die Suche nach den richtigen Anbietern einer geeigneten Schul-Cloud. Das ist eines der Bildungsversprechen von Kanzlerin Angela Merkel im derzeitigen Wahlkampf. Kurze Zeit nach Wankas Fünf-Milliarden-Ankündigung teilte Google die Errichtung eines Schulungszentrums in München mit. Dort wird es in einer Art „Zukunftswerkstatt“ eigene Schulungen und Trainings für Interessierte geben. So wolle der Konzern seinen Teil zum digitalen Wandel in Deutschland beitragen. Auch für die berufliche Weiterbildung werden im Schulungszentrum Angebote gemacht, die gemeinsam mit der IHK München und Oberbayern entstehen. Weitere Schulungszentren in Hamburg und Berlin sind geplant. Bis 2020 will Google mit diesem Programm zwei Millionen Menschen in Deutschland erreichen.

Inwiefern Google erneut der große Wurf gelingt und auch in Deutschland innerhalb weniger Jahre mehr als die Hälfte aller Schülerinnen und Schüler an öffentlichen Schulen mit den Angeboten des Unternehmens lernen werden, ist noch unklar.

Titelbild: © Monkey Business Images/shutterstock.com