„Schüler können in der Schule und zu Hause in ihrem eigenen Tempo lernen“

Bernd Lemanczyk betreut die Tabletklassen am Gymnasium Kirchheim. Die Schule gewann den zweiten Platz beim Deutschen Schulpreis 2017.

Steckbrief


Name: Bernd Lemanczyk
Schule: Gymnasium Kirchheim
Fächer: Englisch, Französisch
Die Schülerinnen und Schüler von heute … … sind unsere Zukunft. Deswegen sollten wir sie auf ihrem Weg so gut wie möglich unterstützen und begleiten.
Die Schule von morgen … müssen wir schon heute entwickeln und gestalten, anstatt einfach nur zu darauf zu warten, was kommt.
Ich werde nie vergessen, wie … erfüllt ich mich nach meiner allerersten Unterrichtsstunde in meinem ersten Lehramtspraktikum gefühlt habe. Meine Eltern sind beide Lehrer und ich wollte anfangs alles, nur nicht Lehrer werden. In diesem Moment aber wusste ich: Das ist genau mein Ding!

Herr Lemanczyk, das Gymnasium Kirchheim wurde am 29. Mai als eine von fünf Schulen mit dem Deutschen Schulpreis in Berlin ausgezeichnet – unter anderem wegen ihres digitalen Konzepts und der Tabletklassen. Wie fühlte es sich an, diesen Preis entgegenzunehmen?

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Bernd Lemanczyk: „Es war eine unheimliche Überraschung für uns, einen Preis zu erhalten. Wir hatten uns das erste Mal darauf beworben. Allein die Einladung zur Preisverleihung war schon ein Riesenerfolg. Dass wir dann auch noch ausgezeichnet wurden, hat uns alle sehr glücklich gemacht.“

Gibt es konkrete Pläne, was Sie mit dem Preisgeld umsetzen wollen?

Bernd Lemanczyk: „Es gibt noch keine konkreten Pläne. Das Preisgeld war auch gar nicht so ausschlaggebend, um am Wettbewerb teilzunehmen. Wir wollten vorrangig mit anderen Schulen in Kontakt kommen, vor allem über Bayern hinaus. Hier sind wir bereits gut vernetzt. Wir sind immer an neuen Ideen interessiert, um herauszufinden, was wir uns bei anderen Schulen eventuell abschauen können oder wie wir uns weiterentwickeln können.“

Zu Beginn des Jahres wurden Zahlen und Konzepte für einen Neubau des Schulgebäudes veröffentlicht. Inwiefern spielt die Digitalisierung der Schule eine Rolle im Bauvorhaben?

Bernd Lemanczyk: „ An unserer Schule wird seit Jahren eine intensive Schulentwicklung betrieben, Digitalisierung ist dabei ein wichtiger Aspekt neben vielen anderen Dingen.

Dennoch finde ich es wichtig, dass wir uns damit befassen. Die Digitalisierung ist ein Fakt. Die Schülerinnen und Schüler sind ständig in Kontakt und vernetzt mit ihren Smartphones oder anderen Geräten. Daher sollte sich die Schule nicht davor verschließen oder mit Verboten reagieren. Man sollte sich einfach damit auseinandersetzen.“

Inwiefern können Schülerinnen und Schüler bei Ihnen an der Schule Handys, z. B. zu Recherchezwecken einsetzen?

Bernd Lemanczyk: „Zunächst gilt, was in Bayern Gesetz ist, d. h. digitale Speichermedien sind an sich verboten. Aber zu Unterrichtszwecken ist der Einsatz erlaubt. In den Tabletklassen ist es bei mir ohnehin so, aber auch in anderen Klassen können die Kinder mit ihrem Handy mal ein Wort nachschlagen oder ihre Smartphones zur Recherche benutzen.“

Können Sie uns erklären, wie die Tablets am Gymnasium Kirchheim eingesetzt werden?

