Frau Ella: „Im Referendariat läuft alles falsch“

Sie wurde Lehrerin. Dann hat Frau Ella dem Schulsystem den Rücken gekehrt. Im Interview erzählt sie von ihrer „Lehrerausbildung-nach-Studium-Hölle“.

Liebe Frau Ella, in deinem Blog Frau Ella wird Lehrerin hast du viel über dein Referendariat geschrieben. Dann hast du dich entschieden, einen anderen Weg einzuschlagen. Warum?

Name: Frau Ella
Schule: irgendwo in Niedersachsen
Fächer: Deutsch und Politik
Die Schülerinnen und Schüler von heute … bringen mich immer wieder zum Staunen.
Die Schule von morgen … wird leider immer eine Utopie bleiben.
Ich werde nie vergessen, wie … sehr ich meinen Beruf liebe.

Frau Ella: „Zunächst habe ich zwei Jahre lang versucht, mich auf Planstellen zu bewerben. Was ich in den Vorstellungsgesprächen erlebt habe, spiegelte meine Erfahrungen aus dem Referendariat wider. In meiner Schulzeit bin ich gerne zur Schule gegangen. Das hat sich im Referendariat um 180 Grad gedreht. Schlussendlich hatte ich dann kurzzeitig eine Planstelle, die ich gekündigt habe. Ich habe da erst verstanden, dass ich mit dem Schulsystem abgeschlossen habe. Wohl auch, weil ich kurz vorher selbstständig war. In der Selbstständigkeit habe ich gemerkt, dass ein respektvoller Umgang in Arbeitsverhältnissen eine Selbstverständlichkeit sein kann. Nach der Kündigung stand ich kurz davor, meine eigene Sprachschule zu eröffnen. Ein absolutes Herzensprojekt. Bis dann ein Traumangebot auf meinen Tisch flatterte. Jetzt bin ich angekommen und gehe ausnahmslos jeden Tag überaus motiviert zur Arbeit. Und wer weiß, vielleicht werde ich ja doch noch irgendwann Teilhaberin einer Sprachschule.“

Du beschreibst das Referendariat als „Lehrerausbildung-nach-Studium-Hölle“. Was genau läuft deiner Meinung nach im Referendariat falsch?

Frau Ella: „Meiner Ansicht nach alles. Vereinzelt höre ich, dass das Referendariat ganz toll sein kann. Es freut mich, dass das fallweise so zu sein scheint. Der überwiegende Tenor ist aber der, dass es als überaus negativ und teilweise menschenverachtend wahrgenommen wird.
Nach meistens fünf Jahren Studium und als erwachsener Mensch kommt man an die Studienseminare und wird menschlich zurückgestuft auf die Zeit im Kindergarten. Schön war eine Aussage meines Ausbilders zu dem Problem: ‚Ich kann ja auch nichts machen. Das liegt alles im System begründet.‘ Dass er das System ist, hat er erfolgreich verdrängt. Andere Studierende haben nach erfolgreich abgeschlossenem Studium die Möglichkeit, als vollwertiges Mitglied in die Arbeitswelt einzusteigen. Lehrerinnen und Lehrern müssen nochmal 1,5 Jahre Ausbildung anhängen. Und das mit intransparenten und egomanischen Ausbilderinnen und Ausbildern. Natürlich würde jede Seminarleitung vehement leugnen, dass die Arbeit bei ihnen intransparent verläuft.“

Wie geht es danach weiter?

Frau Ella: „Am Ende erfolgt die Prüfung durch die Ausbilderinnen und Ausbilder, die einen durch das Referendariat begleitet haben. In der freien Wirtschaft undenkbar. Die Prüfungskommission, vor die man dort tritt, ist dem Prüfling unbekannt. Nur in diesem Fall kann man von fairen Bedingungen sprechen. Wer es wagt, im Referendariat andere Ansichten als der Ausbilder oder die Ausbilderin zu haben, bekommt am Ende die Quittung.
Außerdem unterliegen die Ausbilderinnen und Ausbilder im Referendariat keiner Qualitätskontrolle. Weder durch eine zwingende – anonyme, am besten online-basierte – Evaluation seitens der Referendarinnen und Referendare, noch durch externe Aufsichten.
Meiner Ansicht nach sollte das Studium ausreichend sein, um anschließend als vollwertiger Lehrerin bzw. Lehrer arbeiten zu dürfen. Dafür müssten natürlich mehr Praxisanteile integriert und das Studium eventuell um eine kurze Zeitspanne verlängert werden, aber das wäre in meinen Augen gewinnbringender. Im Studium hatte ich um Längen bessere Ausbilderinnen und Ausbilder in Didaktik und Methodik als sie mir am System Schule jemals über den Weg gelaufen sind.“

Hast du Tipps für Referendarinnen und Referendare, denen es in ihrem Referendariat nicht besonders gut geht?

