Anselm Sellen: „Man traut Kindern und Jugendlichen nicht genug zu“

Als Studienleiter des Europahauses Marienberg weiß Anselm Sellen, welche Wünsche Jugendliche in Europa haben. Sie wollen Fehler machen dürfen.

Ohne mobiles Lernen geht Schule heute nicht mehr – darüber sind sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Fachtagung mobile Schule Oldenburg einig. Dazu sprachen sie in zahlreichen Workshops und auf unserer EduCouch miteinander. Wir haben vier Bildungsexperten zu ihrer Meinung befragt: Wie werden deutsche Schulen endlich digital? Worauf müssen wir achten?

Mit dabei sind Anselm Sellen, Monika Heusinger, André Hermes und Richard Heinen. Anselm Sellen ist ein digitaler Tausendsassa, veröffentlicht auf zwei Blogs, einem Podcast mit Andreas Hofmann und Dejan Mihajlović und seinem Twitter-Account: Er fühlt sich überall wohl. Besteht da nicht die Gefahr einer Filterblase „digitaler Bildung“?

Wie schätzt du die Chance von Schülerinnen und Schülern ein, einen digitalen Unterricht einzufordern?

Anselm Sellen: „Ich bin selbst kein Lehrer, aber im außerschulischen politischen Bildungskontext arbeiten wir viel mit digitalen Medien. Bei uns ist es so, dass es beim interkulturellen Arbeiten mit Menschen aus vielen verschiedenen Ländern sogar besser ist, wenn man das Internet ab und zu ausschaltet.

Es geht erstmal darum, eine andere Sprache oder eine andere Form des Ausdrucks zu lernen. So können Kinder und Jugendliche auch mit digitalen Medien kreativ arbeiten. Das gilt für alle Bildungsschnittstellen: kulturelle wie politische Bildung und digitale Medien.“

Was braucht es deiner Meinung nach, um das digitale Lernen zu ermöglichen?

Anselm Sellen: „Es braucht einen Mindset. Wenn ich Lehrerfortbildungen mache oder generell mit Menschen in einem Bildungskontext zu tun habe, ist es wichtig zu vermitteln, wie das Internet funktioniert bzw. wie es die Kommunikation verändert, wo Möglichkeiten und Grenzen sind. Das ist wichtiger, als ein Tablet mit Apps vollzupacken und es weiterzureichen. Bisher habe ich zu wenige gut durchdachte Konzepte gesehen. Es gibt ein paar Marktschreier, die sehr präsent sind und das gut machen. Meistens fehlt mir da aber noch ein bisschen was, um es zu Bildung werden zu lassen, die zu einer Persönlichkeitsentwicklung beiträgt.“

Gibt es im Bereich digitaler Bildung so etwas wie ein Filterblase? Wenn ja, wie können Lehrende es schaffen, daraus auszubrechen und weitreichend Mitstreiterinnen und Mitstreiter zu gewinnen?

Anselm Sellen: „Haha, Filterblasen und Echokammern. Ich finde es absolut menschlich, sich mit Menschen zu umgeben, die die gleichen Ziele verfolgen. Dann fühlt man sich wohl und hängt zusammen rum, aber es hat leider nichts Befruchtendes. Letztens haben wir bei Perlen von den Säuen über Fortbildungen gesprochen. Dort habe ich gefragt, ob es sinnvoll wäre, diese Kataloge, die von den Bildungsministerien der Länder vorgegeben werden, aufzubrechen. Außerdem könnte man dazu anregen, die Scheuklappen der Lehrerinnen und Lehrer aufzumachen und sie ermutigen, etwas zu machen, was nichts mit ihrem Fach oder einer 45-Minuten-Taktung zu tun hat. So könnte man sehen, was es gibt und überlegen, wie man das in den eigenen Unterricht transferieren könnte. Das gilt für mich ganz genau so! Ich gucke mir auch viele Sachen an, die nichts mit meiner Arbeit zu tun haben. Manchmal muss ich mich auch dazu zwingen. Am Ende bringt es mich weiter und ich erinnere mich vielleicht an einer anderen Stelle wieder an das Gehörte.“

Das gilt wahrscheinlich gleichermaßen für vernetzte wie nicht-vernetzte Lehrerinnen und Lehrer, die digitale Bildung einsetzen.