Bernd Lemanczyk: „Der Einsatz variiert natürlich von Fach zu Fach und wie vertraut die Lehrerinnen und Lehrer sind bzw. wie bereit sie sind, sich darauf einzulassen. Es wird in vielen Klassen mit digitalen Klassenzimmern gearbeitet. Dort können Lehrerinnen und Lehrer z. B. Material zur Verfügung stellen oder bestimmte Aktivitäten einstellen. Dann sind die Schülerinnen und Schüler nicht nur passiv, sondern können auch aktiv und in Teamarbeit damit arbeiten. Darüber hinaus gibt es viele Programme oder Apps, die wir einsetzen. Aber immer nur dann, wenn es auch Sinn ergibt. Es ist wenig sinnvoll, die Geräte einfach nur ins Klassenzimmer zu stellen und dann mal zu gucken. Man muss sich genau überlegen, was man bezwecken möchte, ob der Computer hier einen Vorteil oder einen Mehrwert gegenüber Stift und Papier bietet. Dann ist es gut, ihn einzusetzen.“

Welches pädagogische Konzept verfolgen Sie dabei?

Bernd Lemanczyk: „Individualförderung ist ein sehr wichtiges Thema, bei dem ich auch einen großen Mehrwert der digitalen Klassenzimmer bzw. Computer sehe. Dort kann man auf einfache Art und Weise viel Material und Erklärungen bereitstellen. Die Schülerinnen und Schüler können in der Schule und zu Hause in ihrem eigenen Tempo lernen.“

Ab welcher Klasse werden Tablets bei Ihnen im Unterricht eingesetzt?

Bernd Lemanczyk: „Bei uns ist es so, dass sich die Schülerinnen und Schüler der siebten Klasse entscheiden können, ob sie für drei Jahre – achte, neunte und zehnte Klasse – in eine Tabletklasse gehen möchten. Diese Entscheidung ist dann auch bindend und man sollte dabei bleiben. Die Kinder bzw. deren Eltern sind selbstständig für die Beschaffung und Wartung der Geräte zuständig.“

Gibt es technische Vorgaben oder ist es Ihnen egal, mit welchem Tablet die Kinder kommen, Hauptsache es ist aufgeladen?

Bernd Lemanczyk: „Es gibt ein paar Vorgaben, z. B. ein einheitliches Betriebssystem. Damit sind die Lehrerinnen und Lehrer vertraut und können bei Problemen schnell helfen. Auch zur Größe gibt es gewisse Vorgaben, da es nicht so viel Sinn ergibt, mit einem 7-Zoll-Tablet zu arbeiten. Damit kann man zwar gut konsumieren, aber aktiv damit zu arbeiten, ist schwierig. Es gibt aber viele Geräte, die diese Vorgaben erfüllen und innerhalb dieser Gerätepalette haben die Eltern und Kinder die freie Auswahl.“

Gibt es ein praktisches Beispiel aus Ihrem Unterricht?

Bernd Lemanczyk: „In meinen achten und neunten Klassen mache ich gerne Projektarbeit. Über fünf bis sechs Wochen haben die Kinder die Aufgabe, die Inhalte einer Lektion des Lehrbuchs in irgendeiner Form zu verarbeiten. In Englisch handelt es sich dabei z. B. um eine Einheit zum Südwesten Englands. Oft passiert dies digital, sodass Quizspiele, Apps oder interaktive Power-Point-Präsentationen oder ein Kurzfilm entstehen. Die Arbeit geschieht in Gruppen von vier bis fünf Schülerinnen und Schülern. In den ersten Wochen eignen sie sich das Wissen an und ich bin eher nur als Beobachtender bzw. Ansprechpartner dabei. Im zweiten Teil erarbeiten sie dann das Produkt.

