Selbstbewusste und technikaffine Angsthasen der neuen „Work-Life-Balance”: Die Generation Y

Ein schwieriger Term und allenfalls ein Schlagwort, doch die Zeitungen und Berichterstattungen sind voll davon: Generation Y. Die Generation derjenigen, die um die Jahrtausendwende herum zu den Teenagern zählten und die technologieaffin, gebildet, sinnsuchend, kritisch, freizeitgeil, karriere-desorientiert und noch so viel mehr sind, oder besser sein sollen. Denn was man über diese Generation liest, was ihr zugeschrieben und wie sie definiert wird, ist viel und zum Teil fraglich und widersprüchlich. Wir haben uns diesem Thema gewidmet und dazu den Psychologen, promovierten Erziehungswissenschaftler und Erfolgsautoren Dr. Albert Wunsch befragt.

Die „Warum“- Generation

Der Buchstabe Y, der namensgebend für die Generation der zwischen 1980 und 2000 Geborenen steht, klingt in der englischen Aussprache wie das Wort „Why“ ̶ „Warum“. Nach 1945 ist es aus ökonomischer Sicht her gesehen die dritte Generation, die Deutschland verändert. Die erste Generation, die Trümmergeneration, baute Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg wieder auf. Danach wurde die Generation X geboren, die das Wirtschaftswunder mit ankurbelte und davon profitierte. Und nun steht die Generation Y auf dem Plan, die in einem inflationären Optionendschungel aufgewachsen ist, der alle Türen offen stehen und die alles zu hinterfragen weiß. Weil sie länger studieren und später Familien gründen (können), verzögert sich ihr Erwachsenwerden um drei und mehr Jahre. Vielleicht auch, weil das Streben nach Status ihrer Sinnsuche, ihrer Dauerfrage nach dem Warum, Platz macht. Oder liegt die Erklärung darin begründet, wie es der Pädagoge Wunsch formuliert: „Da diese Generation schon in der Kindheit und Jugend fast alles von dem hatte, was früher dem Erwachsenenalter zugerechnet wurde ‒ recht freier Konsumzugang, wenig Grenzsetzungen der Eltern ‒ haben diese gar keinen Antrieb, in eigener Verantwortung im Leben stehen zu wollen bzw. sollen.“

Eine klare Definition scheint jedoch schier unmöglich, bei diesem Wust an Charakteristika, die diesem Sinnsucherjahrgängen angetragen werden. So weiß auch der Erziehungswissenschaftler Albert Wunsch, verständlicherweise, nur eine sehr verallgemeinernde Antwort zu geben: „Was darunter verstanden wird, ist eigentlich dieses typische, sich von den älteren Generationen abgrenzende Verhalten von 18 bis 30 Jährigen, die eine Reihe von Eigenschaften und Angewohnheiten haben, die in der Intensität vorher nicht so dagewesen zu sein schienen.“

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Als solche Eigenschaft und Angewohnheit wird vor allem die Technikaffinität genannt. Diese Generation ist mit Computer und Internet aufgewachsen und somit auch ganz anders sozialisiert worden: Die non-stop-Onliner, die immer und überall erreichbar sind. Nach Dienstschluss werden noch Arbeitsmails gecheckt, am besten in der S-Bahn auf dem Smartphone und der Laptop ist steter Nachbar auf der Feierabendcouch. „Als „rastlos, heimatlos und oberflächlich“ charakterisierte der Freizeitforscher Horst W. Opaschowski diese in der Spaßgesellschaft aufgewachsenen Jugendlichen und bezeichnete sie als „Generation @“, so Wunsch.

Diese Generation hat viele Ängste, was nachfolgend einem gesonderten Abschnitt bedarf, aber sicher keine vor neuen Medien. Im Gegenteil: sie sind skeptisch gegenüber traditionellen Medien, verlieren das Vertrauen darin, etablieren sich zu Medienkritikern und schaffen sich ihre eigenen Nachrichtenfilter über Blogs, Tweets etc..

Verändert die Generation Y die Arbeitswelt?

