Darf mein Kind fürs Klima streiken?

Seit über einem Jahr gehen wöchentlich zehntausende junge Menschen auf die Straße, um im Rahmen der Bewegung „Fridays for Future“ für den Umweltschutz zu demonstrieren. All diese Jugendlichen tun das während ihrer Schulzeit, wie die Initiatorin der Bewegung, die schwedische Schülerin Greta Thunberg. Wie verhält man sich da als Elternteil? Darüber hat sich Mama Henrike Gedanken gemacht.

„Unsere Kinder sind uns da Vorbild“

Stelle ich die Eingangsfrage innerhalb meines Freundeskreises zur Diskussion, lautet die einhellige und inbrünstige Antwort aller befreundeten Eltern: „Ja!“

Alle sind sich da einig:

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„Klimaschutz ist eine super Sache!“ –

„Wir haben die Erde nur von unseren Kindern geborgt“ –

„Es wird Zeit, dass wir alle lauter werden und unsere Kinder sind uns da Vorbild.“

Die vorgebrachten Argumente sind für mich schlüssig und verständlich.

Einerseits: Einige meiner Freundinnen und Freunde engagieren sich sowieso schon öffentlich für den Umweltschutz und sind demonstrationserprobt, deren Kinder ebenso.

Anderseits – und manchmal wird dieser Aspekt in der familiären Diskussion vergessen: Eltern sollten sich bei dieser Frage nicht von ihren eigenen moralischen Überzeugungen blenden lassen. Denn sobald das Kind schulpflichtig ist, spielen noch andere Faktoren eine wichtige Rolle.

Schülerinnen und Schüler können per definitionem nicht streiken. Dieser „Arbeitskampf“ ist Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern vorbehalten. Allerdings haben auch Schülerinnen und Schüler das Recht auf freie Meinungsäußerung und auf Versammlung, also quasi eine Demonstrationsfreiheit. Diese ist im Deutschen Grundgesetz als Recht jeden Bürgers und jeder Bürgerin verankert.

Demonstrationsrecht versus Schulpflicht

Blöd nur, dass sich dieses Recht mit der allgemeinen Schulpflicht beißt, zumindest freitags während des Unterrichts. Da wird von den Lernenden erwartet, dass sie sich gemäß ihrer Verpflichtung (Schulpflicht) in der Schule einfinden, damit diese ihren Bildungsauftrag erfüllen kann.

Bleiben Schülerinnen und Schüler unentschuldigt dem Unterricht fern, drohen Maßnahmen, die mitunter den Lebensweg eines jungen Menschen verändern können. Unentschuldigtes Fehlen, allgemein als „Schwänzen“ bekannt, kann im Wiederholungsfall drastische Konsequenzen haben. Entschuldigen Eltern ihre minderjährigen Kinder, um diesen die Teilnahme an der Demonstration zu ermöglichen, machen sie sich gegebenenfalls strafbar und werden zur Rechenschaft gezogen. Natürlich gilt der Grundsatz: „Wo kein Kläger, da kein Richter!“. Allerdings sollte man sich als Mutter oder Vater darüber im Klaren sein, wie die Rechtslage zu diesem Thema aussieht. Und zwar ganz unabhängig von der Thematik und dem Demonstrationsgegenstand.

 Junge Leute leiden weniger unter eigenen Fehlern als unter der Weisheit der Alten.

Luc de Clapiers Vauvenargues

Das Thema Klimaschutz ist nicht nur immens wichtig, es macht auch stolz. Mich macht es stolz zu sehen, dass die Jugend ihr naturgegebenes Recht auf Rebellion dafür einsetzt, unsere Erde und ihre Bewohnerinnen und Bewohner zu schützen. Dass sie versucht, uns, die Elterngeneration, und die Regierungen dieser Welt aufzurütteln. Und das alles in einem Alter, in dem sie selbst noch nicht einmal wählen können! In einem Alter, wo sie sich eigentlich darauf verlassen können sollten, dass wir „Alten“ die Dinge für sie regeln und für ihre Zukunft Verantwortung übernehmen.