Diese Projektarbeit ersetzt eine normale Schulaufgabe und erhält dadurch auch einen hohen Stellenwert bei den Schülerinnen und Schülern. Das ist nicht irgendein Nebenbeiprojekt, sondern hat auch sein Gewicht. Im Gegensatz zu einer normalen Schulaufgabe geht es dabei nicht nur um das fachliche Können, sondern Kriterien wie Teamfähigkeit oder Kreativität fließen ebenfalls in die Note ein.“

Können Sie sich in der Zukunft vorstellen, dass Ihr Unterricht insgesamt digitaler wird?

Bernd Lemanczyk: „Ja, das wäre meine Wunschvorstellung. Grundsätzlich sind wir in den Tabletklassen jedoch genauso an die Lehrpläne gebunden, wie jede andere Klasse auch. Und uns fehlen zudem in der aktuellen Lehrwerksgeneration die digitalen Schulbücher. Im nächsten Schuljahr haben wir einen neuen Lehrplan für die Gymnasien in Bayern. Bei den neuen Lehrwerken, die dann zum Einsatz kommen, gibt es dann auch E-Books. Das wird eine riesen Erleichterung.

Daher sind auch die Tablets aktuell nur ein ergänzendes Medium und wir müssen oft normal mit Stiften und Büchern arbeiten.“

Welche Vor- und Nachteile sehen Sie im Umgang mit digitalen Lehrmaterialien?

Bernd Lemanczyk: „Der große Vorteil ist die Möglichkeit der Individualisierung und Differenzierung für die Schülerinnen und Schüler. Sie sind interessierter und motivierter. Der Nachteil ist, dass vieles in der technischen Umsetzung noch nicht so gut funktioniert. So gibt es in einem unserer neuen E-Lehrwerke zwar eine Stiftfunktion, die aber sehr träge ist. Das sind aber hoffentlich technische Kinderkrankheiten.“

Wie viele Kolleginnen und Kollegen sind an dem Einsatz interessiert bzw. haben ihn schon mal ausprobiert?

Bernd Lemanczyk: „Mein Kollegium ist insgesamt sehr offen und interessiert, das finde ich schön. Das digitale Klassenzimmer wird etwa von zwei Drittel der Kolleginnen und Kollegen genutzt. Gerade ist bei uns z. B. Kahoot der große Renner. Dafür reichen auch die Handys der Kinder und Jugendlichen und man braucht nicht den Computerraum.“

Gibt es neben Kahoot andere Apps oder Programme, die Sie gern verwenden?

Bernd Lemanczyk: „Ich nutze auch gerne die Learning Apps. Beides zeige ich den Schülerinnen und Schülern zunächst, dann erstellen sie damit selbst Quizze oder Übungen. Dabei passiert unglaublich viel. Sie müssen Fragen und mögliche Antworten formulieren, die nicht allzu leicht zu finden sind.“

Wie werden Sie bei der fortlaufenden Weiterbildung durch Ihre Schule unterstützt?

Bernd Lemanczyk: „Da passiert viel zwischen Tür und Angel. So läuft es gerade z. B. mit Kahoot. Ein Kollege probiert es aus und erzählt es weiter. Daneben gibt es für die Tabletklasse und die digitalen Klassenzimmer regelmäßig schulinterne Weiterbildungen für Einsteiger und Fortgeschrittene. Wir haben auch einen Systembetreuer an der Schule. Seit einem halben Jahr haben wir außerdem eine halbe IT-Stelle.“

Zum Abschluss: Gerade wurde der dritte Teil der deutschen Erfolgskomödie „Fack ju Göhte“ am Gymnasium Kirchheim gedreht. Wie aufgeregt waren die Schülerinnen und Schüler?

Bernd Lemanczyk: „Die Schülerinnen und Schüler waren sehr aufgeregt und haben versucht, etwas zu erspähen. Sie wollten von dem einen oder anderen Hauptdarsteller bzw. Hauptdarstellerin ein Autogramm bekommen. Dazu gab es dann auch eine Autogrammstunde. Aber außer dass die Turnhalle für die Dreharbeiten für eine Weile gesperrt war, konnten wir ganz normal Unterricht machen.“