Deutscher Lehrerpreis: Stadtplanung als Schulprojekt

Leerstehende Ladenzeilen sind nicht ausschließlich langweilig. Sie wecken auch die Kreativität und den Erfindergeist von Schülern.

Hamburg-Lohbrügge im Südosten der Hansestadt gilt als strukturschwacher Ort. Weit weg vom Trubel der Innenstadt ist der Stadtteil eher uninteressant für den Einzelhandel. Die Lohbrügger Seite der Alten Holstenstraße gibt ein besonders tristes Bild ab. Lokale bleiben leerstehend. Wenn überhaupt, lassen sich hier sogenannte „Billigläden“ nieder. Diesen Zustand wollten die Neuntklässler und Neuntklässlerinnen des Luisen-Gymnasiums Hamburg Bergedorf diskutieren. Sie wurden zu Stadtplanern und -planerinnen im Schulprojekt „Was braucht dieser Ort?“.

Tristesse wird zur kreativen Ideenwelt

Projektleiter Matthias Laabs wollte ursprünglich einen Impuls geben und der tendenziell eher unmotivierten Gruppe der Mittelstufenschülerinnen und -schüler neue Wege des Lernens aufzeigen. „Außerschulische Lernorte sind dafür besonders geeignet“, findet Laabs. Der Kunst- und Geografiepädagoge orientierte sich an der Vorgehensweise der „Kultur.Forscher!“, die offene und partizipative Lehrmethoden unterstützen. Mithilfe der Methoden des ästhetischen Forschens und des forschenden Lernens konnte Laabs gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus den Fächern Deutsch, Theater, Geschichte und PGW (Politik-Gesellschaft-Wirtschaft) seine Schülerschaft motivieren, eigene Fragestellungen zu entwickeln. „Die Fächer waren nicht entscheidend für dieses Projekt. Wir als Lehrkräfte gaben aber Impulse und der Klasse stand der entsprechende Stundenpool zur Verfügung, um die Fragestellung zu bearbeiten“, erklärt Matthias Laabs. Die Schülerinnen und Schüler wollten herausfinden, wie man die Fußgängerzone in Lohbrügge zu neuem Leben erwecken könnte. Sie fragten sich z. B.: Was macht das Stadtbild einer Stadt aus? Wie beeinflusst der Raum die Psyche eines Menschen? Welche Bedeutung hat Kunst in diesem Kontext?

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© privat

Vor Ort die Bedürfnisse erkunden

Um auf diese unterschiedlichen Fragen Antworten zu erhalten, sprachen die Lernenden mit Passantinnen und Passanten sowie Anwohnerinnen und Anwohnern und stellten eigene Beobachtungen an. Sie organisierten ein Politik-Café mit Lokalpolitikerinnen und -politikern und ein Barcamp mit lokalen Akteurinnen und Akteuren. Ideen und Vorschläge wurden ausgetauscht, diskutiert und zu Minipräsentationen ausgearbeitet.
Um so nah wie möglich an den vorhandenen Bedürfnissen zu sein, zog die Projektgruppe „Was braucht dieser Ort?“ während der gut einmonatigen Projektphase in die Alte Holstenstraße12, in einen leerstehenden Gewerberaum. Dort konnte die neunte Klasse ihre Ideen weiter verfolgen und zu den Gesprächsveranstaltungen einladen. Auch die Arbeitsergebnisse wurden hier präsentiert. Die Lehrerinnen und Lehrer wurden zu Lernbegleitern. „Diese Abschlussveranstaltung war ein produktiver Motor für unsere Schülerinnen und Schüler. Davor hatten sie Respekt. So eine große Wertschätzung erhält man in der Schule in der Regel nicht. Das geht weit über eine gute Note oder ein positives Feedback hinaus“, erklärt der Hamburger Kunstpädagoge den Antrieb für die Lernenden, sich über mehrere Wochen hinweg mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Dafür standen ihnen während der Projektphase wöchentlich vier Stunden im leerstehenden Geschäft sowie weitere zwei bis vier Stunden in der Schule zur Dokumentation zur Verfügung.

Stolze Schüler, stolze Schule

Ihre Überlegungen und Ergebnisse hielten die Schülerinnen und Schüler in Forschertagebüchern fest und präsentierten anschließende Erkenntnisse auf der Projektwebseite wasbrauchtdieserort. Die Motivation steigerte sich hierdurch, da die Jugendlichen ihre geleistete Arbeit auch außerhalb des Unterrichts zeigen konnten. Sie lernten, sich in Teams zu strukturieren und eigenständig Arbeitsabläufe zu planen. „Das soll ihnen dann in der Oberstufe zugute kommen“, erklärt Matthias Laabs seine Absichten. Durch die verschiedenen Präsentationsformen, die die Schülerinnen und Schüler während und nach dem Projekt ausprobierten, betrachteten sie ihre Fragestellungen immer wieder aus verschiedenen Perspektiven. Sie forschten interessengeleitet und fächerübergreifend. Die Methode des forschenden Lernens wurde und wird zeitgleich in weiteren Pilotprojekten am Luisen-Gymnasium erprobt und soll langfristig Teil des schulinternen Curriculums werden. Deswegen stellte Kunstlehrer Laabs im vergangenen Schuljahr mit einer achten Klasse die Frage „Was ist eigentlich Heimat?“. Dass Matthias Laabs und seine Kolleginnen und Kollegen für ihr Unterrichtskonzept mit dem zweiten Platz des Deutschen Lehrerpreises in der Kategorie „Unterricht innovativ“ der Vodafone Stiftung und des Deutschen Philologenverbands ausgezeichnet wurden, macht ihn stolz. Dadurch sieht er seinen pädagogischen Ansatz und die Arbeit der Schülerinnen und Schüler bestätigt.




Titelbild und alle Fotos: © privat/Matthias Laabs