Projektarbeit und Schülerfirma: Rainer Zastrutzki ist unser Lehrer der Woche

Rainer Zastrutzki ist Lehrer und Ganztagskoordinator der Stadtteilschule Wilhelmsburg, eine Schule, die bereits drei Mal den Hamburger Bildungspreis gewonnen hat. Warum Rainer Zastrutzki so viel Projektarbeit macht, wie förderlich ein gut durchdachtes Freizeitangebot für Schülerinnen, Schüler und Lehrkräfte sein kann und was es mit einer Schülerfirma auf sich hat, verriet er uns im Lehrer-der-Woche-Interview.

Steckbrief


Name: Rainer Zastrutzki
Schule: Stadtteilschule Wilhelmsburg
Die Schülerinnen und Schüler von heute … sind spannend und lebendig.
Die Schule von morgen wird es nie geben … weil morgen dann heute ist.
Ich werde nie vergessen … als ich das erste Mal als Tutor in meine Klasse kam.

Auf der Hompage Ihrer Schule heißt es „Eine Schule für alle”. Können Sie das näher ausführen? Und wie äußert sich dieser Anspruch in Ihrer Tätigkeit als Lehrkraft?

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Rainer Zastrutzki: „Damit ist gemeint, dass wir alle Nationalitäten abholen, dass die Schule offen und tolerant ist und ihre Funktion als Stadtteilschule wahrnimmt, schwache Schüler, z. B. im Rahmen von Inklusion aufzunehmen und zu fördern, aber auch starke zu fordern. In der Arbeit der Lehrer äußert sich das zum einen darin, dass wir mit zusätzlichen Sonder- und Sozialpädagogen den inklusiven Unterricht vorantreiben und zum anderen mit Hilfe von Kooperationsparten Projektwochen durchführen, Profilklassen aufbauen und somit eine praxisorientierte Unterrichtsgestaltung bieten. Weiterhin heißt dies, dass in unserer Schule alle Schulabschlüsse erreicht werden können und bis zur eigenen Oberstufe dann auch auf den gymnasialen Schulabschluss vorbereitet wird. Leistungsstarke Schüler werden somit an unserer Schule gefordert!”

Die Stadtteilschule Wilhelmsburg ist eine Ganztagsschule mit einem reichen Freizeitangebot. Was bieten Sie Ihren Schülerinnen und Schülern?

Rainer Zastrutzki: „Die Angebote gliedern sich in Säulen: Sport und Bewegung, Kunst, Ernährung und Bildung (Weiterbildung). Ab der Sekundartufe I werden verschiedene Trendsportarten angeboten wie Street Soccer, Rudern, Basketball, African Dance, Segeln usw.. Daneben gibt es musikalische und gestalterische Angebote wie Bands, die Medienwerkstatt, Design oder kreatives Zeichnen. Aktuell haben wir zusätzlich noch einen Freizeitkurs für den Bundessprachwettbewerb installiert, der Schülern, die beispielsweise sehr stark im Englischunterricht sind, ermöglicht, über die Teilnahme an solchen Wettbewerben zusätzlich gefordert und gefördert zu werden.

In den letzten zwei Jahren habe ich die Nachfrage evaluiert, da in der Sekundarstufe I das Freizeitangebot nicht mehr verpflichtend ist. Die Evaluation ergab eine freiwillige Beteiligung von 44,3 Prozent und das, obwohl im Rahmen der Ganztagsschule beispielsweise die Jahrgangsstufe neun vier Mal die Woche bis 16 Uhr Unterricht hat. In der zehnten Klasse, in der es dann an die Vorbereitung zur Ausbildung geht, nimmt das natürlich ab. Aber besonders in den Jahrgängen fünf bis acht genießt unser Freizeitangebot einen regen Zulauf.

In der Grundschule sind die Freizeitangebote hingegen verbindlich und es finden einmal die Woche verpflichtende Freizeitkurse statt. Und auch da bieten wir ein breites Feld von handwerklichen Kursen wie Töpfern oder Kochen bis hin zu Bewegungsbaustellen an und versuchen so, Dinge abzudecken, die im normalen Unterricht nicht möglich sind und natürlich den Schülern auch Spaß zu vermitteln ‒ denn es ist ja ein Freizeitkurs.”

Sie haben im Rahmen der „Das macht Schule”- Projekte einen Sponsorenlauf veranstaltet. Wie kam es dazu? Und wie haben Sie sich dabei als Lehrer eingebracht?

Rainer Zastrutzki: „Vor ca. zwei Jahren bin ich mit „Das macht Schule” in Kontakt getreten, habe ein Projekt vorgestellt und erfahren dürfen, dass das eine gute Zusammenarbeit ist. ‘Das macht Schule‘ veröffentlichte dann vor einiger Zeit auf der Homepage das Angebot, Unterstützung bei Sponsorenläufen zu leisten. Parallel dazu kam der Schülerratssprecher auf mich zu und meinte, dass die Schüler vom Schülerrat eine Aktion zur Pausenhofverschönerung starten wollen und sie hätten sich dazu die Idee des Sponsorenlaufes überlegt. Ich habe dann das Ganze noch mit dem Sportprofil eines Kollegen kombiniert, der dann mit seinen Schülern die Organisation und Durchführung des Sponsorenlaufes im Rahmen seine Profils übernommen hat.”