Vor allem in der Berufswelt wird den „Ypsis“ nachgesagt, alles zu hinterfragen und in ihrem Beruf in erster Linie nach dem Sinn zu suchen. Eine Vielzahl hochqualifizierter Nachwuchskräfte betritt den Markt und das angeblich selbstbewusster und fordernder denn je. Für ihre Sinnsuche und Selbstverwirklichung bedürfen sie vieler Freiräume und eine angenehme „Work-Life-Balance“. Die Generation Y, so sagt man, sei längst nicht mehr bereit, für die Karriere das Leben zu opfern, was allerdings differenzierter zu betrachten ist: „Ich habe eine Reihe von jungen Studierenden kennen gelernt, die ein sehr starkes Bestreben haben, in einen guten Beruf hineinzukommen, die auf der anderen Seite aber auch gesagt haben, resultierend aus den Erfahrungen mit ihren eigenen Eltern, dass es ja nicht das Ziel des Lebens sein kann, täglich 15 Stunden im Job zu verbringen. Und das finde ich eine sehr interessante Konsequenz. In Österreich äußersten sich junge Frauen im Rahmen einer Untersuchung, dass sie nicht ihr ganzes Leben auf eine Berufskarriere setzen wollen. Wenn das Wort “Karriere” eine Bedeutung hat, dann eher als Form einer Lebenskarriere die Beruf, Kind und Partner unter einen Hut bringt. Damit sind auch klare Abstriche am Umfang eines beruflichen Gelderwerbs verbunden, weil Partnerschaft und Kinder auch Zeit benötigen und nicht ‚so nebenbei’ zu erledigen sind. Und fast alle Frauen, die in Österreich befragt wurden, haben anschließend gesagt, dass sie namentlich nicht in Verbindung mit der Untersuchung genannt werden, sprich anonym bleiben wollen. Wenn eine Generation schon so einen Spagat lebt, bestimmte Lebensziele zu haben, die im Augenblick gesellschaftlich aber nicht favorisiert sind und deshalb die Sorge hat, dass man diskriminiert wird, ist das doch ein nachdenklich machendes Phänomen.“, gibt der Erfolgsautor zu denken.

Was sie nicht sind, was ihnen aber fälschlicherweise oft nachgesagt wird, ist die Zuschreibung, eine „Null-Bock-Generation“ zu sein. Null Bock haben sie keinesfalls, nur stellt auch der Spaß an der Arbeit ein hohes Gut dar. Daneben gilt es schnell vorwärts zu kommen, dafür jedoch nicht zu viel Zeit im Job zu verbringen. Persönliche Entwicklung ist ihnen vorrangig wichtig, ohne dabei prestige- und anerkennungsfixiert zu sein. Selbstbestimmungsräume und Flexibilität, dass sind also vorrangig die neuen Ansprüche an die Arbeitgeber.

Jene Haltungen leitet Wunsch auch aus der Beziehung zur Vorgänger- Elterngeneration ab. Der Pädagoge spricht von einer neuen Form der „Helicopter-Eltern“, die jene Generation prägten und für so manches Charakteristikum verantwortlich sein. „Da sind Eltern die dauernd ihre Kinder begleiten und behüten. In Hochschulen gibt es mittlerweile schon Elternsprechtage, wo sich die Eltern dann erkundigen, wie die Lernleistung ihres Sohnes oder ihrer Tochter ist. Das hätte es vor 20 Jahren so nicht gegeben. Auf der einen Seite scheinen sie weniger Fähigkeiten im Durchhalten zu haben, um Dinge zu erreichen, auf der anderen Seite haben sie aber auch indirekt ein Stück von den Eltern gelernt, dass dieses permanente im Hamsterrad laufen, auch nicht das Wahre ist.“, so Wunsch.

Selbstbewusste Zweifler?