Und ja, sie zeigen mit ihren Demonstrationen nicht nur mit dem Finger auf die Politikerinnen und Politiker, sondern natürlich auch auf uns Eltern:

„Warum hast du nichts getan?“ –

„Warum hast du nicht versucht, das zu verhindern?“ –

„Was tust du dafür, dass deine Kinder und deine Enkelinnen und Enkel auch noch eine lebenswerte Zukunft vor sich haben?!“

Diese Fragen muss ich mir als Mutter ebenfalls stellen, selbst wenn keiner meiner Söhne sie bislang ausgesprochen hat.  

Klimapolitik im Kleinen – zuhören und lernen

Momentan stehen unsere familieninterne Müllpolitik und unser Konsumverhalten auf dem Prüfstand. Ich frage z. B. den Sohn, ob er Alternativen für bestimmte (über Jahre antrainierte) unökologische Verhaltensweisen sieht, die sich bei mir eingeschlichen haben.  Ich höre ihm nicht nur zu, sondern versuche, mein Verhalten maßgeblich zu ändern. Das ist spannend und wer sagt denn, dass Lernen nur in eine Richtung funktioniert? Ich kann sehr wohl auch von meinen Kindern lernen.

Die Stimme der nächsten Generation

Das unentschuldigte Fehlen wegen der Freitagsdemonstrationen ist aktuell bei uns nicht brisant, da mein großer Sohn in diesem Jahr sein Abitur macht und auch freitags über den Büchern hängt. Seine Entscheidung, nicht zu den Demos zu gehen, habe ich nicht beeinflusst. Wir reden aber über die Freitagsdemonstrationen, die Hintergründe und die Entwicklungen. Ich beziehe ihn in Diskussionen ein und möchte seine Meinung dazu hören. Ich will ihm das Gefühl geben, dass er in seiner Familie, der kleinsten Zelle der Gesellschaft, eine Stimme hat, die gehört wird. Das ist gerade beim Thema Umweltschutz unabdingbar, da unsere heutigen Entscheidungen das zukünftige Leben unserer Kinder maßgeblich beeinflussen werden. Auch dann noch, wenn wir schon lange nicht mehr am Leben sind. Und ich denke, auch wenn wir diese Verantwortung nicht als erste Generation tragen, sind wir aber wohl die erste, die sich dieser Verantwortung öffentlich stellen muss.

Eigenverantwortung fördern, aber rechtskonform

Und auch als Mutter kann ich mein Kind unterstützen, indem ich mich z. B. im Rahmen der Elternarbeit in der Schule einbringe und Ideen beisteuere, wie die Schülerinnen und Schüler bei ihren geplanten Klimaschutz-Aktionen unterstützt werden können und inwieweit das in den Schulalltag integriert werden kann. Dass ich mitarbeite an Konzepten, bei denen Schülerinnen und Schüler innerhalb der Schule für den Umweltschutz tätig werden. Und damit sorge ich nicht nur für ein Umdenken in meinem eigenen Kopf, ich bleibe auch an den Themen dran, die meine Kinder beschäftigen.

Schlussendlich lautet die Antwort auf die Frage „Darf mein Kind fürs Klima streiken?“: „Kommt drauf an!“ In der Freizeit treffen die Erziehungsberechtigten bei minderjährigen Schülerinnen und Schülern diese Entscheidung. Während der Schulzeit hat rechtlich und tatsächlich die Schule das letzte Wort. Aber es stehen allen Schülerinnen und Schülern und deren gesetzlichen Vertreterinnen und Vertretern durchaus Möglichkeiten zur Einflussnahme auf die Gestaltung des Schulalltags zur Verfügung. Ich finde, so traurig und brisant dieses Thema ist, ist es dennoch eine gute Möglichkeit, nicht nur generationsübergreifend zusammenzuarbeiten, sondern auch dem eigenen Kind deutlich zu zeigen, dass man es unterstützt und sein eigenverantwortliches Handeln fördert. Denn: „Umweltschutz geht uns alle an!“ – Das habe sogar ich schon in der Schule gelernt – und das war in den Achtzigern in der DDR.

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Titelbild: © anokato/shutterstock.com

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