#PflichtfachInformatik für alle

Warum der Informatiklehrer André Hilbig dafür plädiert, dass jede Schülerin und jeder Schüler ab der Grundschule in Informatik ausgebildet werden sollte, erklärt er in diesem Gastbeitrag.

Gastbeitrag von André Hilbig.

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Informatiklehrer Andre Hilbig

André Hilbig arbeitet als Lehrer für Informatik und Physik an der Gesamtschule Uellendahl/Katernberg in Wuppertal. Im Studium beschäftigte er sich mit den Folgen der Wechselwirkung von Informatiksystemen und Gesellschaft. Seine Abschlussarbeit „Kompetenzen in der Informatik zur Prävention von Cybermobbing – Chancen und Wege des Informatikunterrichts an Schulen“ wurde im Rahmen der Springer Reihe BestMasters als Buch verlegt. Er bietet zu diesem Thema Fortbildungen für Lehrkräfte an.

Deutschland hat hohe Ansprüche an die Bildung. Dabei verschlafen wir eine wichtige Entwicklung: Wir schauen zu, wie andere Länder, z. B. Polen, die Niederlande oder England, die Informatik verpflichtend in ihren Fächerkanon aufnehmen. Auch Deutschland sollte von der Grundschule an ein bis zwei Stunden pro Woche Informatikunterricht verpflichtend für alle Schülerinnen und Schüler anbieten. Denn nicht erst seitdem die Politik über „digitale Bildung“ spricht, bestimmen informatische Werkzeuge und Produkte unseren Alltag.

Was passiert mit unseren Daten?

Damit wir nicht zum Spielball der technischen und informatischen Entwicklung werden – also nicht nur bedienend, sondern aktiv gestaltend zu handeln – muss jede und jeder Einzelne von uns lernen, hinter die Fassade eines Tablets, Smartphones oder Laptops zu blicken. Gerade Schülerinnen und Schüler wollen dies. Sie fordern aktiv ein, ihre Welt zu erschaffen, Neues zu erzeugen und Probleme zu lösen.
Ein Beispiel: Was passiert, wenn der Wahl-O-Mat einem die AfD als Ergebnis für die nächste Landtagswahl nahelegt? Warum tut er dies? Was kann aus den von einem selbst eingegebenen Daten abgeleitet werden? Zur Beantwortung dieser Fragen muss ein Verständnis davon vorhanden sein, wie Daten automatisiert ausgewertet werden. Der dahinterliegende Algorithmus muss verstanden werden, um die Empfehlung und damit einhergehend, die politische Meinungsbildung des Wahl-O-Mats zu durchschauen. Das geht nicht ohne eine informatische Grundbildung.

Wie beeinflussen informatische Systeme unseren Alltag?

Mündige Bürgerinnen und Bürger sollen einschätzen können, wie das Ergebnis des Wahl-O-Mats zustande kommt. Auch dann noch, wenn sich Technik und Medienwelt weiterentwickelt haben und es keine Webseiten, keine Touchscreens oder smarten Geräte mehr gibt. Denn die Konzepte und die informatischen Ideen werden dieselben bleiben. Wer vor zwanzig Jahren informatisch gebildet war, ist es auch heute noch und wird von den heutigen Problemen, z. B. dem Schutz von persönlichen Daten, nicht überrascht sein.
Die Wechselwirkungen durch informatische Systeme sind schon bei alltäglichen Situationen sehr komplex: Wird z. B. eine beschämende Nachricht in einem sozialen Netzwerk veröffentlicht, wird diese nicht nur dauerhaft gespeichert und damit wiederholbar. Der Inhalt der Nachricht kann außerdem automatisch ausgewertet werden. Ein einfacher Abgleich mit den Fotos der letzten Party, den Vorlieben für bestimmte Produkte bei Amazon usw. kann zu weiterem Zündstoff führen. Solch eine komplexe Dynamik sollen Kinder durchschauen, bevor sie sich in sozialen Netzwerken oder bei Online-Games anmelden, bevor sie eventuell mit dem Teufelskreis des Cybermobbing in Kontakt kommen.

Darum brauchen wir das #PflichtfachInformatik!

Die zugrunde liegenden Konzepte und Kompetenzen der Datenerfassung, speicherung und -auswertung vermittelt das Fach Informatik. Die Gesellschaft für Informatik (kurz: GI) empfiehlt daher Bildungsstandards für alle schulischen Jahrgangsstufen. Sie fordert seit Jahren die Implementierung eines Pflichtfachs Informatik. Dieser eigene Lernort für die informatische Bildung in einer informatischen Welt ist nötig, um Menschen auf ein Leben in Vernunft und Mündigkeit vorzubereiten. Diesen Ort brauchen wir für jede Schülerin und jeden Schüler. Wir versacken mit Informatik in Deutschland im Wahlbereich, häufig in Konkurrenz zu anderen wichtigen Fächern. Dadurch erreichen wir viel zu wenig Schülerinnen und Schüler.

Die GI möchte Menschen darin fördern, auch noch in zehn Jahren kompetent zu sein. Dafür braucht es Gestaltungskompetenzen – keine reinen Bedienkompetenzen, die kaum einen Veröffentlichungszyklus überleben. Nur so können die Menschen verstehen, was sie etwa bei Cybermobbing anrichten. Nur so können wir verhindern, dass Schülerinnen und Schüler unwissend Nachrichten in Strukturen bereitstellen, deren Dynamiken sie weder kontrollieren noch einschätzen können. Um die notwendigen Kompetenzen vermitteln zu können, braucht es gut ausgebildete Lehrkräfte, die solche Kontexte im Fach Informatik aufwerfen und umfassend behandeln können. Neben pädagogischem, didaktischem und menschlichem Geschick muss eine Lehrkraft informatikdidaktische Expertise vorweisen können. Dafür ist es notwendig, Möglichkeiten zum handlungsorientierten Lernen, Erfahren und Anwenden innerhalb von didaktisch aufbereiteten Umgebungen bzw. Geräten zu kreieren, z. B. mit dem englischen Microbit oder der deutschen Realisierung „Calliope“.

Schafft das Schulsystem nicht nur für ein Fach ab!

Das deutsche Schulsystem ist nach Bezugswissenschaften und fachdidaktischer Lehrexpertise geordnet. Es muss also ein #PflichtfachInformatik geben. Es muss die Bezugswissenschaft für eine sinnvolle und kompetente Einordnung in ein fachliches Gerüst geben – Informatik ist mehr als Medien, mehr als Programmierenlernen. Hier lernen Kinder ihre Zukunft zu gestalten, zu verstehen, kritisch zu betrachten und ihre eigene Identität in einer „informatisch geprägten“ Gesellschaft zu definieren. Lehrkräfte brauchen den Lernort Informatik, um konsequent, planbar und gesichert notwendige Lernmöglichkeiten zu schaffen. Genauso wie Lesen, Schreiben und Rechnen ist Informatik ab der Grundschule notwendig.



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