Was wurde mit dem „errannten” Geld finanziert?

Rainer Zastrutzki: „Die Gelder haben wir aufgeteilt. Zum einen für das Projekt „Der Pausenhof rockt ” im Jahrgang acht, welches weiter fortgeführt werden sollte. Teile des Geldes fanden Verwendung für die Idee des Schülerrats zur Verschönerung des Pausenhofs, andere wurden für die aktive Pause, sprich die Anschaffung von Sport- und Spielgeräten verwendet und ein weiterer Teil ging in die Klassenkassen zurück.”

Im Rahmen eines anderen „Das macht Schule“-Projekts haben Sie am Valentinstag mit einer Klasse Blumen gegen eine Spende verschenkt, um die Schülerfirma VeddelERleben zu unterstützen. Können Sie uns Näheres zu dieser Schülerfirma erzählen?

Rainer Zastrutzki: „Die Schülerfirma VeddelERleben betreibt und organisiert eine Sport- und Eventhalle im Rahmen einer Quartiersentwicklung in Zusammenarbeit mit unserem Partner, der SAGA GWG. Die Idee, dass diese Halle von Schülern betreut und organisiert werden könnte, hatte Get the Kick e.V., ein weiterer Partner von uns. Nachdem das Konzept stand und die SAGA GWG dieser Idee zugestimmt hat, hat die Schule aktiv eine Profilklasse in ihr Angebot integriert, in der die Schüler vier Stunden in der Woche in einer Schülerfima aktiv tätig sind.

Die Halle ist nun die komplette Woche an Kindertagesstätten und Sozialprojekte vermietet und kommt somit auch dem sozialen Ansatz der Quartiersentwicklung entgegen. Daneben wird sie auch an private Interessenten vermietet, die für die Nutzung bezahlen. Die komplette Verwaltung und das Betreiben der Halle übernehmen die Schüler, die auf verschiedene Abteilungen wie Buchhaltung, Öffentlichkeitsarbeit oder Geschäftsführung aufgeteilt sind. Dass das Konzept aufgeht und auch ankommt, zeigen auch die zahlreichen Preise und Auszeichnungen, die VeddelERleben bereits erhalten hat: Holger-Cassens-Preis 2012, Wirtschaftspreis der Industrie und Handelskammer, Preis soziale Stadt Berlin.“

Worin sehen Sie, ganz allgemein gesprochen, den Vorteil von Projektarbeit an Schulen gegenüber den gängigen Unterrichtsmodellen, zum einen für die Schülerinnen und Schüler und zum anderen für Sie als Lehrkraft?

Rainer Zastrutzki: „Zum einen ist das ein hoher Motivationsfaktor für viele Schüler und auch Lehrer, da sich in der Evaluation anhand dieser Projekte immer wieder zeigt, dass sich die Kernkompetenzen anhand von praktischen Projekten deutlich ausgeprägter zeigen und auch nachhaltiger gelernt werden. Dementsprechend machen wir gern Projektarbeit, die wir dann auch mit Unterrichtsinhalten verknüpfen, weil Schüler in der Praxis mit deutlich mehr Freude und Spaß die Dinge erleben und erlernen und das Ganze dann zusätzlich noch einen Bezug zum Alltag hat. So lernen Schüler einfach deutlich mehr an wichtigen Sozialkompetenzen als im Vergleich zum normalen Unterricht.”

Erhalten Sie auch direkte Rückmeldungen von den Schülerinnen und Schülern auf diese Form der Unterrichtsgestaltung (Profilklassen, Projektarbeiten, Schülerfirma)? Wie äußert sich das im Einzelfall?

Rainer Zastrutzki: „Im September diesen Jahres habe ich eine Rückmeldung einer Schülerin aus einer Profilklasse bekommen, die jetzt in der Ausbildung ist und anmerkte, dass ihr bereits viel Eigenverantwortung zugesprochen wird, die gewöhnlich erst für das dritte Lehrjahr vorgesehen ist. Die nötigen Kompetenzen dafür besitzt sie schon, weil sie sich in der Schülerfirma um die Buchhaltung gekümmert hat.

Eine andere Schülerin der Jahrgangsklasse 10 hat sich durch das Profilklassen- und Freizeitangebot eine Qualifikation als Freizeitkursleiterin erarbeitet und bietet nun für Schülerinnen der Jahrgangsstufe fünf einen Fußballkurs an. Auch so übertragen wir den Schülern Verantwortung. Zudem wird die Qualifikation durch ein entsprechendes Honorar vergütet. Solche Angebote binden die Schüler natürlich auch und lassen eine andere Sichtweise auf Schule und Schule als Lebensmittelpunkt zu.”

Titelbild: ©Rainer Zastrutzki