Anselm Sellen: „Ja, diese Gefahr sehe ich auf jedem Fall. Man hat einmal dieses Steckenpferd für sich entdeckt und denkt, das sei der Topf voll Gold am Ende des Regenbogens. Warum sollte man da noch mal weg? Aber ich glaube, es gibt sehr viel mehr als nur digitale Medien oder nur politische Bildung oder nur kulturelle Bildung.“

Was forderst du von der Bildungspolitik und der Länderverwaltung, um Schulen ein digitales Lehren und Lernen zu ermöglichen?

Anselm Sellen: „Ich kenne z. B. die Situation, in der mir Jugendliche sagen, sie seien Medienscouts. Wenn ich sie dann frage, ob sie an ihrer Schule Zugang zum Internet hätten, verneinen sie das. Da geht die Schere auseinander. Auf der einen Seite wollen die Leute viel – auch weil es sexy klingt, wenn Schülerinnen und Schüler mit iPads lernen. Auf der anderen Seiten traut man den Kindern und Jugendlichen nicht genug zu. Es gibt zu viele Restriktionen. Nehmen wir an, es gibt Internet an der Schule, dann wird jedoch nur zu sehr eingeschränkten Bedingungen der Zugang ermöglicht. Dann sperre ich am besten noch YouTube und dann machen wir Bildung!“

Denn Bildung darf keinen Spaß machen!

Anselm Sellen: „Genau, Bildung muss wehtun! Im Zuge einer Bildung, die Jugendliche in die Mündigkeit führen soll, muss man den Leuten einen Vertrauensvorschuss geben. Falls es dann gegen die Wand fährt, müssen wir damit leben. So wird es ja später auch sein. Vielleicht ist das naiv gedacht, aber ich finde, man muss es den Leuten zutrauen.“

Das beziehst du wahrscheinlich auch auf die Schulen von Seiten der Politik.

Anselm Sellen: „Ja, genau. Man kann Schulen ruhig zutrauen, dass sie ihre Sache gut machen. Im Prinzip wollen alle das Gleiche. Jeder möchte gute Bildung machen. Also sollte man ihnen auch zutrauen, das zu tun.“

Wie viel Zeit haben wir im europäischen Vergleich noch?

Anselm Sellen: „Ich kenne nicht alle Länder, denn von den EU-Staaten arbeiten wir etwa mit zwölf Ländern zusammen. Es gibt Länder, die sind weiter hinten. Das heißt nicht, dass sie schlechte Bildung machen! Ich glaube, man kann auch mit einer Tafel und Kreide gute Bildung machen. Dann ist es stärker an die Person gebunden, die lehrt. Von dem, was ich so sehe, würde ich sagen, wir bewegen uns im Mittelfeld. Wenn wir mit dem Mittelmaß zufrieden sind, können wir da bleiben. Wenn nicht, dann sollten wir uns z. B. an den Niederländern orientieren. Gruppen, die uns von dort besuchen, wissen, wie man diskutiert und mit digitalen Medien arbeitet. Deren Denken ist sehr frei, es gibt wenige Grenzen in den Köpfen. Da kann man sich auf jeden Fall was abgucken.“

Weißt du, was dort institutionell anders läuft als bei uns?

Anselm Sellen: „Die Einrichtungen, mit denen wir zu tun haben, machen gerade im formellen Kontext viele offene Sachen. Sie verabschieden sich langsam vom Notensystem. Es wird viel mit Self Assessment und Evaluation gearbeitet. Da führt man die Jugendliche wirklich in die Verantwortung. Sie bewerten sich z. B. gegenseitig und der Lehrer oder die Lehrerin wird eher zum Moderator bzw. Moderatorin.“


Filme im Unterricht


Vielen Dank für das Interview!





Titelbild: © sofatutor.com