Was bei jeder Debatte um die vermeintlichen selbstbewussten und technikaffinen Autodidakten zu kurz kommt, ist, dass die Generation Y eine Generation ist, die sich den Zweifel auf die Fahnen geschrieben hat. Zweifel begründen auf Ängsten und davon haben Vertreter dieser Generation nicht gerade wenig. Denn wie die von Wunsch angerissene, österreichische Studie aufzeigt, haben sie zwar spezifische Vorstellungen, wissen was sie wollen, können sich aber offensichtlich nicht öffentlich dazu positionieren, aus Angst, auf eine Gesellschaft zu treffen, die dafür noch nicht bereit ist. Ist diese Generation vielleicht doch gar nicht so selbstbewusst und selbstbestimmt, wie ihr nachgesagt wird? Und warum spricht eigentlich niemand von der so noch nie da gewesenen Lebenslauffixierung? Ein Praktikum jagt das nächste, kaum noch einer schafft es vom Studium direkt in die Festanstellung. An den Lebensläufen wird gefeilt und gepimpt: zwei mal Ausland, sieben Praktika, Volontariat, Traineestelle…und warum? Gefordert wird nämlich auch von der anderen Seite. Das hat nicht viel mit Selbstbestimmung- und Bewusstsein zu tun, sondern ist doch eher eine nicht wenig ausgeprägte Form von Angepasstheit und Ängsten, den Anforderungen nicht gerecht zu werden. Wunsch: „Ich sehe bei sehr vielen jungen Leuten eine große Zukunftsunsicherheit, was besonders auf das Berufsleben bezogen ist. Das geht schon im Studium los, da ist die Unsicherheit sehr groß: Bekomme ich überhaupt einen Arbeitsplatz? Und auch im Bereich der Partnerschaft wird das genauso deutlich. Das heißt, die jungen Leute zweifeln, sie wollen von ihrer Intention her schon eine auf die Zukunft ausgerichtete Beziehung und haben gleichzeitig den Zweifel, wenn so viele Ehen scheitern, dann kann das bei mir ja auch nicht funktionieren.“

Dieser Zweifel, von dem die Generation Y bestimmt wird, resultiert auch aus dem großen Becken an Optionen, in denen sie erstmals ungehemmt paddeln können, aber stetig mit der Angst im Nacken, irgendwo anzuecken, sich fehl zu entscheiden und überhaupt: Bin ich richtig aufgesprungen? „So wie früher jemand in einem Dorf beispielsweise groß wurde, wo der Weg vorgezeichnet war ̶ der hat sich nie in der Situation gefühlt, sich nach anderen Lebensoptionen zu fragen. Und jetzt haben wir die sogenannten Wahlbiographien und man geht sozusagen in ein Lebensentwürfe-Kaufhaus der Biographien und versucht sich eine eigene zu basteln und das geht oft schief und setzt vor allem einen unwahrscheinlichen Druck in Gang, frei nach der Devise: Für welche Biographie soll ich mich eigentlich entscheiden.“

Druck – das ist ein Prädikat dieser Generation, unter welchem sie vehement leidet. Neben der Rundumverfügbarkeit, derer sie sich so verschrieben haben, ist es der Druck unter den Optionen an Angeboten und Möglichkeiten des „Die-Welt-steht-uns-offen-Dschungels“. Das Ankommen fällt diesen Vertretern dabei besonders schwer, bzw. wird ihnen schwer gemacht. Oder ist Ankommen vielleicht sogar gar kein Teil dieser Generation mehr? Seit Jahren fragen sich Abiturienten nach ihrem Abschluss, was sie denn Tolles studieren sollen oder wollen, nach dem Studium fragen sie sich, was sie denn Tolles werden wollen oder sollen und nach dem sechsten Praktikum, was man denn anfangen sollte oder wollte, mit dem was man alles gemacht hat.

Wunsch hat über die Entstehung von und den Umgang mit Unsicherheiten ein Buch geschrieben, mit dem Fokus auf die Entwicklung der sogenannte Resillenz, einer Fähigkeit, sich in Druck-Situationen zu behaupten und unerwünschte Umstände abwehren zu können (siehe Buchtipp im Anhang).

Die unscharfe Y-Schablone

Dass man bestimmte Zuschreibungen nicht für eine ganze Generation pauschalisieren kann, leuchtet sicher jedem ein. Denn dabei werden viele Trends innerhalb einer Altersgruppe missachtet. Nur scheinen etliche Soziologen und Psychologen dies anders zu sehen.

