Wie Lehrkräfte das Vergessen verhindern

Vergessen ist eine Art Sortiervorgang des Gehirns. Damit Schülerinnen und Schüler Schulstoff besser behalten, sollten Lehrkräfte den Unterricht gedächtnisfreundlich gestalten.

Optimierung unseres Gedächtnisses

In einer aktuellen Veröffentlichung der Neurobiologen Blake Richards und Paul Frankland problematisieren die beiden Wissenschaftler die Vorstellung vom Prozess des Vergessens. Es sei nicht so, dass das Vergessen eine Art Verlust einer Erinnerung darstellt. Viel mehr sei unser Gedächtnis evolutionär betrachtet darauf aus, Entscheidungen für unser Überleben durch vorhandene Erinnerungen und erlernte Fähigkeiten so gut wie möglich zu optimieren. Das Vergessen ist also eine Strategie, in der Prozesse in unserem Gedächtnis ablaufen, die auswerten, ob eine Information benötigt wird oder gelöscht werden kann.

„From this perspective, forgetting is not necessarily a failure of memory“, erklären Richards and Frankland in ihrer Untersuchung. „Rather, it may represent an investment in a more optimal mnemonic strategy.“

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( „Aus dieser Perspektive ist das Vergessen nicht unbedingt ein Versagen der Erinnerung. Stattdessen ist es eher eine Investition in bessere Gedächtnisstrategien.“, d. Red.)

Wie das Gedächtnis arbeitet

Das Langzeitgedächtnis speichert Gelerntes in einem Netz aus Neuronen ab. Diese spinnennetzartigen Gewebestrukturen nehmen das neue Wissen auf und verknüpfen es mit anderen Erfahrungen, die bereits in der Vergangenheit gesammelt wurden. So erweitert es das bestehende Wissen zu einem Thema, validiert bereits Gelerntes oder löscht, was sich durch erneute Wiederholung nicht bewahrheitet hat.

Wird neues Wissen nicht wieder abgerufen, löscht unser Gedächtnis die Information ziemlich bald wieder aus seinem Netzwerk. Eine bekannte Untersuchung zur Gedächtniskapazität lieferte Hermann Ebbinghaus bereits 1885, als er seine „Vergessenskurve“ veröffentlichte. Diese Theorie des schnellen Vergessens fußte auf einer Reihe von Versuchen, in der er seine Probanden eine Reihe zusammenhangsloser Wörter einmalig lernen ließ. So konnte er zeigen, dass die Erinnerung an diese Wörter schon bald aus dem Gedächtnis der Probanden verschwanden.

Aus Ebbinghaus’ Experimenten konnte abgeleitet werden, dass Lernen ohne regelmäßige Wiederholung zwangsläufig das Vergessen nach sich zieht – und das sogar ziemlich schnell.

Um dieses Netzwerk aus Neuronen also zu stärken und Gelerntes besser im Gedächtnis zu halten, müssen die Neuronen immer wieder angesprochen werden. Das Wissen muss also wiederholt werden. Forscherinnen und Forscher sprechen dabei von „neuronaler Plastizität“, also der Fähigkeit von Synapsen, Neuronen und Netzwerken, sich durch Optimierungsprozesse fortlaufend an die Anforderungen anzupassen. Wird wiederholt, werden sie stärker. Wird nicht wiederholt, verkümmern die Verbindungen und machen Platz für anderes Wissen.

4 Strategien für den Unterricht

Wenn Schülerinnen und Schüler also etwas Neues lernen, legen sie neuronale Verbindungen in ihrem Gehirn an, die sich über Synapsen mit existierendem Wissen verknüpfen. Je mehr Verbindungen dabei erstellt werden können, desto besser lernen sie. Wenn sie das Gelernte dann noch regelmäßig wiederholen, werden diese Verbindungen gestärkt und das Vergessen bzw. Verblassen der Erinnerung gestoppt.

Ein gedächtnisfreundlicher Unterricht beachtet Möglichkeiten der mehrmaligen Wiederholung, bietet Perspektivwechsel auf bereits Gelerntes und nutzt eine spielerische Reaktivierung der neuronalen Verbindungen.

Mit diesen vier Strategien können Lehrkräfte das Vergessen von Lernstoff verhindern:

  1. Kooperativ lernen: Wenn Schülerinnen und Schüler sich im Unterricht gegenseitig Fragestellung sowie Lösungswege erklären, reaktivieren sie ihr verblassendes Wissen und können es so stärken. Diese Strategie verbessert nicht nur das Behalten von Informationen, sie fördert auch das aktive Lernen.

    Eine Unterrichtsprinzip kann Think-Pair-Share sein, wonach die Schülerinnen und Schüler zuerst einzeln über den Arbeitsauftrag nachdenken, sich dann zusammentun und gegenseitig ihre Lösung erklären, um am Ende ihr gemeinsames Ergebnis zu präsentieren.

  2. Den Intervall-Effekt nutzen: Mit dem Intervall- oder Spacing-Effekt werden längere Wiederholungszyklen beim Lernen beschrieben. Ein Thema wird nicht nur einmal sehr intensiv gelernt und in einem kurzen Abstand dazu wiederholt, sondern in längeren, teilweise mehrwöchigen Zyklen immer mal wieder aufgegriffen, um so effizienter im Gedächtnis verankert zu werden.

    Dementsprechend sollte ein Thema im Laufe eines Schuljahrs an verschiedenen Punkten immer wieder aufgegriffen werden. Die Lernenden erhalten dadurch die Möglichkeit, das erlernte Wissen immer wieder abzurufen und erneut zu festigen. Eine kurze Auffrischung zum Stundenbeginn oder Hausaufgaben einige Wochen, nachdem das Thema zuletzt aufgegriffen wurde, sind zwei klassische Varianten. Auch Methoden wie die Quellenkritik oder Bildanalyse können über das gesamte Schuljahr hinweg immer wieder Bestandteil des Unterrichts sein, um vertiefend geübt zu werden.

  3. Tests und Quiz anwenden: Für viele Schülerinnen und Schüler gibt es keine schlimmere Vorstellung, als wenn sie in einer Testsituation einen Blackout erleben – alles weg, was sie eben noch wussten.

    Häufige Tests, die auch spielerisch als Pop-Quiz oder im Stil von „Wer wird Millionär?“ zum Einstieg in die Stunde angeboten werden können, reduzieren den Stress und erhöhen die langfristige Wissensspeicherung bei den Lernenden.

  4. Text mit Bild verbinden: Wurde etwas mit mehreren Sinnen gelernt, ist es einfacher wieder abrufbar, als wenn es nur über Text vermittelt wurde. Daher sollten auch immer Bilder zur Wissensvermittlung verwendet werden, die als Foto, Zeichnung, Video oder Animation Wissensinhalte visualisieren und Abstraktes leichter zugänglich machen.

    Zur Reaktivierung von Wissen können zu Beginn der Stunde verschiedene Bilder, Fotos oder Zeichnungen für die Schülerinnen und Schüler ausgebreitet werden, denen wichtige Begriffe zur vergangenen Unterrichtseinheit zugeordnet werden sollen. Anschließend begründen die Lernenden ihre Wahl und wiederholen so den Lernstoff sehr intensiv.

Titelbild: © GagliardiImages/shutterstock.com