Frau Ella: „Das ist schwierig. Ich erlebe auch bei anderen, wie gnadenlos das Referendariat ist. Jeder geht damit anders um. Ich hatte einen Plan B im Hinterkopf und habe mir gesagt: ‚Solange mir hier niemand schriftlich gibt, dass ich nicht geeignet bin, gehe ich nicht.‘ Denn das Unterrichten an sich hat mir großen Spaß gemacht.
Es gibt die Möglichkeit, sich für einen begrenzten Zeitraum krankschreiben zu lassen. Das wird aber teilweise als Schwäche ausgelegt oder auch als Unkollegialität. ‚Sind Sie wirklich so krank, dass jemand anders Ihre Arbeit machen muss?‘ sind Sätze, die man in solchen Situationen zu hören bekommt.
Bis zu einem bestimmten Zeitpunkt im Referendariat kann man auch eine Unterbrechung beantragen. Das Problem hierbei ist, dass man irgendwann wieder ins Referendariat einsteigt und weitermacht, wo man aufgehört hat. Ich stelle es mir schwierig vor, dann voranzukommen. Gleichwohl ist es eine Möglichkeit für diejenigen, die abwägen müssen, ob der Lehrerberuf der richtige ist.“

Du wusstest irgendwann, dass du nicht als „klassische“ Lehrerin arbeiten möchtest. Auf welche Jobmöglichkeiten für Lehrerinnen und Lehrer bist du gestoßen?

Frau Ella: „Um es ganz klar zu sagen: so gut wie keine. Ich dachte während des Studiums , dass ich zwei vollwertige Fächer studiere und die pädagogischen Inhalte quasi ein Plus seien. Das Gegenteil ist der Fall. Das Lehramtsstudium wird oftmals nicht als vollwertiges Studium wahrgenommen. Vielleicht gibt es da auch einen Unterschied zwischen Gesellschafts- und Naturwissenschaften. Meiner Erfahrung nach ist der Markt für Lehrerinnen und Lehrer, die nicht an staatliche Schulen wollen, denkbar schlecht. Wer sich unsicher ist, ob er an die Schule gehen möchte, sollte während des Studiums Praktika machen. Am Anfang in interessante Bereiche reinschnuppern und sich dann einen Schwerpunkt setzen. Ich denke, das hilft enorm. Was dagegen nicht sonderlich hilft, sind Auslandserfahrungen. Davon habe ich genug. Gebracht hat es nichts.
Am ehesten kommt man an Privatschulen unter oder eben als freiberuflich Tätiger, z. B. im Bereich Nachhilfe oder Sprachunterricht. Allerdings sind die Verdienstaussichten traurig.“

Was vermisst du an deiner Lehrtätigkeit an einer Schule und was nicht?

Frau Ella: „Ehrlich gesagt, vermisse ich gar nichts. Ich unterrichte ja immer noch. Ich bin aber froh, dass ich nicht mehr mit Menschen zu tun habe, die abwertend über Schülerinnen und Schüler sprechen. Ich vermisse auch nicht das ‚Hauen und Stechen‘ um Funktionsstellen. Vor allem vermisse ich nicht den respektlosen Umgang mit Lehrerinnen und Lehrern seitens Politik, Behörden und Teilen der Elternschaft.“

Was würdest du Lehrerinnen und Lehrern bzw. Referendarinnen und Referendaren raten, die merken, dass sie den Lehrberuf nicht (mehr) ausführen wollen?

Frau Ella: „Macht Praktika. Bewerbt euch. Auch in anderen Bundesländern bzw. Ländern. Seid mutig. Findet neue Wege. Verfolgt euren Traum, auch entgegen negativer Kommentare aus dem Umfeld. Und wenn ihr noch nicht wisst, wie dieser Traum aussieht: Nehmt euch eine Auszeit.“


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