Natürlich wird es Leute geben, die in die Y-Schablone passen, aber diese gleich einer ganzen Generation aufzuerlegen ̶ tut das Not? Wunsch: „Ich habe den Eindruck, dass Generationenbezeichungen Marketingentdeckungen der Soziologen sind. Sozialwissenschaftler führen regelmäßig Jugenduntersuchungen durch und dann versucht der Verantwortliche dieser Untersuchung im Anschluss eine plakative Begründung zu finden, die eine Mischung aus Zeitgeist und Daten der Untersuchung zu sein scheint. Und vieles greift dann natürlich zu kurz. Und wenn ich an alte Generationenzuschreibungen der 50er und 60er Jahre denke, die skeptische Generation (H. Schelski), die Konsm- oder Null-Bock-Generation ̶ es ist immer ein Facette, die in so einer Untersuchung deutlich geworden ist und diese wird dann als plakative Überschrift für eine gesamte Generation benutzt.“

Ok, die Selbsterfindung dieser Generation ist wirklich kein kleiner Keks, an dem geknabbert wird: schöner, kreativer, spontaner ̶ aber ist das nicht einfach, wenn auch banal, der Lauf der Dinge und wiederum eine Form von Angepasstheit. Sie werden überfrachtet mit Konsumgütern, grenzenlosen Medienangeboten und so vielen Optionen ̶ die mehr Türen als je zuvor öffnen, aber ebenso auch zufallen lassen können. Wunsch’s Konsequenz aus diesem Generationendomino ist: „Ich mag diese Zuschreibungen höchstens als Hinschauer in der Überschrift, um dann weiter zu lesen, dass es so wie in der Überschrift deklariert wurde, gar nicht ist.“

Buchtipp

Wunsch, Albert: Mit mehr Selbst zum stabilen ICH! Resilienz als Basis der Persönlichkeitsbildung, 2013, Springer Spektrum.

Der Resilienz-Faktor ICH als wirksamer Schutz-Schirm für Körper und Seele. Wer will nicht sein Leben gut meistern? Aber die Umsetzung ist gar nicht so einfach. Denn ohne emotional-soziale Kompetenz geht heute gar nichts, ob im Berufsleben, in Partnerschaft, Familie oder Freundeskreisen. Permanent sollen wir präsent sein. Kaum bleibt Luft zum Innehalten. Allgegenwärtige Medien schaffen eine Rundum-Verfügbarkeit. Wo und wie wird diese Fähigkeit für ein störungsarmes und erfüllendes Miteinander erworben? Was fördert oder behindert ihre Entwicklung? Wie werden Kinder zu starken Persönlichkeiten? Wo können Erwachsene ansetzen, um besser mit den vielfältigen Erfordernissen umzugehen? ‒ das sind Fragen, mit denen sich Dr. Albert Wunsch in seinem Buch auseinandersetzt und die sich nicht nur Vertreter der Generation Y stellen und nach Antworten suchen.

Zum Autor:

Albert Wunsch ist promovierter Erziehungswissenschaftler, Psychologe, Supervisor (DGSv) und Konflikt-Coach. Er lehrte von 2004 – 2012 Konzepte der Eltern-Qualifizierung, Pädagogik der Kindheit, Methoden der Gesprächsführung, Konflikt-Management und Supervision an der Katholischen Hochschule NRW in Köln. Im Januar 2013 wechselte er hauptberuflich an die Hochschule für Oekonomie & Management (FOM) in Essen und Neuss und lehrt dort die Module Kommunikative Kompetenz, Konfliktmanagement und Ethik. Außerdem hat er seit über 25 Jahren einen Lehrauftrag an der Philosophischen Fakultät der Uni Düsseldorf. Er arbeitet in eigener Praxis als Paar-, Erziehungs-, Lebens- und Konflikt-Berater. Er ist Vater von 2 Söhnen und Großvater von 3 Enkeltöchtern. Weiter infos: www.albert-wunsch.de

Weitere Info: http://www.team-f.de/presse/472-albert-wunsch-resilienz

Titelbild:©Shutterstock/ra2studio